Tuareg-Band Tamikrest Wind, Durst und Dire Straits

Eine Musik-Kassette war der Auslöser: Als Ag Mossa zum ersten Mal Mark Knopfler hörte, wollte er selbst Gitarre spielen. Jetzt tourt der afrikanische Musiker mit seiner Band Tamikrest erfolgreich durch Europa.

Glitterhouse Projects

Von Felix Ehring


Mitte der neunziger Jahre kamen die Dire Straits nach Mali. Zumindest eine Kassette von ihnen tauchte in Tinzouatene auf, einem Dorf im Nordosten des Landes, in dem Ousmane Ag Mossa zu jener Zeit wohnte. Er war zehn Jahre alt, als er die Kassette in seinen Rekorder einlegte. 17 Jahre später tourt Ag Mossa als Frontmann der Band Tamikrest quer durch Europa.

"Durch die Dire Straits wurde mir klar, dass es noch andere Musik gibt als die traditionelle Musik der Tuareg", erzählt Ag Mossa am Rande eines kleinen Festivals, auf dem Tamikrest gespielt haben. Ihr Konzert beginnt mit einem tiefen Raunen und der gezupften E-Gitarre Ag Mossas. Kurz darauf setzen die Handtrommeln ein, Rhythmusgitarre und E-Bass fließen dazu, im Publikum wippen die ersten Köpfe und Beine mit. Die charismatische Sängerin Wonou Walet Sidati klatscht in die Hände und tanzt von einem Musiker zum anderen. Das Publikum geht bei jedem Song mehr mit, wird immer tiefer in den Sound hineingezogen und fordert am Ende noch Zugabe. In seiner zurückhaltenden Art bedankt sich Ag Mossa und zeigt erneut sein Können an der Gitarre.

Einflüsse von Rock, Reggae, Blues und Jazz

Tamikrest bedeutet Knotenpunkt oder Bündnis und weist darauf hin, dass die Musiker aus verschiedenen Regionen zueinander gefunden haben. Zur Band gehören sechs Männer und zwei Frauen. Sie fallen schnell auf zwischen anderen Musikern, weil sie in der Kleidung der Tuareg auftreten - in langen Gewändern und Turbanen. Nur Ag Mossa und Walet Sidati tragen ihr Haar unbedeckt. Tamikrest vereinen viele Einflüsse: Rock, Reggae, Blues, Jazz klingen durch.

Peter Weber hat die Gruppe 2008 bei einem Musikfestival nahe Timbuktu "kennen und lieben gelernt". Weber war als Manager einer anderen Band dort. Tamikrest waren im Nachbarzelt. "Sie hatten keinen Manager, kein Label oder Kontakt zu westlichen Musikleuten", erzählt Weber, der die Band gemeinsam mit dem Label Glitterhouse nach Europa holte. "Meine musikalischen Kenntnisse haben sich dadurch enorm erweitert", sagt Ag Mossa. "Ich habe zum Beispiel gelernt, ganz anders Gitarre zu spielen."

Ag Mossa, der Frontmann von Tamikrest, brachte sich das Gitarrespielen selbst bei. Hier und dort erinnern seine Soli auf dem zweiten und aktuellen Album "Toumastin" an das Vorbild Mark Knopfler. Zum Teil spielt Ag Mossa die E-Gitarre mit verzerrendem Wah-Wah-Pedal. Dazu kommen Handtrommeln wie die Calabash und der oft meditativ klingende Gesang in Tamaschek, der Tuaregsprache, die nur im Niger als Landessprache anerkannt ist.

Vieles macht der Frontmann

Auch die Texte schreibt der Frontmann. Er singt in seiner Muttersprache von der Liebe zu einer Frau und zu seiner Heimat, in der "Wind und Durst regieren". Und doch ist es die Heimat der Tuareg, denn dort gebe es die große Freiheit. Nun ja, zumindest ist das die Sehnsucht der Tuareg. Doch das Leben ihres Volkes, das verteilt ist auf die Staaten Mali, Algerien, Libyen, Niger und Burkina Faso, wird immer schwieriger. Vor allem mit den Regierungen von Mali und Niger gab es in den neunziger Jahren gewalttätige Auseinandersetzungen. Die Tuareg werfen den Staaten vor, marginalisiert zu werden.

Gern spricht Ag Mossa nicht von den Sorgen zu Hause. Fast resigniert berichtet er von seinen Eltern, die das Leben als Nomaden in den achtziger Jahren aufgaben und als Gemüsebauern in einem Dorf siedelten. Doch Tuaregaufstände und Kämpfe mit Malis Armee zwangen die Ag Mossas schließlich 2006 zur Flucht nach Libyen. Es war das Jahr, in dem sich Tamikrest gründete.

Ousmane Ag Mossa lebt mittlerweile im Süden Algeriens, die Familie ist verstreut in Mali und in Gaddafis zerrissenem Land. Die Lage der Tuareg bleibt schwierig. Im Booklet des aktuellen Albums wenden sich Tamikrest an ihre Altersgenossen. Sie fordern von der jungen Generation der Tuareg, sich für ihre Rechte einzusetzen, die eigene Kultur zu bewahren und ihre Heimat zu entwickeln. Von der internationalen Gemeinschaft verlangen Tamikrest, "dem Verschwinden eines Volks" nicht schweigend zuzusehen. Der Name ihres aktuellen Albums, "Toumastin", das im Mai auf Platz acht in die europäischen World Music Charts eingestiegen ist, bedeutet übersetzt "Mein Volk".


Tourdaten Deutschland:
1.7. Lärz, Fusion Festival, 2.7. Kassel, Schlachthof, 29.7. München, Theatron, Musiksommer.
Weitere Termine im Dezember.



insgesamt 2 Beiträge
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Marquis82 01.07.2011
1. Sehr
schöner Sound. Der 29.07 wurde bei mir im Kalender schon rot angestrichen. Danke für die Promo von Spon. Da habt ihr mir ein Juwel gezeigt. Freu mich aufs Theatron.
rogra 01.07.2011
2. WüstenBlues
Zitat von Marquis82schöner Sound. Der 29.07 wurde bei mir im Kalender schon rot angestrichen. Danke für die Promo von Spon. Da habt ihr mir ein Juwel gezeigt. Freu mich aufs Theatron.
Viel Freude beim Konzert. Die Gruppe, von der dieser "Wüstenblues" ausging, war Tinariwen. Auf dem neuen, hier angesprochenen Album von Tamikrest gibt es sogar einen Titel, der auf Tinariwen anspielt. Alle diese Musiker waren vor einigen Jahren als Exilanten in libyschen Flüchtlingslagern aufgenommen, wo sie begannen, sich intensiv mit Musik zu beschäftigen. Falls Sie das interessiert, hören Sie auch mal die Gruppe Terakaft aus Mali an, die haben auch gerade ihr erstes Album veröffentlicht: Aratan N Azawad. Unsere schwächelnde Musikindustrie "kümmert" sich da schon, dass wir als Konsumenten was zu tun haben. schöne Grüsse aus Tunesien - rogra
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