Tortoise Matrix für eine unkronkrete 3D-Animation

Die introvertierten Musiker von Tortoise aus Chicago neigen zu Tüfteleien. Mit ihrem vierten Album "Standards" haben sie sich allerdings zu sehr in elektronischen Schaltkreisen verirrt.

Von Cristina Moles Kaupp


Schildkröten auf Drogen: Tortoise geben sich unzugänglich

Schildkröten auf Drogen: Tortoise geben sich unzugänglich

Standards stehen hier zu Lande für Normen und Regeln, sie werden gesetzt, beachtet und möglichst gehalten. Allein diese Vorstellung reicht schon, um Phantasien im Keim zu ersticken. Starre Planquadrate liefern keinen Nährboden für fließende, flirrende Klänge, verschrobene Rhythmen und wortlose Geschichten.

Tortoise kommen jedoch aus Amerika, und dort bedeutet Standard nicht nur Norm, sondern auch Standarte gleich Fahne: ein bunter Fetzen Stoff, lustig flatternd in alle Himmelsrichtungen - bestenfalls. Leider ist darin viel zu häufig der Anspruch verwoben, in einer gewissen Richtung maßgebend und führend zu sein. Das trifft auch auf Tortoise zu, seit sie 1993 erstmals ihre vielstimmige Mixtur aus Jazz, Dub, Ambient, Blues und Easy Listening gegen jeden Trend zusammenklaubten. Leichtfüßig und versponnen begeisterte die Band aus Chicago bisher mit den Alben "Tortoise", "Millions Now Living Will Never Die" und "TNT".

Einmal eingetaucht in ihren eigentümlichen Klangpool, wird Zeit zu einem Gummiband, auf dem sich die Instrumente verlustieren. Unbekümmert parlieren Vibraphon, Bass, Gitarre, Melodika, Marimba, Schlagwerke, Sampler und Syntheziser - alles wirkt aus einem Guss. Und Erinnerungen erwachen an Bands wie Can, This Heat, Neu und Soft Machine, an Steve Reichs Minimalismus und Peter Greens Verschrobenheit. Brillant, absurd und überhaupt nicht aufdringlich. Die Kritiker lieben diese Band, die sich in Interviews leise und wortkarg gibt, und so gar nichts von Vorbildern und Prägungen wissen will.

Neue Tortoise-CD "Standards": Elektronische Fragmentierung auf dem Vormarsch

Neue Tortoise-CD "Standards": Elektronische Fragmentierung auf dem Vormarsch

Nun ist ihr vierter Streich erschienen - eben jene "Standards". Dafür haben sich Tortoise von Chicago nach Sheffield eingeschifft und sind bei dem Label Warp gelandet, der britischen Klangschmiede für das elektronische Wunderland. Warum ausgerechnet hier und nicht bei Ninja Tunes, die akustischen Grenzgängen weitaus geneigter sind? Großes Rätselraten. Und alles auf Anfang. Denn die Schildkröte sieht plötzlich anders aus: transparenter, luzider, als kröche sie über den Monitor eines Programmierers - als Matrix für eine noch unkonkrete 3D-Animation.

Mit Ausnahme von "Firefly", dem vierten Stück, führt "Standards" nicht zu Tortoises beredter Melancholie, noch zu jenen wunderbar spannungsreichen bis meditativen Strukturen, die für die letzten zwei Alben typisch waren. Nur spärlich flackern diese Momente auf - bevor ein ablenkendes Zirpen und Knistern beginnt. Zu oft gefallen sich die Instrumente in hartnäckigen Monologen, rasen den anderen davon und manches Stück zerfällt in Einzelteile. Elektronische Fragmentierung ist auf dem Vormarsch, nicht von ungefähr klingt "Eros", das zweite Stück, als hätten die Labelkollegen Plaid mitgewirkt. Später erwachen allerdings andere Reminiszenzen. Das heitere "Blackjack" überrascht mit einem ungewöhnlichen Zitat: Feist grinst einem Hot Chocolates "Brother Louie" entgegen - ein bisschen spät für Disco, oder?

Haben sich Tortoises Stimmungsbilder geändert oder dominiert Ratlosigkeit? Die introvertierten Tüftler verzichten auf Chronologie und adressieren ihre Chiffren an Fans und Eingeweihte - anstrengende 45 Minuten lang. Wer will diese Klangformeln noch übersetzen und vor allem wie? Tortoise wirken wie eine Schildkröte auf Droge. Wilden Sound-Exzessen folgen auffällig viele Zäsuren und Leerstellen, Klarheit muss sich mit Verzerrungen versöhnen. Oder sich aufreiben, zerfasern, wie eine Flagge im Wind.

Tortoise: "Standards" (Warp/Zomba), veröffentlicht am 19. Februar 2001



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