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Christian Scott: Spielend kritisch sein

Foto: Kiel Scott

Trompeter Christian Scott Den Heuchlern in die Fresse blasen

Boxer statt Bildungsbürger: Der US-Trompeter Christian Scott liebt raue Töne, nicht nur in der Musik. Mit der Eleganz eines Muhammad Ali teilt der Jazz-Star verbale Schläge aus und wettert gegen rassistische Cops oder die US-Knastindustrie. Ach ja, und Model ist der Mann auch.
Von Jonathan Fischer

"Mein Großvater sagte immer: 'Fürchte dich vor Komplimenten und gehe deinen Weg.'" Christian Scott ballt die Fäuste. Wie ein Boxer in der Ringpause fläzt sich der 26-Jährige am Bühnenrand. Tatsächlich scheint der Trompeter aus New Orleans kaum beeindruckt von den Lorbeerkränzen, die ihm die Kritiker flechten: National Public Radio erklärte ihn zum Propheten einer neuen Jazzära, die "JazzTimes" pries ihn als "jungen Stilgott", und die BBC erhob Scotts neues Werk "Yesterday You Said Tomorrow" gar zum "besten Jazzalbum der letzten 50 Jahre".

Dabei ist der junge Trompeter, der nebenbei auch noch als Model und Schauspieler reüssiert (etwa in George Clooneys "Leatherheads") sich nicht mal sicher, ob er überhaupt in das Genre passt. "Warum glauben denn alle, dass ich Jazz spiele?", blafft Scott. "Was heute Jazz heißt, sind doch meist nur blutleere Fingerübungen. Nein, ich spiele den Blues. Der Blues ist die ehrlichste Ausdrucksform für die menschliche Angst, den menschlichen Schmerz."

So sehr die Jazzwelt auch den lyrischen Ton seiner Trompete bewundert oder die von ihm erfundene Wispertechnik, in der Scott menschliche Stimmen auf seinem Instrument simuliert: Scott liebt vor allem die Kontroverse. Bei ihm trifft HipHop-Haltung auf Indie-Rock-Ästhetik - verpackt in provokante Songtitel. "KKPD", "Ku Klux Police Department" nennt sich etwa eines seiner aktuellen Stücke. Eine Anspielung auf die von vielen Afroamerikanern geteilten Erfahrungen mit rassistischen Polizeibeamten.

Andere Songs titeln "Jenacide" (über den Fall der Rassenkonflikte in der amerikanischen Kleinstadt Jena), "Angola La & 13th Amendment" (über die US-Gefängnisindustrie) oder "American't" (über die Tea-Party-Ideologie). Scott erklärt deren Bedeutung von der Bühne, führt aus, dass der Streit über Obamas Gesundheitsreform das egoistische Gesicht Amerikas gezeigt habe. Und dass seine Heimatstadt New Orleans ein Symbol für die Verachtung armer Schwarzer sei.

Schon die Publikumsbegrüßung macht klar, dass hier kein netter Trompetenonkel gekommen ist: "Guten Abend, liebe Freunde und Feinde!" Wen er mit den Feinden denn meine? "All diese Jazzliebhaber, die eine Musik im Geiste der Gesellschaftsordnung vor dem amerikanischen Bürgerkrieg erwarten. Sie wollen, dass ich mein Maul halte. Aber dafür müssen sie mich erst umbringen." Scott lächelt. Schüttelt amüsiert seine Rastalöckchen.

Kunst und Kampf

In seiner Jugend war er in New Orleans für sein Boxtalent berüchtigt, und wenn er heute mit dem Esprit und der Lockerheit eines Muhammad Ali seine verbalen Schläge austeilt, dann weiß er sich zumindest in guter Gesellschaft. Mit beinahe religiösem Eifer zählt er seine geistigen Ahnen auf: Louis Armstrong, der Präsident Eisenhower als "Feigling" bezeichnete, und drohte, sein Amt als Kulturbotschafter Amerikas niederzulegen, solange schwarze Schulkinder daran gehindert würden, eine weiße Schule zu besuchen. Charles Mingus, der Frühstücksprogramme für Kinder aus dem Ghetto finanzierte und lange bevor die Rapper das schick fanden, "Fuck the police!" schimpfte.

Und natürlich sein Vorbild Miles Davis: Habe der, als er mit dem Rücken zum Publikum spielte, nicht auch für ein Gros des schwarzen, vom Mainstream abgehängten Amerika gesprochen? "Das politische Element im Jazz", sagt Scott, "halte ich für genauso bedeutend, wie Trompete zu spielen."

Als wichtigsten Lehrmeister aber nennt er seinen Großvater. Einen Preisboxer und Black-Indian-Häuptling aus New Orleans, der dem Enkel schon im Alter von vier Jahren das Kämpfen beibrachte. Schließlich musste Klein-Christian als Spy Boy bei den rituellen Straßen-Kämpfen den Gegner ausspähen und sich mit dessen Kundschaftern schlagen. In der Folge flog Scott elfmal wegen Schlägereien von der Schule: "Nicht dass ich jemals einen Konflikt anzettelte, aber wenn zwei andere sich schlugen, ging ich eben dazwischen."

Es war auch der Großvater, der ihm auferlegte, pro Woche zwei Bücher zu lesen. Dass Scott sich am Ende weder für das Boxen noch die Akademikerlaufbahn entschied, hängt vor allem mit Donald Harrison Jr. zusammen. Mit 15 Jahren nahm er für ein Album seines Onkels das erste selbst komponierte Stück auf, tourte anschließend mit dessen Band durch ganz Amerika - und graduierte dennoch in Rekordzeit am renommierten Berklee College of Music.

2005 unterschrieb er bei Concorde Music, das "Billboard"-Magazin bejubelte sein Debüt "Rewind That" als "bemerkenswerteste Premiere des letzten Jahrzehnts". Und auch die Nachfolger "Rewind That" und "Anthem" festigten Scotts Ruf: als Grenzgänger, der mit Prince und Rapper Mos Def ins Studio geht, und unbequemen Denker.

"Meine ehrliche Wut habe ich erst seit 'Katrina' entdeckt," sagt Scott. "Da habe ich als 19-Jähriger gelernt, dass unsere Ahnung, Bürger zweiter Klasse zu sein, tatsächlich zutrifft." Scott gründete in der Folge in New Orleans eine Stiftung, die Schulkindern in Wochenend-Workshops nicht nur westafrikanisches Trommeln, sondern auch den Umgang mit Finanzen beibringt.

Wenn Scott solche harten Realitäten in die feinen Konzertsäle der Welt trägt, dann kann der Jazz nur davon profitieren. "Künstlerische Avantgarde und politisches Engagement", erklärt Scott und streichelt seine auf den Namen "Katrina" getaufte Trompete, "gingen die im Jazz nicht immer Hand in Hand?"

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