Tragödie bei Love Parade Duisburg, das Altamont der Techno-Szene

Der Tod eines 18-Jährigen beim Altamont-Festival beendete 1969 die Hippie-Ära - das Drama von Duisburg dürfte nun das Aus für den Raver-Traum von Glück und Liebe bedeuten. Zumal das Techno-Event längst keine Feier der Unabhängigkeit mehr war, sondern ein kommerzielles Ballermann-Volksfest.

AP

Von Uh-Young Kim


Sie wollten einfach nur Spaß haben. Friedlich feiern, zu lauter Musik tanzen, ein paar Drogen nehmen. Es sollte ein Fest der Liebe werden. Plötzlich kippte die Stimmung. Erst wurde gedrängelt, dann geschubst. Der Sicherheitsdienst versagte. Panik brach aus, gerade als die Rolling Stones auf der Bühne spielten. Im Gerangel starb der 18-jährige Meredith Hunter. Sein Tod besiegelte das Ende der Hippie-Ära.

Auch bei der Love Parade vom 24. Juli 2010 in Duisburg führte offenbar ein explosives Gemenge aus logistischen Problemen, einer überforderten Organisation und aufgeputschten Besuchern zur Katastrophe. Mit dem Mord an Meredith Hunter wurden die Ideale der 68er zu Grabe getragen. Am Samstag ist der Traum der Rave-Bewegung von Glück und Liebe zu Tode getrampelt worden.

Das Altamont Free Concert sollte das Woodstock von Kalifornien werden. Ein Jahr zuvor hatten Hunderttausende auf einem Acker Rebellion und Hedonismus zu den Klängen psychedelischer Rockmusik vermählt. Die Hippie-Bewegung hatte 1968 bereits ihren Höhepunkt überschritten. Die Ära der Mega-Festivals stand dagegen erst am Anfang. 20 Jahre später wurde aus ihrem gegenkulturellen Geist auch die Love Parade geboren.

1989 lautete das Motto "Friede, Freude, Eierkuchen"

Die Hells Angels wurden damals engagiert, um die notdürftig aufgebaute Bühne in Altamont abzusichern. Es kam zu Schlägereien mit dem Publikum bei Versuchen, die Bühne zu stürmen. Als der Konzertgast Meredith Hunter eine Schusswaffe zog, wurde er von einem Mitglied der Hells Angels erstochen. Mit dem Festivaltoten starb auch die Utopie von Frieden und freier Liebe, der sich die Hippies verschrieben hatten.

Der genaue Verlauf der Massenpanik in Duisburg ist noch nicht geklärt. Die Toten und Verletzten der Love Parade markieren aber schon jetzt das Ende der Love Generation. Deren mythische Urszene spielte sich am 1. Juli 1989 in Berlin ab. Ein paar Freaks liefen einem VW-Bus mit Soundsystem hinterher. Technobeats beschallten den Kurfürstendamm. Alte Videoaufnahmen dokumentieren die Geburtstunde der Love Parade. Sie stehen heute ähnlich grobkörnig verwackelten YouTube-Clips aus dem Tunnel von Duisburg gegenüber - wie Himmel und Hölle.

"Friede, Freude, Eierkuchen" lautete 1989 das Motto des noch als politische Demonstration angemeldeten Umzugs. Gründer Dr. Motte distanzierte sich damit von den Hippies und ihrem Verrat an den eigenen Idealen. Aber auch die Love Parade geriet schnell in den typischen Zyklus der Vereinnahmung einer Subkultur durch den Mainstream.

Vorm DJ sind alle gleich

Aus den 150 Teilnehmern der ersten Love Parade wurden zehn Jahre später 1,5 Millionen Konsumenten an der Siegessäule - und "die größte Tanzveranstaltung der Welt" somit zum nationalen Symbol der Wiedervereinigung mit Techno als erster gesamtdeutscher Jugendbewegung.

Wenn das Versprechen nach Gleichheit schon nicht gesellschaftlich eingelöst werden konnte, so sollte man sich der Illusion doch wenigstens an einem heißen Sommertag mit entsprechend weichgekochter Birne hingeben dürfen. Vorm DJ sind alle gleich. Und für die Sponsoren sowieso.

Die Love Parade ist nicht erst seit dem Umzug ins Ruhrgebiet vor drei Jahren von einer Feier der Unabhängigkeit zum kommerziellen Volksfest in Ballermann-Ambiente mutiert. Der vielbeschworene "Spirit" hat sich schon lange verabschiedet. Doch entkoppelt vom Ursprungsort, von der Geschichte und Kultur der Love Parade, ist bloß der Glaube an das grenzenlose Wachstum des Events geblieben - abgesegnet und erwünscht von Politik und Wirtschaft.

Es war einfach zu viel von allem. Der gesellschaftsübergreifende Erfolg der Love Parade basierte bislang auf einer Marke, die für ewige Jugend und Glück steht. Seit Samstag ist sie ein Symbol des Unglücks. Da war es nur konsequent, dass der bisherige Veranstalter Rainer Schaller das Aus für das Event in seiner jetzigen Form erklärte.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 25.07.2010
1. Kausalität?
Ich verstehe diese "Kausalität" nicht. Es sind auch schon genug Menschen bei Silvesterbränden gestorben (jedes Jahr wieder!), abgesagt hat es bisher aber trotzdem keiner.
W. Robert 25.07.2010
2. .
Eigentlich war es schon ein Wunder, dass das berühmte Woodstock-Festival damals ohne Katastrophe ausgegangen ist, da die Einzäunungen dort schnell nachgegeben haben. Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn Nelson Rockefeller damals tatsächlich die Nationalgarde eingesetzt hätte. Ab einer gewissen Größe wird es eben echt gefährlich. Besonders gefährlich ist es eben da, wo Menschenmassen in Absperrungen gezwängt werden. Ob das jetzt ein Stadion oder eine religiöse Inszenierung oder ein Mega-Rockkonzert ist spielt keine Rolle. Menschenmassen sind eben unberechenbar, vor allem wenn Designerdrogen, Koks und Alk und Kontrollfreaks im Spiel sind
mavoe 25.07.2010
3. Love-Parade
Zitat von sysopDer Tod eines 18-Jährigen beim Altamont-Festival beendete 1969 die Hippie-Ära - das Drama von Duisburg dürfte nun das Aus für den Raver-Traum von Glück und Liebe bedeuteten. Zumal das Techno-Event längst keine Feier der Unabhängigkeit mehr war, sondern ein kommerzielles Ballermann-Volksfest. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,708414,00.html
und deswegen hat Berlin letztendlich Gebühren verlangt von den Veranstaltern, um den vollgeschissenen Tiergarten zu reinigen. Und dann haben die halt andere Locations gesucht und gefunden. Gut das dieser Megaquatsch jetzt endgültig vorbei ist und ich verbleibe mit tiefem Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer.
Emil Peisker 25.07.2010
4. Ende der Hippie-Ära
Zitat von sysopDer Tod eines 18-Jährigen beim Altamont-Festival beendete 1969 die Hippie-Ära - das Drama von Duisburg dürfte nun das Aus für den Raver-Traum von Glück und Liebe bedeuteten. Zumal das Techno-Event längst keine Feier der Unabhängigkeit mehr war, sondern ein kommerzielles Ballermann-Volksfest. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,708414,00.html
Das ist wohl etwas neben den Fakten, werter Uh Young Kim. Sie sind 1975 geboren, da klang es so langsam aus. Was 1969 nach Altamont geschah? Die großen Festivals, Höhepunkt Woodstock, hatten ab dem Zeitpunkt den Sicherheitsfaktor ernsthaft in Betracht zu ziehen. Zu Love und Peace gesellte sich die kontrollierte Sicherheit dazu. Positives Beispiel in Europa: 1969 Rotterdam. Zwei Tage, fast 400.000 Besucher und kein Todesfall. Erstklassiges Management Negatives Beispiel: Fehmarn und als Ordnertruppe die Hamburger Hells Angels. Der einlaufende PKW-Verkehr wurde durch Schläge mit Baseball-Schlägen auf die Motorhaube reguliert. Völliges Chaos bei der Abfolge der Musiker, Ausfälle, Absagen und der Regen nervten enorm. Positives Beispiel in Deutschland: Germersheim, 1972 auf einer Insel im Altrhein (Insel Grün) 70.000 Besucher, 3Tage, und gute Musik. Das Gesellenstück des jungen Marek Lieberberg. Übrigens, 22DM Einritt, inclusive Pink Floyd. Die Band bekam 60.000DM Gage, noch 1969 im Aachener Reiterstadion machten sie es für 10.000DM. Emil
tingeltangel-bob 25.07.2010
5. ...
Zitat von DJ DoenaIch verstehe diese "Kausalität" nicht. Es sind auch schon genug Menschen bei Silvesterbränden gestorben (jedes Jahr wieder!), abgesagt hat es bisher aber trotzdem keiner.
Dann werd ich Ihnen das mal kurz erklären: 1. Silvester besteht ja nicht aus EINER Party, sondern aus VIELEN (und auf den meisten davon passiert eben nix). 2. Wenn ich eine Party dieser Grössenordnung veranstalte, bin ich als Veranstalter für die Organisation und Sicherheit zuständig. Das das hier kläglich versagt hat brauch ich wohl nicht extra erwähnen (wie kann man 1 Mio. Leute durch ´nen Tunnel latschen lassen. Noch dazu wenn vorher bereits klar ist, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Besucher bereits bei der Anreise "berauscht" sind...) 3. Ich denke sehr wohl, wenn das, was gestern in Duisburg passiert ist, Silvester in Berlin (oder auf einer beliebigen anderen, organisierten Silvesterparty passieren würde, dass auch dieser Veranstalter ein paar unangenehme Fragen beantworten müsste, bzw. diese Veranstaltung in der Form dann eben nicht mehr stattfinden würde.
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