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U2-Konzert in Berlin: "We have many friends here"

Foto: Britta Pedersen/ dpa

U2-Konzert in Berlin Vier Männer, eine Videowand und die Illusion von Nähe

Rock-'n'-Roll-Nostalgie und politische Botschaften auf dem Multimedia-Screen: Die irischen Rock-Superstars U2 spielten in Berlin das erste von vier ausverkauften Arena-Konzerten. Wenn da nur nicht die allzu großen Gesten wären.

Für das Motto des Abends ließen U2 einer Kollegin den Vortritt: "People have the power" sang Patti Smith aus der Konserve über die Hallenlautsprecher, bevor die Band zum ersten ihrer vier Berlin-Konzerte in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof erschien, "das Volk hat die Macht". Im U2-Zusammenhang ist das natürlich die ewige Aufforderung, sein demokratisches Recht auszuüben, sich zu engagieren, politisch wie sozial, auf dass die Welt eine bessere werde, Amen.

Die fromme Gutmenschen-Botschaft zog sich - wie üblich bei Auftritten der irischen Superstars - in verschiedenster Form durch den Auftritt, am Ende wurde sie fast ein bisschen zu penetrant. Aber dazu später.

"Das Volk hat die Macht": Wären U2, namentlich Sänger und Polit-Aktivist Bono, zu Selbstironie fähig, könnte man in der Wahl ausgerechnet dieses Songs auch eine Demutsgeste lesen. Das Volk hatte nämlich im vergangenen Jahr recht laut von seiner Macht Gebrauch gemacht und via Internet einen Shitstorm über U2 niederregnen lassen, nachdem sie in einer überraschend totalitären Geste jedem Nutzer von Apples iTunes-Store ihr neues Album hatten zukommen lassen - gratis, per automatischem Download. Zu viel der oktroyierten Liebe.

Nach dem PR-Desaster gab sich die Band zerknirscht und beschloss, dieses Mal nicht auf Stadion-Tournee zu gehen, sondern in Arenen zu spielen. Intimer sollte das Umfeld sein, back to the roots, passend zum retrospektiven Trip in die Jugendtage, den U2 auf "Songs of Innocence" unternahmen.

Ein Knochen in der Mitte der Halle

Nun kann man darüber streiten, wie intim ein Konzert mit rund 15.000 Gästen ist, aber immerhin ließ man diesmal nicht, wie bei der letzten Tour, dem Umsatzrekorde brechenden "360°"-Spektakel, eine monströse Stahlkralle über der ansonsten kargen Bühne schweben, sondern lediglich eine einzelne große Glühbirne. Unter diesem funzelnden Übungskeller-Licht spielten sich die vier Musiker, neben Bono sind es seit beinahe 30 Jahren Larry Mullen Jr. (Schlagzeug), Adam Clayton (Bass) und The Edge (Gitarre), mit einigen kratzig-krachigen Nummern warm: "The Miracle (of Joey Ramone)" vom neuen Album, "Out of Control" vom Frühwerk "Boy" und "Vertigo" vom letzten echten Erfolgs-Album "How to Dismantle an Atomic Bomb".

Wie ein Knochen lag die Bühnenkonstruktion in der Mitte der Halle, zwei Bühnen, eine runde und eine rechteckige, wurden mit einem langen Laufsteg verbunden, darüber auf ganzer Länge ein riesiges Gerüst, das als interaktiver, begehbarer Video-Projektionsschirm diente. Die Halle wirkte durch diese wuchtige Einrichtung tatsächlich kleiner, kuscheliger als sonst. Zusätzlich schaffte die Mittelachse durchs Publikum durchaus ungeahnte Nähe zum Geschehen.

Allzu große Gesten

Bevor allzu viel Klubkonzert-Atmosphäre aufkommen konnte, feuerte die Technik ein Wahnsinns-Spektakel auf der Videowand ab. Während die Band neue Songs wie "Iris" und "Cedarwood Road" spielte, wandelte Bono durch virtuell gezeichnete Kulissen seiner Jugend in Dublin, samt Kraftwerk-Poster an der Kinderzimmerwand. Wie süß!

Bis zu diesem Punkt wähnte man sich weniger in einem Konzert als in einem multimedialen Bühnenspiel, so kongenial miteinander verwoben waren Musik und autobiografische Visuals - U2, das Multimedia-Musical.

Doch dann folgte auf den durchaus eindrücklichen "Innocence"-Part der im Titel der Tour annoncierte "Experience"-Teil. Leider. Denn je weiter sich die Band durch die drei Jahrzehnte ihrer Karriere spielte, desto größer wurden die Gesten, desto dringlicher brach sich die aktuelle Weltlage Bahn in etwas, das eigentlich eine Rock-'n'-Roll-Show sein sollte - ein immer wieder unbehagliches Spannungsfeld, in dem U2 existieren, seit Bono einst beschloss, mehr als nur ein Sänger mit humanitärer Botschaft zu sein.

Der Höhepunkt des Konzerts

Nach einer Umbaupause kam zwar mit Songs wie "Mysterious Ways" und "Even Better than the Real Thing" passend zur Mittneunzigerphase der Band etwas Disco-Schwung in die hüftsteife Angelegenheit, doch spätestens mit dem donnernden "Bullet the Blue Sky" war wieder Schluss mit lustig: Der Amerika-kritische Song vom "The Joshua Tree"-Album wurde mit Bildern einer von Bomben zerstörten nahöstlichen Stadt begleitet, und Bono schnappte sich den Mikroständer und zielte mit ihm wie mit einer Waffe ins Publikum.

Es war der Höhepunkt des Auftritts, eine Erinnerung daran, wie wirkmächtig diese Band in den Achtzigern war, auf dem Zenit ihres Erfolgs, und mit welch wenigen, aber effektiven Mitteln sie immer noch in der Lage ist, Massen zu elektrisieren und aufzuwühlen. Man bedenke mit allem gebührendem Respekt: Auf der Bühne, im Zentrum dieses Infernos aus flirrenden, agitierenden Videobildern, Zeichen, politischen Symbolen, bis zum Anschlag geschürten Emotionen und Lärm, stehen die ganze Zeit nur vier sehr professionelle und über jeden Zweifel an ihrer Kompetenz erhabene Musiker. Kein Orchester, keine Armee.

Trotzdem fühlte man sich am Ende des rund zweieinhalbstündigen Konzerts, nachdem Mitsing-Hymnen wie "Pride", "With or Without You", "Where the Streets Have No Name" und natürlich das in den Berliner Hansa-Studios aufgenommene "One" absolviert waren, dann doch überrannt; erschlagen von den zum besseren Verständnis auch per LED-Laufband auf Deutsch übersetzten Predigten Bonos: Wir alle sollten doch nun bitte die hier beim Konzert entstandene Liebe nutzen, um die Welt zu heilen.

Dann wurden die Deutschen schnell noch für ihren warmherzigen Empfang der Flüchtlinge in München gelobt, anschließend ging es nahtlos zur Aids-Heilung und Paul Simons "Mother and Child Reunion" über, wozu abwechselnd Logos von Amnesty International und der "One"-Stiftung über die Videowand flackerten, samt dem zeitgeistigen Hashtag #RefugeesWelcome , versteht sich. Und natürlich konnte Bono es sich doch nicht verkneifen, einmal "Ich bin ein Berliner" in die Menge zu rufen. Uff.

"Have you come here to play Jesus?", heißt es in "One", Bonos immer noch bestem Selbstgespräch. Bei aller Demut: Er kann wohl einfach nicht anders. Die Leute waren zufrieden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, der Song "Bullet the Blue Sky" stamme vom Album "Rattle and Hum". Er ist auf der Platte in einer Liveversion zu hören, wurde jedoch ursprünglich auf "The Joshua Tree" veröffentlicht. Außerdem wurden die Ticketpreise für die U2-Konzerte in Berlin mit 100 bis 350 Euro angegeben. Tatsächlich sind sie in bestimmten Bereichen günstiger. Wir bitten, diese Ungenauigkeiten zu entschuldigen.


Am Freitag, 25.9. sowie am Montag, 28.9. und Dienstag, 29.9. spielen U2 erneut in der Mercedes Benz Arena in Berlin.

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