Top of the Blogs Seelensuche mit My Brightest Diamond

Ob's ein Star wird oder nicht, das entscheidet oft ... das Netz. SPIEGEL ONLINE sucht in den Internet-Communitys nach den meistdiskutierten Bands und Künstlern - Top of the Blogs. Heute mit My Brightest Diamond, Ohbijou, Lavender Diamond, Ich jetzt täglich und den ominösen Alex Delivery.
Von Heiko Behr

MY BRIGHTEST DIAMOND

Es gibt Vergleiche, die können Karrieren beenden im Blogoversum. So hätte die schnell kursierende Assoziation mit Indie-Ikone Jeff Buckley für My Brightest Diamond der Todesstoß sein können. Auch als ausgebildete Opernsängerin kann deren einziges Mitglied Shara Worden da nur verlieren. Blogger sind eben empfindlich, wenn es um ihre Helden geht. Auf ihrem Debütalbum "Bring Me The Workhorse" von 2006 zeigte die Künstlerin, die live auch gern mal Superheldenkostüme trägt, dass ihre Referenzpalette über Björk und Portishead bis hin zu Kate Bush reicht: tiefgründige, teilweise aufwendig instrumentierte Seelenreisen. Nun ist sie mit einem Album in aller Munde, auf dem befreundete Remixer das Originalmaterial auf Drum'n'Bass-, Ambient- oder simple Clubformate trimmten. Und plötzlich hören nicht nur die Buckley-Vergleiche auf; über den Umweg der Remixe ist auch das Debüt wieder aufgetaucht. Das Label Asthmatic Kitty streamt großzügigerweise beide Alben zur Gänze.

Die Kanadier müssen ein stolzes Volk sein. Im Netz widmen sich Blogs gleich massenweise ausschließlich der Heimat von Arcade Fire, und rufen unerbittlich und in immer kürzeren Abständen "Die beste Band überhaupt" aus. Eine dieser hochgelobten Acts ist zurzeit Ohbijou aus Brantford, Ontario. Der Hype setzte leicht verzögert erst Ende des Jahres ein, so dass viele Blogger heute fast entschuldigend anmerken, die Band fehle leider bei der – allseits beliebten – Hitliste der "Alben des Jahres". Tatsächlich müssen die Stücke Ohbijous erst einmal verdaut werden. In ihrem orchestralen, anschwellenden Sound vereint das Septett klassisches Instrumentarium wie Cello, Trompete oder Geige mit brüchigem, engelsgleichen Gesang – hier wird weniger auf offensichtliche Effekte oder eingängige Melodien hingearbeitet, es geht vielmehr ums organische Wachsen. "Swift Feet For Troubling Times", das Debüt, ist ein kleines Hippie-Kammerorchesteralbum. Kein Wunder, dass Ohbijou das Wetter, Tiere und Freunde als Haupteinflüsse bezeichnen und weniger die gängigen Retroband-Inspirationen.

"Ich gratuliere euch zum allgemeinen Weltfrieden", waren die ersten Worte, die Becky Stark und ihre Band Lavender Diamond den Besuchern der hiesigen Decemberists-Konzerte im Februar entgegengrinste. Im erstaunlichen Einvernehmen wurde diese Begrüßung der noch unbekannten Vorband aus Los Angeles in der deutschen Bloglandschaft zwar etwas belächelt, aber dennoch ist man sich einig: Die darf das! An Becky Stark prallt übellauniger Zynismus ab, sie meint es ehrlich mit uns. Es mag die erwartungsvolle Begeisterung für die Hauptband gewesen sein, doch Lavender Diamond haben einen tiefen Eindruck hinterlassen. Etwas verspätet hat auch die Plattenfirma Rough Trade ein Einsehen, so dass die wunderbare EP "Cavalry of Light" von 2005 nun auch hierzulande veröffentlicht wird, am 2. Mai soll dann das komplette Album "Imagine Our Love" folgen: Zarter, simpler Sixties-Folkpop mit Elfen-Melodien und warmherzigen Texte.

Da auch die (meisten) Labels längst ihre Bedeutung erkannt haben, wird die Blogosphäre mittlerweile ausgiebig bemustert und mit Infos versorgt. Das zahlt sich aus – zumindest bei einem Label wie Jagjaguwar aus dem beschaulichen Bloomington in Indiana. In der Szene hat es sich mit Acts wie Okkervil River, Oneida oder Daniel Johnston längst einen Namen gemacht, so dass jeder Neuzugang Qualitätsvorschub genießt. Anders ist die Aufregung um Alex Delivery, die der Öffentlichkeit erst einen einzigen Track gönnen, nicht zu erklären. Das Experimental-Kollektiv aus Brooklyn baut scheinbar auf den Gegensatz zwischen Neu und Alt auf, hochtechnologisiert und rudimentär zugleich. Auf stoisch fiependen Sequenzersounds entwickeln Alex Delivery mäandernde Texturen mit Kuhglocken voller Dynamik und Gewaltbereitschaft. Erste Videoschnipsel auf ihrer MySpace-Seite legen nahe: CyberKrautrock könnte das nächste große Ding werden…

Deutsche Bands mit deutschen Texten haben es naturgemäß schwer im internationalen Markt. Das geht auch Ich Jetzt Täglich so, die jenseits der Landesgrenzen wohl kaum in den Blogs auftauchen mit Texten wie diesen: "Befestigt eure Kameras in unseren Kinderzimmern/ Wir lassen es geschehen - Notwehr ist unbequem/ Schaut uns doch beim Schlafen zu, bis alle hier erwachen/ Castet uns und stellt uns auf, wo immer wir hinpassen." Gemäßigte Sozialkritik, ein Wortspiel hier, ein interessante Wendung dort – die Band mit dem überaus umständlichen Namen zeigt sich immer dann von ihrer interessanten Seite, wenn sie sich von ihren vertrackteren Anfängen am weitesten entfernen und geradeaus rockt. Eine Erkenntnis, die man ja auch beim letzten, großartigen Kante-Album "Die Tiere sind unruhig" nachvollziehen konnte. Im Gegensatz zu den ebenfalls aus Hamburg stammenden Kollegen stecken Ich Jetzt Täglich allerdings mit ihrem neuen Album "Allee sorglos" auf halber Wegstrecke fest. Wann kommt der Ausbruch?