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04. April 2012, 23:18 Uhr

Neuer Chefredakteur Groß

Springsteen aufs "Spex"-Cover - warum nicht?

Chefwechsel beim Checker-Blatt: Torsten Groß vom Mainstream-Musikmagazin "Rolling Stone" übernimmt die Diskurs-Postille "Spex". Im Interview bezieht er erstmals Stellung. Er kritisiert die bisherige Themenwahl als "oft randständig" - und verrät, warum künftig sogar Springsteen aufs Cover passt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wechseln vom eher traditionell orientierten Musikmagazin "Rolling Stone" zum Pop-Diskurs-Zentralorgan "Spex" und werden dort neuer Chefredakteur. Wie kam es dazu?

Groß: Zunächst einmal stören mich solche Kategorisierungen. Viele Leute haben offenbar ein sehr klischeebehaftetes Bild von dem Image einer Zeitschrift. Genauso wenig, wie der "Rolling Stone" nur ein Altherrenrock-Magazin ist, ist die "Spex" ausschließlich das verkopfte Intellektuellen-Magazin. Aber zur Frage: Die "Spex" ist eine wahnsinnig spannende Herausforderung. Das Magazin ist in dem Segment Popkultur- und Musikmagazine eine der wirklich großen Eigenmarken. Die Zukunft eines solchen Magazins gestalten zu dürfen, ist eine große Ehre. Zumal ich in jüngerer Vergangenheit auch ein paar Punkte kritisiert habe und grundsätzlich anders gemacht hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll die "Spex" denn in Zukunft aussehen?

Groß: Das Heft hat sich meiner Ansicht nach zuletzt immer mehr zu einer Art Kaffeetisch-Magazin entwickelt - für eine extrem spitze Zielgruppe überdurchschnittlich gut Informierter. Andere wurden teilweise ausgeschlossen. Die "Spex" muss aber meiner Ansicht nach ein Publikumsmagazin sein und bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Und wer hat sich ausgeschlossen gefühlt?

Groß: Ich kann keine konkreten Gruppen oder Personen benennen. Das ist ein Eindruck, der sich vor allem aus Beobachtungen speist. Ich fand die Themen oft sehr randständig. Und die Art und Weise, wie sie verkauft wurden, nicht unbedingt einladend. Wenn man ein unpopuläres Thema oder einen Künstler aufgreift, der völlig unbekannt ist, darf man nicht allzu viel voraussetzen. Man muss die Lust und die Frische mitbringen, die Leser dazu einzuladen, sich darauf einzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Vorgänger Jan Kedves und Wibke Wetzker haben die "Spex" auch für Themen wie Filmtheorie und Mode geöffnet. Werden solche Inhalte auch künftig ihren Platz finden?

Groß: Grundsätzlich wird der aktuelle Themenmix, der übrigens bereits nach dem Umzug aus Köln nach Berlin unter dem damaligen Chefredakteur Max Dax beschlossen wurde, beibehalten werden. Die "Spex" wird ein allgemeines Popkulturmagazin bleiben, Film, Theater, Mode, Kunst oder Literatur werden weiterhin vorkommen, ich werde aber die Gewichtung wieder ein bisschen verschieben. Musik kam mir zuletzt aber wie das ungeliebte Patenkind vor - ihren Anteil werde ich erhöhen. Nicht zuletzt möchte ich aber verändern, wie berichtet wird - und andere journalistische Formen wieder etablieren. Die Reportage ist extrem unterrepräsentiert, Glossen und dergleichen ebenfalls. Ich muss aber sagen: Andere sind in der Vergangenheit mit gewaltigen Konzepten angetreten, die sich dann nicht unbedingt im Heft wiedergefunden haben. Ein solches wird es von mir vorab in dieser Form nicht geben. Wir reden über einen längeren Umbruchsprozess. Es wird nicht einfach "peng!" machen. Nach zwei oder drei Ausgaben werde ich mich aber an meiner Arbeit messen lassen, dann wird ein Heft vorliegen, hinter dem ich voll und ganz stehen kann. Sie können gerne dann noch einmal auf mich zurückkommen.

SPIEGEL ONLINE: Auf den Listen Ihrer Lieblingsmusik im "Rolling Stone" steht Bruce Springsteen. Würden Sie den Boss aufs Cover der "Spex" bringen?

Groß: Wenn es passt, warum nicht? Die "Spex" hat den unbedingten Auftrag, popkulturelle Phänomene abzubilden, allzu geschmäcklerisch sollte man dabei nicht vorgehen. Bei manchen Themen ist eben auch entscheidend, wie berichtet wird, nicht unbedingt nur worüber. Ungeachtet dessen geht es hier aber nicht darum, mich selbst und meinen Musikgeschmack auszuleben. Auch wenn sicher nichts dagegen spricht, einige Themen aus der von Ihnen angesprochenen Liste zu machen, die manche vielleicht nicht sofort mit der "Spex" assoziieren würden.

SPIEGEL ONLINE: Wer von Ihrer Liste passt denn in die "Spex"?

Groß: Ich möchte hier ungern einzelne Namen nennen, aber es spricht absolut nichts dagegen, jemanden wie David Bowie zum Thema zu machen. Ganz grundsätzlich: Wenn ich mir den Kulturteil des "Rolling Stone" ansehe, sind die Unterschiede nicht so wahnsinnig groß, zumindest, was die Themenauswahl betrifft. Und es gibt Figuren, die im "Rolling Stone" auftauchen - und die auch in der "Spex" auftauchen könnten. Trotzdem werde ich keinesfalls eins zu eins meine Arbeit so weiterführen, wie ich es beim "Rolling Stone" getan habe. Auch wenn ich dort sehr gerne und erfolgreich gearbeitet habe: Niemand hat vor, hier einen Ableger des "Rolling Stone" zu eröffnen.

SPIEGEL ONLINE: Auch der "Spex" wird ab und zu ein Frauenproblem nachgesagt. Werden Autorinnen für Sie schreiben?

Groß: Ich hoffe sehr, sie sind herzlich eingeladen. Insbesondere im Musikjournalismus gibt es weitaus weniger Frauen als Männer. Ich hab in den letzten Jahren beim "Rolling Stone" ja immerhin eine Kollegin gehabt - über die ich sehr glücklich war und noch bin. Ich finde es extrem wichtig, Frauen im Team zu haben - und nicht nur im Autorenstamm. Ich habe jedenfalls kein Frauenproblem - und die "Spex" meiner Meinung auch nicht, das höre ich zum ersten Mal.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie kommentieren, wie es dazu kam, dass Sie den Posten von Ihren Vorgängern übernommen haben?

Groß: Nein. Wenn Sie dazu Näheres wissen möchten, wenden Sie sich bitte an den Verlag.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Ihre Vision für die "Spex" umreißen?

Groß: Die "Spex" ist nie ganz im neuen Berlin angekommen. Wichtig ist, das Magazin an lokale Szenen anzubinden. Und dadurch den Eindruck von mehr Präsenz hier in der Stadt zu erwecken. Das war in der Kölner Zeit (Anm. der Red.: in der Zeit, in der die "Spex" in Köln erschien) ein Grundpfeiler.

SPIEGEL ONLINE: Soll die "Spex" also ein Berliner Szeneblatt werden?

Groß: Nein. Wir sprechen auch nicht nur über eine lokale Berliner Szene. Hier gibt es ja viele Entwicklungen, gerade in der Musik, aber auch in anderen kulturellen Bereichen, die bundesweit relevant sind - und deren Zentrum Berlin ist. Es geht eher generell darum, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die gut vernetzt sind und deren Namen in die Szenen, die für das Blatt relevant sind, reicht - also auch bis nach Hamburg oder Köln. Die "Spex" soll gerade kein Berlin-Mitte-Szeneblatt werden.

Das Interview führte Franziska Bossy

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