Udo-Jürgens-Musical Wenn sich Jungs küssen dürfen

Es gibt unverwüstliche Lieder und durchaus verwüstliche: Udo Jürgens' Evergreens gehören leider zu den letzteren, wie die brandneue Musicalproduktion "Ich war noch niemals in New York" im Hamburger Operettenhaus an der Reeperbahn zeigt.


Hamburg - Da helfen auch keine virtuos-zackigen Ballett-Einsätze, kein makelloser Gesang und fetziges Orchester: Wer die milde kritischen und moderat satirischen Lieder des dienstältesten deutschsprachigen Schlager- und Chansonbarden in eine so schlichte Boulevard-Form gießt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, den Jürgens ein wenig auf die allzu leichte Schulter genommen zu haben. "Ich war noch niemals in New York" heißt die Revue, die die bekannten Lieder zum Teil aktualisiert und ironisiert - was stellenweise witzig gelingt, oft aber auch einfach schal wirkt.

Die Handlung ist schnell erzählt: Erfolgreiche TV-Journalistin entsetzt sich über ihre ins Altersheim abgeschobene Mutter, die mit neuem Freund frisch verliebt in New York romantisch unter der Freiheitsstatue heiraten will. Gemeinsam mit dem Sohn des Ehemanns ins spe, einem Fotografen, soll die Hochzeit verhindert werden - was nur zu einer weiteren Heirat, natürlich zwischen Journalistin und Fotografen führt. Ort der Konfliktlösung: ein schmucker Dampfer, unterwegs zwischen Genua und New York. Traumschiff eben.

Die Jungs dürfen sich küssen

Autor Gabriel Barylli arbeitete sich gemeinsam mit Co-Autor und Regisseur Christian Struppeck an den Songs ab, die beide mehr oder minder logisch in Handlung und Szene zwingen - kein leichtes Unterfangen bei der Fülle des Materials, wenn auch noch Witz und Charme ins Spiel kommen sollen. Da dürfen, müssen schon mal Rollen gewechselt werden: Dass der kurz vor der Pubertät stehende, hiphoppig gestylte Fotografensohn den Fetzer "Mit 66 Jahren" singt, ist ein brillanter Einfall - wo doch heute mit 66 ebenfalls noch lange nicht Schluss sein soll, jedenfalls nicht mit dem Arbeitsleben.

Ebenfalls gelungen die Adaption vom Udo Jürgens' mäßig scharfer Sozialkritik im wohlbekannten "Ehrenwerten Haus", knallig laut zelebriert von Mitarbeitern der Medienfrau. Als schwule Sozialgarnitur der Handlung agiert das muntere Studiopärchen aus schrillem Maskenbildner und griechischem Regisseur, und sie peppen den inzwischen leicht antiquierten Anti-Heuchelei-Song zeitgenössisch auf. Logisch, keine noch so verknöcherte Wohnanlage ließe sich heute noch mit "Wilden Ehen" schocken. Zum Schluss dürfen sich die Jungs sogar küssen - Gipfel der Provokation! Im Kern bleibt's bürgerlich: Beide hatten zuvor schon beschlossen, die Medienkarriere sausen zu lassen und sich in Griechenland ("Griechischer Wein"!) niederzulassen.

Wenn sich die Paare winden

Das war's aber auch schon mit den Überraschungen. Über weite Strecken geht immer wieder die Sonne auf, wird Chérie gedankt und über 17 Jahre und blonde Haare sinniert, ohne das erwähnenswert Neues hinzukommt. Was nicht weiter schlimm wäre - schließlich freut man sich stets auf den nächsten Jürgens-Fetzer, den die Sänger/Darsteller mit sauberer Intonation, aber ohne Feeling heraushauen. So winden sich die Paare durch stereotype Komödiensituationen, verbreiten gut abgehangene Lebensweisheiten und bieten ihren Darstellern immerhin Gelegenheit, nach Kräften konventionellen Show-Glanz zu verbreiten.

Schnell wird klar, wie sehr die Lieder von der Persönlichkeit des Komponisten, seiner Stimme und seiner Ausstrahlung geprägt wurden, seiner Aura bedürfen. Die Texte mögen nicht gerade philosophische Highlights sein, wenn Udo Jürgens sie singt, haben sie Kraft und Autorität. Von dieser Tiefe hätte man gern etwas gespürt, wenn es denn schon ein Jürgens-Abend auf der großen Showbühne sein soll. Die Flucht in die Ironie wirkt bei vielen Songs als zu leichte Lösung - sie hinterlässt einen Hauch von Verrat am Sujet.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.