Beach-Boys-Comeback Der letzte Wellenritt

Überraschung! Zu ihrem 50. Dienstjubiläum hat sich die zerstrittene Rentnergang der Beach Boys nicht nur zu einer gemeinsamen Welttournee, sondern auch zu einem Album in Original-Besetzung aufgerafft. Wenn nur der schaurige Titel nicht wäre.

Guy Webster

Wäre es nach Brian Wilson gegangen, hieße das neue, gerade veröffentlichte Album der Beach Boys "Summer's Gone" (plauderte einer seiner Mitarbeiter aus). Es wäre der perfekte Titel des vermutlich finalen Albums dieser ewigen Kalifornier gewesen: "Summer's gone. I'm gonna sit and watch the waves. We laugh, we cry. We live then die. And dream about our yesterday"

So gehen die wehmütigen letzten Zeilen von Brian Wilsons "Summer's Gone". Dieser Song alleine wäre ein perfektes Schlusskapitel für eine der ganz großen Geschichten im Pop-Universum gewesen. Aber weil bei den Beach Boys traditionell um jedes Detail erbittert gezankt wird und sich meist der ruppige Populist und Sänger Mike Love gegen seinen tagträumenden und schwermütigen Cousin Brian Wilson durchsetzt, trägt das 29. Beach-Boys-Album nun den schaurigen Namen: "That's Why God Made The Radio".

Dass sich die zerstrittene Rentnergang überhaupt zu ihrem 50. Dienstjubiläum noch zu einem Album in Original-Besetzung und einer gemeinsamen Welttournee aufraffte, ist schon eine Überraschung, aber dass das neue Album einige umwerfende Songs bietet, darf als kleines Wunder gewertet werden.

Strand-Hymnen gegen kunstvolle Klagelieder

Sicher, das Album ist wie fast alles bei den Beach Boys ein Kompromiss. Viele der Songs führen die Tradition der aufgekratzten Sommer-Sonne-Strand-Bikini-Gute-Laune-Hymnen ("Fun Fun Fun") glatt und routiniert fort. Und wenn der nun auch schon 71-jährige Mike Love Zeilen wie "cruisin' the town, diggin' the scene" trällert, ist das natürlich etwas lachhaft.

Aber das war und ist nur eine Seite der Beach Boys. Die andere - also die des introvertierten Kreativ-Chefs Brian Wilson - bot immer wieder kunstvoll-fragile Klagelieder ("In My Room", "Till I Die") aus den schattigeren Bereichen der Seele. Die Sorte Musik, die Alben wie "Pet Sounds" und "Smile" zu Klassikern der Popmusik zauberte. Weil Brian Wilson aber als mentaler Pflegefall gilt, der sich längst in die innere Abgeschiedenheit zurückgezogen hat, rechnete keiner mehr mit solchen Glücksmomenten - aber drei Songs genau dieser Klasse sind am Ende des neuen Beach-Boys-Albums versteckt: "From There to Back Again", dann "Pacific Coast Highway" und schließlich "Summer's Gone" sind von atemberaubender Schönheit. Drei neue Lebenszeichen von Brian Wilson, der von der Vergänglichkeit der Dinge des Lebens und den letzten Sonnenuntergängen erzählt, auf Augenhöhe mit seinen besten Momenten.

Aber auch die Jubiläumstour verspricht, ein Ereignis zu werden. Denn die Beach Boys haben sich - und das dank des vielgescholtenen Mike Love - über die Jahrzehnte hinweg als großartige Liveband bewährt. Das mag manchmal wie ein Las-Vegas-Spektakel anmuten, und vielleicht sorgen eher junge Musiker in der zweiten Reihe für die treffenden Töne, aber es ist immer noch ein Vergnügen, all die Klassiker von "California Girls" über "Good Vibrations" bis hin zu "Do it again" von den fünf Meistern in Hawaiihemden aufgeführt zu bekommen - und womöglich auch die letzte Gelegenheit. So kann man die alten Knaben in Würde verabschieden.


Tournee:
3.8. Berlin, 4.8. Stuttgart, 5.8. Mönchengladbach. Karten.

Beach Boys: That's Why God Made The Radio. EMI; 18,99 Euro.



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