Abgehört - neue Musik Es schwelt noch was in diesen Trümmern

Die Hamburger Rockband Trümmer macht auf ihrem zweiten Album "Interzone" das Beste aus einer bedrückenden Ausgangslage. Außerdem: Brian Enos triumphales Comeback und endlich wieder Indie-Folk!

Liebe Leser, das eigentlich wichtigste Album dieser Woche ist natürlich "Lemonade" von Beyoncé. Hier lesen Sie unseren Text dazu. Ebenfalls noch aktuell und zu empfehlen ist unser Porträt des deutschen Pop-Provokateurs Drangsal, dessen Debüt-Album jetzt erschienen ist.

Trümmer - "Interzone"
(Pias/Rough Trade, ab 29. April)

Schrecklich, dieser Druck: "Anfang 20 und vollkommen kaputt/ Ich hatt' mal Ambitionen, jetzt hab' ich nur noch Stress", singt Paul Pötsch in "Grüße aus der Interzone" auf dem zweiten Album seiner Band Trümmer. Die noch sehr jungen Wahlhamburger fragten vor zwei Jahren auf ihrem Debüt kokett "Wo ist die Euphorie?", propagierten Rausch und Utopie gegen Gentrifizierung und Konformismus - und wurden prompt zu neuen Hoffnungsträgern des desillusionierten, vielfach saturierten Diskurspop-Genres gefeiert. Die neuen Blumfeld wurden Trümmer genannt. Das ist so ein Satz, der junge Bands ersticken kann, ein tonnenschwerer Lorbeer, der jede Bewegung lähmt. Zeit, sich zu entwickeln, erst mal zu gucken, bisschen zu experimentieren, haben Bands heute kaum noch. Der Sensation des ersten Aufschlags kann ein tödlicher Treffer in die Magengrube folgen, wenn nicht gleich alles sitzt und das Meisterwerk auf sich warten lässt. Druck, Druck, Druck.

Auch wegen dieser Überforderungslage sind Trümmer tatsächlich die Idealbesetzung, wenn es darum geht, eine Stimme der Generation Y mit den Mitteln der Popmusik zu formulieren. Vor allem die Vorgängergeneration, zu der auch ich gehöre, die mit dem großen X, die es verstanden hat, ihre Nichtsnutzigkeit mit dem schönen Wort Hedonismus zu beschönigen, wirft den sogenannten "Millennials" gerne vor, außer Befindlichkeiten nichts auf die Reihe zu kriegen. Aber wenn selbst das Nichtstun schon vorgelebt wurde, was bleibt dann noch übrig? "Das Leben ist ein Spiel, ich hab' leider verloren", resümiert Pötsch in einem seiner neuen Songs. Gleichzeitig lässt der medial und ökonomisch bedingte Zwang zur Selbstoptimierung keine Luft: "Ich hab' leider keine Zeit, verzweifelt zu sein."

Weniger offen politisch, dafür musikalisch gefestigter und Pop-ambitionierter erforschen Trümmer auf "Interzone" den einzig verbliebenen Schutzraum, nämlich die Nacht mit ihren Verheißungen, Räuschen und Besinnungslosigkeiten. Morgens, um "5:30", so heißt ein Song, lässt der Druck endlich nach. "Ich kann und will mich nicht mehr optimieren. Die Welt da draußen und und die Welt da drinnen, führen einen Kampf, ach, wer wird ihn gewinnen?". Bei "Gin Tonic & Wodka Soda" phantasiert sich die Band in eine stolze "Rebel without a cause"-Haltung hinein: "Wir sind Dandys im Nebel, keiner weiß, was wir tun, wir haben den Swag im Blut. Wir können nichts, außer nichts tun, aber das können wir gut", heißt es einmal in diesen herrlich Aphorismus-satten Lyrics von Pötsch, der natürlich genau weiß, in wessen Nähe er sich damit rückt: "Lass uns unsterblich werden, bevor wir sterben, wie Rio Reiser von den Scherben". Jaja, wenn die Nacht am tiefsten…

Zitiert wird auf "Interzone" ohnehin schon wieder viel, allein der Titel eröffnet einen ganzen Kosmos an Referenzen - von William S. Burroughs Entgrenzungs-Delirien in Marokko bis zu Joy Divisions kühler Flucht aus dem Frust. Interzone, das ist, wenn Alkohol und Musik beginnen, mit der eigenen Fantasie zu interagieren. Dann sind die als zu brav, zu lasch, zu egozentrisch gescholtenen Millennials plötzlich Punks, dann explodieren, eskalieren sie in den allerschönsten Farben der Rebellion: "Wir sind die Kinder, vor denen uns die Eltern warnten". Zumindest bis zum Morgengrauen, dann folgt ein "ein letzter Drink im Stehen (…) die Show muss weitergehen", wie Pötsch im letzten Stück, "Wozu noch Angst" die Ernüchterung einläutet. Der Ausbruch hat seine Grenzen.

Passend dazu ist der Sound ein gezähmter Post-Punk, ein voluminöses und druckvolles, aber nie wirklich dringliches Treiben von Bassläufen und Gitarrenriffs. Nur in "Europa Mega Monster Rave", einem von zwei Überbleibseln aus dem Radikalisierungs-Liederzyklus "Vincent", den die Band letztes Jahr für das HKW anfertigte, dringt aus Trümmers "Interzone" so etwas wie Anarchie und echte Bedrohung der Verhältnisse. Der Song, eine irre Drogenutopie zur Flüchtlingskrise, erinnert an "L'homme pressé" von Noir Desir. Noch so ein Testament der Unter-Druck-Befindlichkeit. Da schwelt noch was in diesen Trümmern. (7.7) Andreas Borcholte

Brian Eno - "The Ship"
(Warp/Rough Trade, ab 29. April)

Wäre er jemals weg gewesen, könnte man "The Ship" ein Comeback mit Pauken und Trompeten nennen, buchstäblich und sprichwörtlich. Tatsächlich ist es der kompletteste Brian Eno, den es jemals zu hören gab. Eine Karriere von mehr als 45 Jahren in knapp 50 Minuten. Eine zärtliche Dampfwalze von einem Album.

Was so nicht zu erwarten war. Vor 1978 hat der Mann mit Roxy Music dem Glamrock auf die Beine geholfen, den Progrock aufs richtige Gleis gestellt, David Bowie erfunden und den Punk inspiriert. Nach 1978 hat er die Weltmusik mit angeschoben, die Talking Heads und U2 produziert, den anämischen mit Eröffnungstusch von Windows 95 komponiert und an der Wiege des Techno gesungen.

1978 aber hat Brian Eno mit "Music For Airports" aus dem Geist von Eric Satie und Pierre Schaeffer ein ganzes Genre geschaffen. Und weil er dieses Genre seitdem immer weiter zu akademischen und musealen Weihen geführt hat, wird Eno gerne auf seine Funktion als Anwalt des Ambient reduziert. Niemand - auch nicht der frühe Aphex Twin - hat das fluffige Nichts aus hingetupften Loops und parfümierten Klangwölkchen so eingehend studiert wie Brian Eno. In den vergangenen Jahren hat er sogar geschafft, in dieser Kunst ein wenig zu routiniert und damit egal zu werden.

"The Ship" gehört zwei Zwanzigminütern, in denen der Untergang der "Titanic" als Vorbote des Ersten Weltkriegs und beides zusammen als Fanal menschlicher Hybris verhandelt wird. Alles Schöne, erklärte Brian Eno einst, erwächst aus Scheiße. Und der Erste Weltkrieg war schon eine ganz besondere Riesenscheiße.

Das Album beginnt mit einer Reihe vorbeitreibender Klänge, die in der umgebenden Stille förmlich zu atmen beginnen. Die pastorale Atmosphäre erinnert nicht zufällig an Gavin Bryars "The Sinking Of The Titanic", bei dem ein Streichquartett in endlosen Schichtungen immer wieder das Lied spielte, das die Kapelle beim Untergang anstimmte - das Album erschien 1975 auf Enos Label.

In "The Ship" gesellen sich bald geisterhafte Stimmen hinzu, ein verhallenden Echolot, ätherisches Rauschen und Unverständliches auf Langwellenfrequenzen, bevor nach geschlagenen sechs Minuten plötzlich Brian Eno singt. Er singt so nackt und ungeschützt - es ist nicht eben eine tolle Stimme - wie seit "By This River" (1977) nicht mehr. Ein Shanty in Zeitlupe, eine Variation auf dem tiefen C, beinahe skulptural und dicht bis in das Kratzen seiner Stimmbänder hinein. Ringsum wogt und türmt sich, was Eno klangliche "Ereignisse" nennen würde, und unter der Dünung öffnet sich allmählich eine Weite, die körperlich spürbar wird: "The Waves about us roll", da sinkt das Schiff schon dem Abgrund entgegen, Spiralnebel aus Blasen und Trümmer hinter sich herziehend.

Auf den melancholischen Brocken folgt das depressive Gebirge, auf Auflösung die Verdichtung. Im ersten Satz des dreiteiligen "Fickle Sun" scheint Eno nur den Folksong, nicht aber Tempo und Ton zu wechseln. Jetzt aber flirrt die Atmosphäre wie in Erwartung eines Einschlags, ein dunkler Puls kündigt sich an und umkreist ein Thema, das im Dunklen bleibt. Eine verzerrte E-Gitarre wird angeschlagen und weiter nichts, ihr stehender Ton wird Teil einer immer dystopischeren Umgebung - bis die Spannung sich endlich mit einem Ereignis entlädt, auf das Coil, Sibelius und Swans gleichermaßen stolz wären. Pauken und Trompeten.

Auf diesen Höhepunkt folgt nur noch das Zischen und Murmeln eines vielstimmigen Lamentos, eine Studie in Auflösung und Zerfall. Den Schlusspunkt setzt ein kurzes Gedicht aus dem aleatorischen Textgenerator, vorgetragen vom Schauspieler Peter Serafinowicz über dem Gespinst einer hellen und immer wieder innehaltenden Piano-Etüde.

Die größte Überraschung nach dieser Achterbahnfahrt ist das abschließende "I'm Set Free", ein Cover von Velvet Undergound und der einzige echte "Song" auf diesem Album, so richtig mit Streichern und Klavier und Chören. Herzlich, schwelgerisch. Pop.

In den langen Nachhall dieser zauberhaften Musik mischt sich ein dummer Gedanke wie eine dieser flüsternden Stimmen auf "The Ship". Hoffentlich, hoffentlich geht es dem Mann gut. Als sein alter Weggefährte David Bowie zuletzt einen Klassiker von vergleichbarer Güte, Wucht und Relevanz veröffentlichte, war er drei Tage später tot. (9.1) Arno Frank

Kevin Morby - "Singing Saw"
(Dead Oceans/Cargo, seit 15. April)

Mir wurde neulich auf Twitter vorgeworfen, dass wir hier kaum noch Indie-Folk-Platten besprechen. Ich entgegnete darauf keck, das läge nicht an uns, sondern am Indie-Folk, der zurzeit nicht viel zu melden hätte. Wobei natürlich erst einmal zu klären wäre, was "Indie-Folk" eigentlich ist. Was genau mag den "Indie-Folk" von seinem gedachten Antagonisten, dem "Major-Folk" unterscheiden? Wie dem auch sei, man könnte das neue Album des US-Songwriters Kevin Morby wahrscheinlich in die "Indie-Folk"-Kategorie einordnen, weil "Singing Saw" auf dem unabhängigen Label Dead Oceans erscheint. Musikalisch orientiert es sich aber an den Siebzigerjahre-Platten von Bob Dylan und Leonard Cohen, allesamt beim vermeintlich bösen? uncoolen? Major Columbia erschienen. Es ist kompliziert.

Und dann ist doch plötzlich wieder alles ganz einfach, denn darauf, dass der noch nicht mal 30 Jahre alte Morby, hauptberuflich Bassist der sehr guten Band Woods, mit "Singing Saw" sein bisher bestes Solo-Album veröffentlicht hat, daran kann kein Zweifel bestehen, wenn man allein die ersten drei Songs gehört hat: das zaghaft und tastend in die Wälder und Hügel nördlich von Los Angeles hineintastende "Cut Me Down", das hibbelige, jubilierend und quietschend den Berg raufrennende "I Have Been To The Mountain" und den siebenminütigen, im Americana-.Unterholz simmernden und raschelnden Titelsong.

Das L.A., das Morby hier von seinem Haus in Mount Washington aus betrachtet, hoch über dem Lichterraster der Stadt, ist bevölkert von Koyoten und Bäumen, die sich im Mondlicht wiegen, ab und zu dringt die Sirene eines fernen Streifenwagens durch die magischen Weisen einer "singenden Säge", die Morby zu hören vermeint. Ja, man kann wunderlich werden an der Westküste. Aufgenommen hat Morby das Album dann aber in Woodstock, wo auch einst The Band ihren "Last Waltz" einspielten. Diesen Geist atmen die Stücke, die Morby mal auf einem alten Standklavier, mal mit Gitarre und kleiner Bandbesetzung in einen bezaubernden Songzyklus über die thoreausche Ehrfurcht vor der Erhabenheit der Natur. Ein Männlein steht im Walde. Und wir lauschen. (8.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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