Tosca Soundtracks zu Kaffee, Schlagobers und Tafelspitz

Auch mit seinem Zweitunternehmen Tosca stellt DJ Richard Dorfmeister seine bewährt kulinarischen Stücke her.

Von Michael Pilz


Tosca "Suzuki"
TOSCA PRODUCTIONS

Tosca "Suzuki"

Alles ein bisschen gelassener sehen, im Kaffeehaus durchs Fenster den Regen betrachten und Musik als das wahrnehmen, was sie heute meist ist: Hintergrund, Lifestyle und Ausstattung des Alltags. So funktioniert auch "Suzuki", die zweite Platte von Tosca. Tosca ist DJ Dorfmeisters Zweitunternehmen mit Rupert Huber, der sonst und allein eher kopflastig klingt, während Dorfmeister als Weltstar des köstlichen Remixes gilt, im Duett mit dem Freund Peter Kruder.

Die Kruder & Dorfmeister-"DJ Kicks" sind bekannt aus Boutiquen und Kneipen. Man kann sie bei Grillpartys hören, beim Waschen und Legen und überall, wo die Stille den Menschen zu schaffen macht. So stört auch "Suzuki" nicht wesentlich. Ein Ton vom Piano mit Echo und Hall, behutsame Bossa und flirrende Sounds. Schon Erik Satie hat seine "Möbelmusiken" verfasst. Die Firma MUZAK hat Fahrstühle und Kaufhäuser beschallt. Brian Eno, sein Ambient und seine "Music for Airports". Satie war Franzose, MUZAK stammt aus Amerika, Brian Eno ist Brite und Tosca aus Wien. Auch Kulissenklänge sind Weltmusik.

"Suzuki" ist eine der wenigen Platten, die man besser besprechen kann, während sie läuft. Das Vinyl dreht sich und dreht sich im Kreis. Das Dreitonmotiv eines Tempelgongs. (Gibt's natürlich auch als CD, und das auch noch in lobenswerter Aufmachung: lackierter Karton statt zerkratztem Plastik!) Die Klangwelt von Tosca ist sinnfrei und leer. "Suzuki" ist Shunryu Suzuki gewidmet, dem Zen-Meister des schlichten Buddhismus' für Langnasen. Verfasser des Buches "Zen-Geist, Anfänger-Geist". Natürlich ist alles ein Witz, wie die Wiener ihn lieben. Wie die Titel, die sie den Stücken verpassen, wenn sie längst fertig im Kasten sind. "Honey" und "Busenfreund", "The Key" oder "Ananas" oder "Doris Dub".

Als der Friseur Peter Kruder auf Dorfmeister traf und in ihm einen jungen Art Garfunkel erkannte, stellten sie für die Hülle der ersten EP das berühmte "Bookends"-Bild von Simon & Garfunkel und Avedon nach. Am Anfang war dieser Brüller der Tanzklubs im Jahr 1993. Jetzt lehnen sie Wünsche zum Remix von Bowie, U2 und Grace Jones in aller Bescheidenheit ab. Stattdessen tüfteln sie seit Jahren an einem Album mit eigenen Stücken, das heute schon als legendär bezeichnet wird, obwohl es noch gar nicht erschienen ist. Ihr Komponieren ist Sache der Seiten-Projekte, bei Dorfmeisters Tosca und Kruders Peace Orchestra. Was an der Musik nicht viel ändert. Es sind diese Soundtracks zu Kaffee, Schlagobers und Tafelspitz.

Und doch oder deshalb ist alles so schön. Eine Konsensmusik, die noch immer die Pop-Utopien erfüllt: Jeder mag sie, und jeder sieht oder hört etwas anderes darin. Auch in sich nivelliert sie hierarchische Muster. Die Sprachfetzen, die Huber und Dorfmeister gesampelt, zerstückelt und beigemischt haben sind universell und nie mehr als ein Sound. Es ist, was der Jazz unter Scat-Singen versteht und der Dub unter Word-Sound. So hübsch dieses Nichts eine Stunde lang klingt, so rückstandslos löst es sich schließlich im Wohlgefallen auf. In Tracks wie "Bass on the Boat" oder "Ocean Beat". Weil alles nur fließt.

Tosca: Suzuki (G-Stone/K7/Zomba)



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