Tool Kunst vor Kommerz

Die US-Band Tool gilt als letzte Instanz in Fragen alternativer Rockmusik. Die introvertierten Musiker geben jedoch keine Antworten, sondern veröffentlichen mit "Lateralus" bereits das dritte Album mit zähen, in sich verschachtelten Kompositionen zwischen Wahnsinn und Genie.

"Wir vier wollten niemals Rockstars werden, wir wollten Kunst um der Kunst willen machen", sagte Tool-Gitarrist Adam Jones kürzlich in einem Interview.Was wie eine der vielen Phrasen klingt, die Rockmusiker benutzen, um darüber hinwegzutäuschen, dass es ihnen eigentlich nur um Ruhm, Spaß und Groupies geht, ist angesichts der derzeit enigmatischsten allerRockbands wohl für bare Münze zu nehmen. Tool, 1990 von Jones und dem Sänger Maynard James Keenan in Los Angeles gegründet, gelten seit einem knappen Jahrzehnt als letzte Instanz, wenn es um den Anspruch harter Rockmusik geht. Diese droht bekanntlich seit den letzten großen Tagen Ende der Siebziger immer wieder zwischen Kommerz und Witzfigurentum zerrieben zu werden.Warum gerade Tool diesen erhobenen Status genießen dürfen, erklärt sich vermutlich aus dem Ruch der Unerklärlichkeit, der die vier Kalifornier umweht, seit sie 1993 mit ihrem ersten regulären Album "Undertow" erstmals größeres Interesse und Erstaunen erregten. Von der Plattenfirma irrtümlich in die Heavy-Metal-Schublade sortiert, entpuppten sich Tool bald als Act, dem Genregrenzen viel zu eng sind. Angesiedelt irgendwo zwischen Post-Punk, Death-Metal, Prog-Rock und Jane's Addiction pflegen Tool düstere, experimentell und improvisiert anmutende Rock-Konstrukte. Getrieben werden diese von harten, rhythmischen Gitarren-Riffs, Keenans kehlig-klagendem Gesang und Texten, die bedeutungsschwanger, sinister und bedrohlich anmuten, sich einer klaren Deutung aber oft entziehen. Im formatierten Korridorsystem des Rock-Business gab es mit Tool plötzlich eine Band, die den lange verschütteten Kanal zur Kunst wieder öffnete und sich weniger um Songstrukturen, als um die Perfektion des Ausdrucks kümmerte. Den nächsten Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel unternahmen Tool mit ihrem zweiten Album "Aenima" (1996). Mit besserer Produktion, noch kryptischeren Texten und ausufernden Stücken, die von instrumentalenInterludien ergänzt wurden, schuf die Band ihr von Kritikern und Fans einhellig bewundertes Meisterstück. Im reichlich diffusen Kosmos aus unbehaglicher Atmosphäre, martialischem Artwork und expressionistischenVideoclips fand die neurotische, vom postmodernen Leben überforderte Grunge-Generation eine ideale Reflektionsfläche. Die Band selbst blieb weiterhin im Hintergrund und wehrt sich auch heute noch dagegen, zu Helden oder Sprachrohren erklärt zu werden. Die Kunst und immer wieder die Kunst stehe im Vordergrund, nicht die Personen, lassen sie verlauten und konzentrieren sich - wie ihre britischen Pendants von Radiohead - auf den direkten Dialog mit den Fans im Internet. Auch "Lateralus", das in der Alternative-Rock-Szene herbeigesehnte dritte Album von Tool, bricht nicht mit den Standards der Desinformation, die die Band für sich und die wohl feindliche Welt der Musikjournalisten und Erklärer geschaffen hat. Fünf Jahre dauerte es, bis das neue Werk fertig war. Nicht, weil es so lange gedauert hätte, die Stücke zu schreiben, wie Jones sagt, sondern weil ein zermürbender Rechtstreit mit der Plattenfirma und Keenans Nebenprojekt A Perfect Circle alles verzögerte. So nahm die Band die Grundgerüste ihrer neuen Kompositionen zum großen Teil ohne ihren Sänger auf. Keenan, charismatisch, aber stets etwas entrückt wirkend, offenbarte dazu in einem seiner seltenen Interviews, dass er viele der "Lateralus"-Texte erst bei den finalen Aufnahme-Sessions improvisiert hätte. Ihm sei es darum gegangen, die Stimmung der Musik aufzugreifen und mit geeigneten Worten zu interpretieren. "Wenn jemand diese Platte hört, sollte er sich immer wieder bewusst machen, dass die Musik nicht von uns kommt. Sie ist da draußen und sucht sich manchmal ein Medium", sagt Keenan. "Sich auf uns als Band zu konzentrieren, ist also schon im Ansatz falsch. Es füttert unser Ego, und das macht es für uns schwerer, die Musik in ihrer pursten Form passieren zu lassen." Esoterik und Exzentrik im wonnevollen Hirnfick.Eine "Message", einen tieferen Sinn oder gar eine bedeutsame Botschaft außerhalb des künstlerischen Anspruchs scheint es also nicht zu geben bei Tool, deren Musik sich - wenn überhaupt - nicht beim erstenHör-Erlebnis öffnet. Jene 80 Minuten experimentaler Komposition und Dekonstruktion gängiger Rock-Strukturen, mit denen "Lateralus" vollgestopft ist, sind selbst für hart gesottene Konsumenten schwere Kost.Doch vielleicht ist gerade diese Widerborstigkeit eine Qualität, die Tool in Zeiten leicht verderblicher, kommerziell zugeschnittener Rock-Ware tatsächlich unverzichtbar macht. Kein Fast Food verdaut sich ohne Ballaststoffe...



Soundprobe von Tools "The Grudge" mit folgendem Player hören:
Quicktime Windows Media Player

Tool: "Lateralus" (Dissectional/Volcano), veröffentlicht am 15 Mai 2001.

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