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06. Mai 2016, 15:27 Uhr

Dance-Album von Anohni

Sie setzt den American Dream auf den elektrischen Stuhl

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Die Transgender-Musikerin Anohni hat mit "Hopelessness" ein Dance-Album aufgenommen - das politischste der vergangenen Jahre.

Sie will über Politik reden. Mit einem Dance-Album. Die Sängerin Anohni hat in den vergangenen zehn Jahren als Antony and the Johnsons Erfolge gefeiert und galt als Liebling der Kritikerinnen und Kritiker. 2005 gewann sie den renommierten britischen Mercury Prize.

Schon auf ihren ersten beiden Platten mit den Johnsons verhandelte Anohni die Themen Trans, die großen Genderfragen und das Aufbrechen der zweigeschlechtlichen Dichotomie Mann/Frau. Die Johnsons waren dabei eine Anspielung auf die Transgender-Aktivistin und Drag-Künstlerin Marsha P. Johnson, die einst an den Stonewall Riots in New York beteiligt war. Der "New York Times" sagte Anohni kürzlich: "Ich habe schon immer über mich als Transgender gesprochen, solange ich denken kann, deshalb ist es nicht so sehr eine Frage der Transformation, sondern einer langsamen Verschiebung."

Ähnlich machte es in den Siebzigern bereits Jayne County mit ihrer Band Wayne County & The Electric Chairs und Songs wie "Are you a Boy or A Girl?" oder "Man Enough to Be A Woman". Bei Antony and the Johnsons trugen die Titel Namen wie "My Lady Story", "For Today I Am Boy" und "Man Is The Baby". Jayne County nutzte dafür den Rock mit harten Gitarren, Anohni widmete sich dem Klagelied und sang persönliche, poetisch-schmerzerfüllte Lieder, die dem Zuhörer das Herz zu zerreißen vermochten. Mit ihrem neuen Album verlässt die in den USA aufgewachsene britische Musikerin nun ihr Kammerspiel, ihr musikalisch klavieruntermaltes Lamento. "Hopelessness", das an diesem Freitag veröffentlicht wird, ist ein politisches Protestalbum, ein tanzbares voller Elektro- und Dance-Sounds.

Rau und futuristisch

Schon einmal, 2008, hatte Anohni mit dem New Yorker Dance-Projekt Hercules And Love Affair einen kleinen Exkurs in die House-Musik unternommen, ein eigenes Dance-Album von ihr gab es bisher aber noch nicht. Für den Sound von "Hopelessness" verantwortlich sind die Avantgarde-Produzenten Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never. Ihr Sound klingt rau und futuristisch mit zischenden Synthesizern und aufprallenden Beats.

Das Erschreckende an Anohnis neuem Album sind aber weder die Beats noch ihr Fatalismus, sondern der harte Bruch zwischen Musik und Text. Es sind Momente der Irritation, des Wachrüttelns. Sie singt Zeilen wie in "Watch Me": "Protecting me from Terorrism, protecting me from Child Molesters" oder in "Crisis": "Father/ If I killed your children with a drone Bomb/ How would you feel/ Daughter/ If i filled up your mass graves/ And attacked your countries under false premise."

Anohnis Agenda könnte dringlicher nicht sein: Schluss mit Krieg. Schluss mit Obama, der den USA falsche Hoffnungen gab. Schluss mit dem Überwachungsstaat.

Anohni führt auf "Hopelessness" weiter, was sie 2009 mit ihrem Album "The Crying Light" begonnen hat. Neben Feminismus und Transgender widmet sie sich dem Naturschutz und teilt ihre Sehnsucht nach einer besseren Welt mit. Ihre politische Botschaft wird Anohni im Juli auch in einer Ausstellung in Bielefeld vorstellen, die den Titel "My Truth" trägt. Neben eigenen Arbeiten zeigt sie dort auch Werke von James Elaine, Peter Hujar und Kazuo Ohno. Künstler, die sich mit HIV, Melancholie und der japanischen Tanzform Butoh beschäftigt haben.

Dieses Jahr erhielt Anohni als erste Transperson eine Oscar-Nominierung für ihren Song "Manta Ray", den sie dem Film "Racing Extinction" beisteuerte. Thema des Films und des Liedes: Das Aussterben bedrohter Tierarten. Am Ende blieb sie den Oscars fern, weil die Academy sie lange im Ungewissen ließ, ob sie, wie alle anderen Nominierten in der Song-Kategorie, live auftreten dürfe oder nicht. "Ich möchte klar sein - Ich weiß, dass ich nicht von der Performance direkt ausgeschlossen wurde, weil ich transgender bin. Ich wurde nicht eingeladen zu performen, weil ich relativ unbekannt bin in den USA, einen Song über Umweltzerstörung singe und das einfach keine Werbeplätze verkauft", schrieb sie in einem offenen Brief. Anohni blieb sich treu. Statt für Ruhm entschied sie sich für ihre Themen. Wenn es so etwas wie Authentizität in der Popmusik gibt, dann gehört Anohni sicherlich an die Speerspitze.

Anohni ist keine unreflektierte, irre Mahnerin. Sie weiß, sie ist Teil des Ganzen. Teil eines Systems, das Leid verursacht und sie zur Hoffnungslosigkeit bringt. Im Song "Hoplessness" fragt sie: "How did I become a virus?" und gibt die Frage gleichzeitig ab - an uns alle. Damit haucht sie dem Protestsong neues Leben ein, entkleidet ihn von seinem stieseligen Image. Etwas, das bereits schon Beyoncé mit ihrem vor Kurzem veröffentlichten Album "Lemonade" und auch der Rapper Kendrick Lamar getan haben, die sich dabei unter anderem explizit gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA richteten.

Ähnlich wie Beyoncé und Lamar verweigert sich Anohni jeglicher Naivität. Sie täuscht keine Utopie vor, sondern beschäftigt sich mit dem Hier und Jetzt. Aber: Mit "Hopelessness" schafft sie diesen einen magischen Moment, zu dem unterschiedliche Menschen gemeinsam tanzen können. Und während sie tanzen, zerfetzt ihnen Anohni mit ihrer Falsettstimme und ihren rasiermesserscharfen Texten alle Gewissheiten.

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