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22. Dezember 2013, 13:25 Uhr

Turkvision Song Contest

Lieder, Liebe und Hiebe unter Brüdern

Aus Eskisehir berichtet Irving Wolther

Die "launige Bosnierin" holte das Nudelholz raus, eine schorische Obertonsängerin zwitschert wie ein Vogel: Beim ersten Turkvision Song Contest im anatolischen Eskisehir ging es schräg und ausgelassen wie beim Eurovision Song Contest zu - und doch steckt hinter der Veranstaltung knallhartes geopolitisches Kalkül.

Stellen Sie sich vor, Sie schauen den Eurovision Song Contest und kennen nur die Hälfte der teilnehmenden Länder. Oder noch besser: Stellen Sie sich vor, bei Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest" würden neben Bayern und Saarländern auch Donauschwaben, Deutschnamibier und Hutterer mit eigenen Beiträgen an den Start gehen. So etwa muss man sich die neueste Errungenschaft in der Welt der Musikwettbewerbe vorstellen: den Turkvision Song Contest.

Denn teilnahmeberechtigt bei der ersten Ausgabe am Samstag in der anatolischen Metropole Eskisehir waren nicht nur Länder mit turksprachiger Bevölkerung wie Aserbaidschan oder Kasachstan, sondern auch autonome Republiken mit turksprachiger Bevölkerung wie das chinesische Uigurien und sogar Volksgruppen wie die nordirakischen Turkmenen, deren Siedlungsgebiet überhaupt keiner eigenen Verwaltungseinheit entspricht.

So erlebten die Zuschauer eine exotische Musikmischung, die auch für das türkische Publikum einige Überraschungsmomente bereithielt. Zum Beispiel als die schorische Interpretin Cildiz Tannakeeva mit dumpfem Obertongesang auf die Bühne trat, um ihren Titel "oria'nn ünü" (Der Klang Bergschoriens) mit täuschend ähnlich nachgeahmten Tier- und Vogelstimmen zu eröffnen. Oder als die kasachische Boygroup Rin'Go eine derart westliche Performance hinlegte, dass man für einen Augenblick dachte, man sei bei den MTV Music Awards. Oder als für Bosnien-Herzegowina die "Ters Bozanka" (Launische Bosnierin) ihr Nudelholz auspackte, um Küsse und Hiebe zu verteilen.

Kampf gegen den Minderwertigkeitskomplex

Eigentlich sollte der Turkvision Song Contest nur eines von vielen Ereignissen im Veranstaltungskalender von Eskisehir als "Kulturhauptstadt der türkischen Welt 2013" sein. Ein Musikwettbewerb, der die kulturelle Vielfalt der turksprachigen Völker präsentiert - keine Konkurrenz zum großen europäischen Musikzirkus. Deshalb beschwichtigte der türkische Erziehungsminister Nabi Avc schon früh: "Diese Veranstaltung ist nicht als Alternative zum Eurovision Song Contest gedacht. Turkvision wird als eigene Marke seinen Platz in der türkischen Welt finden."

Doch angesichts der Professionalität, mit der das Fernsehspektakel nun aufgezogen wurde, lässt sich an dieser offiziellen Tiefstapelei zweifeln. Zumal sich der türkische öffentlich-rechtliche Fernsehsender TRT bereits 2011 aus der Eurovisionsfamilie verabschiedet hat, weil einige Regeländerungen als direkte Benachteiligung der Türkei empfunden wurden. So war 2009 die Wiedereinführung einer Fachjury beschlossen worden, um das Gewicht migrantischer Minderheiten bei der Telefonabstimmung zu relativieren - worunter vor allem der Erfolg der türkischen Einreichungen zu leiden hatte.

Trotzdem ist der Turkvision Song Contest mehr als eine als störrische Reaktion eines Volkes, das in seinem Nationalstolz gekränkt ist. Schon seit geraumer Zeit setzt die türkische Außenpolitik auf eine Stärkung des pantürkischen Zusammenhalts und den Ausbau der Beziehungen zwischen den Turkstaaten. Die kemalistische Weltanschauung, nach der "die europäische Zivilisation das bisher von der Menschheit erreichte höchste zivilisatorische und kulturelle Niveau darstellte und daher mit ihren sämtlichen Komponenten ein von allen 'weniger entwickelten' Gesellschaften zu befolgendes Ziel sei", wie der Historiker Efe Caman feststellt, hatte bei den Türken eine Art kollektiven Minderwertigkeitskomplex genährt.

Der Weg zu einer gemeinsamen Turk-Vision

Linderung hätte vielleicht ein EU-Beitritt verschaffen können, doch die westliche Wertegemeinschaft zeigte der Türkei lange Jahre die kalte Schulter. Als dann Anfang der neunziger Jahre auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion unabhängige Turkstaaten entstanden, eröffneten sich dem Land völlig neue Bündnisoptionen: Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisien, Turkmenistan und Usbekistan.

Schon 1992 streckte die Mitte-rechts-Regierung unter Ministerpräsident Süleyman Demirel ihre Fühler nach Zentralasien aus. An ein engeres Zusammenrücken der Turkvölker war zum damaligen Zeitpunkt jedoch nicht zu denken: Russland wachte eifersüchtig über seine Einflusssphäre in Zentralasien. Erst unter der AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wurde 2009 mit dem "Kooperationsrat der Turksprachigen Länder" (CCTS) ein politisches Instrument geschaffen, das eine engere Zusammenarbeit der Turkvölker vorsieht.

Seither lässt die AKP kaum eine Gelegenheit aus, ihre "Turk-Vision" von einer blühenden Zukunft Zentralasiens unter türkischer Führung zu unterstreichen. Außenminister Ahmet Davutoglu feiert das 21. Jahrhundert schon als Jahrhundert der turksprachigen Länder. So beschwört der Song Contest eine "türkische Welt", in der 24 Länder mit 300 Millionen Zuschauern ihre gemeinsame Kultur feiern. Ein Popereignis mit knallhartem geopolitischen Kalkül.

Ob die türkische Welt sich mit einem Musikwettbewerb aus ihrem jahrhundertelangen Schlummer wecken lässt, bleibt abzuwarten. Dass das uigurische autonome Gebiet Xinjiang seine Teilnahme kurzfristig abgesagt hat, dürfte den meisten Zuschauern kaum aufgefallen sein, denn bei der einheimischen Bevölkerung ist die gefühlte kulturelle Nähe zu den "türkischen" Teilnehmern aus dem fernen Osten eher gering. Chakassen, Schoren und Tuwinen zählen für die meisten Türken allenfalls zur buckligen Verwandtschaft.

Umso größer der Jubel, als das aserbaidschanische "Brudervolk" mit einer eurovisionsreifen Pop-Performance des Mädchenschwarms Farid Hasanov den Sieg beim ersten Turkvision Song Contest davonträgt. Denn Hauptsache am Ende gewinnt die Türkei. Irgendwie.

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