Tori-Amos-Album "Night of Hunters" Unzerstörbar schön

Nach Jahren arg bemühter Konzept-Alben legt die amerikanische Musikerin Tori Amos tatsächlich noch ein tolles, in sich geschlossenes Werk vor. Zu verdanken hat sie das der Klassik.

Victor de Mello

Mit klassischer Musik hat Tori Amos in jungen Jahren keine gute Erfahrung gemacht. Als Kind fiel sie daheim in Baltimore schnell als hochbegabte Klavierspielerin auf und bekam ein Stipendium am altehrwürdigen Peabody Konservatorium. Weil sie sich allerdings wenig für beschriebene Notenblätter interessierte und sehr für frei improvisierte Rock-Songs, setzte man die kleine Tori mit elf Jahren wieder vor die Tür.

Mittlerweile ist Tori Amos 48 Jahre alt, hat viele Millionen Platten verkauft und seit vielen Jahren kein nennenswertes Lied mehr geschrieben. Helfen soll nun die Rückbesinnung auf Klassische Musik.

Auf ihrem gerade veröffentlichten Werk "Night of Hunters" bediente sich die Künstlerin bei Melodien klassischer Komponisten wie Debussy, Bach, Satie, Mussorgsky, Schumann oder Chopin. Das scheint zwar arg bemüht, ist aber erstaunlich unterhaltsam anzuhören. Erstaunlich vor allem deshalb, weil die Alben von Amos in den vergangenen Jahren unter zwar ausgefeilten, aber doch ziemlich bemühten Konzepten litten.

Die Nacht der Jäger

Die rothaarige Exzentrikerin, die vor knapp zwei Jahrzehnten mit faszinierenden Songs wie "Silent All These Years", "Winter" oder "Cornflake Girl" berühmt wurde, wollte, so schien es, mit ausgefuchsten Konzeptideen über ihre musikalische Einfallslosigkeit hinwegtäuschen. Mal trällerte sie ein Album lang Lieder, die Männer über Frauen verfasst hatten ("Strange Little Girls"), dann versuchte sie es mit einer "klingenden Kurzgeschichte" ("Scarlet's Walk") oder auch mal mit griechischer Mythologie ("American Doll Posse").

Das verkaufte sich alles ganz ordentlich, war aber letztlich künstlerisch belanglos, was Miss Amos, einer klugen Frau, vermutlich bewusst war.

"Night of Hunters" ist ihr erstes wirklich gut anhörbares Konzeptalbum geworden und funktioniert vor allem dank der unzerstörbar schönen klassischen Melodien. Gespannt sein darf man nun auf ihr für kommendes Frühjahr angekündigtes Musical "The Light Princess" nach einem Märchen von George MacDonald. Vorher wird Tori Amos in diesem Herbst aber noch in Deutschland auf Konzertreise gehen. Und auf der Bühne war sie selbst mit mittelmäßigen Alben noch ein Ereignis.



insgesamt 7 Beiträge
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annakusa, 07.10.2011
1. negativ
Sehr ärgerlich, wie abwertend hier über eine große Künstlerin berichtet wird. Es gibt so viele Sternchen, die nichts können - nicht singen, nicht tanzen, kein Instrument beherrschen, etc. und vielleicht nur irgendein dummes Liedchen auf youtube trällern. In manch einer Nachricht auf SPON wurden solche Sternchen positiver erwähnt als nun Tori Amos, und ohne diesen negativen Beiklang! Tori Amos hat nicht nur eine wunderbare Stimme, sondern spielt auch Klavier und hat einige sehr schöne Lieder komponiert und gesungen, auch wenn das schon 20 Jahre her sein mag. Sie hat auch sehr viele schöne Coverversionen, bei denen sie nicht nur gedankenlos irgendwelche Hits nachsingt, sondern auch ihre eigene Art und Weise präsentiert. Hier wird sie aber so dargestellt, als hätte sie all die Jahre im Business vor sich hingedümpelt (um nicht zu sagen schmarotzt). Beispielhaft auch, dass sie es nie nötig hatte, ihre Musik mit einem Übermaß an Sex zu verkaufen. Heutzutage präsentieren sich ja so gut wie alle "Sängerinnen" als Oberschlampen. Aber das ist ein anderes Thema.
mulhollanddriver 07.10.2011
2. Seltsam.
Zitat von annakusaSehr ärgerlich, wie abwertend hier über eine große Künstlerin berichtet wird. Es gibt so viele Sternchen, die nichts können - nicht singen, nicht tanzen, kein Instrument beherrschen, etc. und vielleicht nur irgendein dummes Liedchen auf youtube trällern. In manch einer Nachricht auf SPON wurden solche Sternchen positiver erwähnt als nun Tori Amos, und ohne diesen negativen Beiklang! Tori Amos hat nicht nur eine wunderbare Stimme, sondern spielt auch Klavier und hat einige sehr schöne Lieder komponiert und gesungen, auch wenn das schon 20 Jahre her sein mag. Sie hat auch sehr viele schöne Coverversionen, bei denen sie nicht nur gedankenlos irgendwelche Hits nachsingt, sondern auch ihre eigene Art und Weise präsentiert. Hier wird sie aber so dargestellt, als hätte sie all die Jahre im Business vor sich hingedümpelt (um nicht zu sagen schmarotzt). Beispielhaft auch, dass sie es nie nötig hatte, ihre Musik mit einem Übermaß an Sex zu verkaufen. Heutzutage präsentieren sich ja so gut wie alle "Sängerinnen" als Oberschlampen. Aber das ist ein anderes Thema.
Ja. Vor allem ist es seltsam, daß ihre aus meiner Sicht schlechteste CD - vom ersten Album "I Kant Tori Read" mal abgesehen - hier als die beste CD dargestellt wird. Von der aktuellen CD bin ich ziemlich enttäuscht. Unharmonische, teils nervige Klänge dominieren. Es gibt nur wenige Stücke, die mir gefallen. Was den Spiegel-Artikel zur CD betrifft: Den hätte man sich in dieser Form sparen können. Es ist ein lieblos dahingeschriebener Text ohne Recherche. Wie man es richtig macht, hat der auch in Berlin sehr beliebte Brandenburger Radiosender radio eins gezeigt. Dort war das Album CD der Woche und wurde ausführlich besprochen. Unter anderem konnten die Hörer erfahren, wer die Idee zu der neuen CD hatte. Tori Amos selbst war es nicht. Wenigstens das hätte der Spiegel in Erfahrung bringen und schreiben können...
uligrepel, 07.10.2011
3. Spiegel Online Bewertungen bewerten
Bei Kinofilmen geht es mir ja fast immer so. Filme, die Spiegel Online positiv bewertet, mag ich nicht. Filme, die Spiegel Online negativ bewertet, mag ich. Insofern sind die Filmkritiken für mich brauchbar - nachdem ich die Bewertungen negiert habe. Bei Musik ist es nicht ganz so einfach, so auch hier. Mir persönlich gefällt "Night of Hunters" sehr gut, von "Bemühung" kann ich hier nichts erkennen. Und nur "unterhaltsam" ist mir zu wenig. Sei's drum. Vielleicht hat Spon hier nicht gewusst, wo sie kritisieren sollen? Im übrigen fand ich auch Tori Amos' vorheriges "normales" (= nicht-Weihnachts-) Album "Abnormally Attracted to Sin" schon einen deutlichen Vorsprung vor den anderen Alben der vergangenen 10 Jahre. Wobei das immer Meckern auf hohem Niveau darstellt. Selbst "Y Kant Tori Read" ist mir noch unendlich lieber als die Alben der meisten anderen Musiker, die derzeit kommerziellen Erfolg feiern.
Der Wolf 07.10.2011
4. unschön gestört..
Ich stimme meinen Vorrednern zu, wenn auch nicht darüber, ob das neue Album so mies ist. Immerhin reden wir bei populärer Musik immer über die Geschmacksfrage und nie über Komposition, Harmonieführung oder inhaltliche Tiefe. Für populär-Musik ist Tori Amos eine herausragende Künstlerin und der hier verfasste Artikel leider ein weiterer Beweis dafür, dass man über Musik einfach besser nichts schreibt, ausser: "hört euch den Kram an, es gefällt euch oder nicht!" Musik ist individuell und kann und sollte nicht von Schreiberfuzzies erzwungen bewertet werden. qed
ceciliacarax 07.10.2011
5. Unglaublich
Ich find's wirklich fast schon unverschämt, wie hier über eine der größten Musikerinnen (nicht nur meine, sondern auch die offizielle Meinung) des vergangenen Jahrhunderts "berichtet" wird. Im Zeitalter der One-Hit-Wonder, in dem die Musikbranche sich doch mehr auf Verkaufszahlen als auf tatsächliches Talent konzentriert, sollten Talente wie Tori viel mehr hervorgehoben werden. Sie schreibt ihre Musik immerhin tatsächlich noch selber, singt phantastisch und spielt nebenbei auch noch perfekt Klavier. Es scheint tatsächlich so, dass auch große Künstler hin und wieder durch irgendwelche Mainstream-Chartstürmer oder peinliche Eskapaden im Privatleben von sich reden machen müssen, um weiterhin in der Musik-Welt ernst genommen zu werden. Und dass sie "in den letzten Jahren kein nennenswertes Lied" geschrieben hat, wage ich doch stark zu bezweifeln. Wenn sie in den letzten Jahren tatsächlich nur Murks gemacht hätte, wäre "Deutsche Grammophon" (die immerhin Rang und Namen hat) wohl kaum auf die Idee gekommen, Tori mit diesem modernen Liedzyklus zu beauftragen. Das "arg bemühte" Konzept-Album "Night of Hunters" wirkt, glaube ich, nur dann "arg bemüht", wenn man sich die ganze Geschichte drum herum nicht mal zu Gemüte führt, so zum Beispiel die mythologischen Inhalte, die sie in ihren Texten verwendet, oder eben die Stücke, an denen sie sich beim Komponieren ihrer Lieder für dieses Album orientiert, bzw. die sie dafür verwendet hat. Dass Tori mit diesem "arg bemühten, aber erstaunlich unterhaltsamen" Album gerade Chartgeschichte geschrieben hat, wird hier auch nicht erwähnt. Schwach.
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