Top of the Blogs Den Mund voller Bienen

Ob's ein Star wird oder nicht, entscheidet oft ... das Netz. SPIEGEL ONLINE sucht in den Internet-Communitys nach den meistdiskutierten Bands und Künstlern - Top of the Blogs. Heute mit Mouthful of Bees, Joseph Arthur, Central Services, The Zincs und The Twilight Sad.
Von Heiko Behr

JOSEPH ARTHUR

Warum den illegalen Bootleggern, die jeden Konzertschnipsel aufnehmen, das Feld überlassen? Was Pearl Jam schon vor Jahren entdeckt haben, zieht auch Joseph Arthur konsequent durch: Auf seiner Homepage kann man komplette Mitschnitte aus den zahllosen Touren des Amerikaners erwerben. Wer eine so treue Live-Gemeinde hat wie er, kann sich so sicherlich ein nettes Zubrot verdienen. Was man dennoch verpasst: absurde Kostümierungen, Handpuppen-Dialoge, Toilettenpapier-Werferei, abstruse Tänze und schamloses Genießen der eigenen Popularität. Das liefert eben nur das Live-Erlebnis. Auf seinen Platten arbeitet Arthur seine so düsteren wie süßlichen, so grimmigen wie hoffnungsvollen Alternative-Country-Songs selten bis zur Perfektion aus, so bewahrt er sich das Skizzenhafte, Vergängliche. Für dieses Jahr hat er gleich zwei Alben angekündigt.

"Central Services aus Seattle würden sich im Radio pudelwohl fühlen. Tatsächlich haben sie es quasi ohne Promotion geschafft…" - gleich mehrere Blogs beginnen ihre Lobeshymnen über das Quintett mit identischen Zeilen. Sehr verdächtig! Eine konzertierte Kampagne? Ein abgesprochener Hype? Tatsächlich arbeitet die noch ungesignte Band mit einer Marketing-Firma zusammen, die sich speziell auf die privaten Meinungsführer im Internet konzentriert. Das ist im Grunde natürlich völlig legitim, und wäre ihr fluffiger Poprock allzu harmlos und handzahm, würde die Szene ohnehin nicht anbeißen. So aber könnte man vielleicht bald wirklich im Radio diesen angenehm schwerelosen Siebziger-Sound hören, der von Fleetwood Mac bis hin zu Ben Folds immer weiter getragen wird. Oder sie bleiben - wie ihre Brüder im Geiste Nada Surf - ein ewiger Geheimtipp. Alle Songs auf ihrer MySpace-Seite werden zum freien Download angeboten.

Im poporientierten Feuilleton wird ja gern über die Texte vergrübelter Singer/Songwriter sinniert. Ein Ansatz, der in der Blogosphäre eher selten gewählt wird, hier geht es meistens um den direkteren Zugang, die Musik. Über die Texte von Jim Elkington stolpert man allerdings auch hier allerorten: "Now you know that once your copulations fail/ You're only half of that creature with two spines/ And every new acquaintance that you add will say you get thee done/ Part beast/ You bear the signs/ But which half are you now?" Elkington singt Sperrig-sexuelles wie dieses mit düsterem Bariton über die meist stoischen Sounds seiner Band, das alles siedelt sich irgendwo zwischen Scott Walker, David Bowie und Nick Cave an. In den Bescheidwisserblogs schadet es ihm zudem nicht, dass er auch Mitglied der Kultband Sophia war. Auf seiner Labelseite wird das schwer zu empfehlende Album "Black Pompadour" komplett gestreamt.

Arena-Rock! Fällt in der Internetszene dieses Wort, kommt das einer Verurteilung zu ewiger Verdammnis gleich. Nichts entsetzt den Indie-sozialisierten Blogger mehr als die Ahnung, eine Band könnte diesen Weg einschlagen und damit Verrat begehen. Als aktuelles Beispiel sei hier Snow Patrol genannt, die es in den USA zu erstaunlichen Chartsplatzierungen gebracht haben. Ebenfalls aus dem schottischen Glasgow scheinen sich The Twilight Sad auf deren Spuren zu begeben. Könnte man denken - läge aber falsch. Auch wenn die pompösen, halldurchtränkten Gitarren stets das Fundament für die mit sakralem Ernst vorgetragenen Melodien bereiteen, zerstören The Twilight Sad die sorgsam aufgebaute Dramaturgie immer wieder gern mit hämmernden, monotonen Klaviertönen oder ausufernden Fade-Outs. Genau diese kleinen, sehr wirksamen Momente sind es, die dann doch vor dem vernichtenden Urteil rettet. Und dazu noch dieser unwiderstehliche Akzent…

Erstaunlich, wie viel Aufregung noch um einen Namen entstehen kann: Mouthful of Bees. Kaum ein Posting kommt an allerhand assoziativen Bildern vorbei, die der Bandname auslöst. Derlei Details können in der übersättigten Szene manchmal den Ausschlag geben. So stieß man oft über ihre MySpace-Seite auf die gnadenlos junge Band aus Minneapolis – aufgrund des Namens. Gleich der Titelsong ihres Debütalbums "The Now" gibt die Marschroute vor: Rumpeliger, roher High-Energy-Rock mit dem entscheidenden Quentchen Melodie - offenbar im Keller eines Freundes ruckzuck eingespielt. Ein komplett durchproduziertes Album soll schon im Herbst erscheinen. Ihre unbeschwerte Attitüde werden sie wohl hinüberretten können.