Über-Produzent Rick Rubin Coach der guten Töne

Ohne ihn würden HipHop, Metal oder Country definitiv anders klingen - denn fast alles, was Def Jam Records-Gründer Rick Rubin produziert, wird zu Gold. Dabei kümmert sich der bärtige Musik-Magier keinen Deut um Verkaufszahlen.

Von Markus Hablizel


Obgleich die diesjährige Grammy-Verleihung – wieder einmal – wenig aufregend daher kam, weiß man nun zumindest: Die mit fünf Awards bedachten Dixie Chicks tragen Bart. Und man ist geneigt zuzugeben: Schlecht steht der ihnen nicht. Die Red Hot Chili Peppers waren schon anno 1991 während der Vorarbeiten zu ihrem Schlüsselwerk "Blood Sugar Sex Magik" auf den Geschmack gekommen und auch Justin Timberlake lässt dieser Tage etwas Flaum stehen.

Sie alle sind Kunden beim derzeit erfolgreichsten Barbier US-amerikanischer Popmusikumtriebe: Rick Rubin. Der Mann mit der schwer zähmbaren Gesichtsvegetation zeichnet für zwei von fünf für das "Album des Jahres" nominierten Produktionen verantwortlich, eine dritte hat er teilveredelt. Zudem wurde der in Los Angeles lebende Produzent nunmehr zum fünften Mal als "Produzent des Jahres" ausgezeichnet.

Auszeichnungen, Verkaufszahlen oder der Pegel seines Bankkontos interessieren ihn nicht sonderlich – man nimmt ihm seine immer wieder beschworene Liebe zur Musik und ein aufrichtiges Interesse an den Menschen dahinter als Motor seines gut geölten Tuns ab. Es mag an der eigenen limitierten Phantasie liegen, dass man jemandem, der im Laufe seiner Karriere knapp 100 Platten produziert und über 100 Millionen verkauft hat, umgehend Profitmaximierung als alleiniges Wesensmerkmal unterstellt. Will man Rubins Erfolg logisch vermessen, stellt man schnell fest, dass das unmöglich ist. Nun stolpert man in den Sinnbezirken der Popmusik bekanntermaßen nur selten über Logik, weswegen die meisten Menschen Pop als wesentlich sexier empfinden als etwa anorganische Chemie.

Frederick Jay Rubin ist in Long Island aufgewachsen. Wie es sich ziemt für einen Sprössling der oberen Mittelklasse, wäre eine Laufbahn als Rechtsanwalt oder Arzt gerade recht gewesen. Stattdessen produzierte er 1984, gerade mal 20 Jahre alt, die HipHop-Single "It’s Yours" und gründete Ende desselben Jahres gemeinsam mit Russell Simmons in New York Def Jam Records. Es sollte keine zwei Jahre dauern, dass sie mit "Licensed To Ill" von den Beastie Boys, "Raising Hell" von Run-DMC und einem gut dotierten Vertriebsdeal mit Columbia HipHop in die Charts, den Mainstream und nach Suburbia katapultierten.

Sich mit Anfang 30 zur Ruhe setzen? Von wegen!

Nichts wäre leichter gewesen, als darauf aufzubauen, ordentlich HipHop-Nachschub zu generieren, ein paar Jahre lang das Bankkonto zu füllen und sich mit Anfang 30 zur Ruhe setzen. Stattdessen verhedderte sich Rick Rubin absichtsvoll im Gedärm der Thrash-Gestörten Slayer und produziert den laufenden Metal-Meter Glen Danzig. 1988 ging er nach Los Angeles, gründete sein eigenes Label Def American und produzierte unter anderem die Geto Boys, Mick Jagger und die Red Hot Chili Peppers. Nach einer kurzen Durststrecke 1992 bis '93 wurde das "Def" beerdigt, übrig blieb American Recordings, das Label, das für Johnny Cash eine zwar späte, aber dennoch eine Heimstatt geworden ist.

HipHop würde ohne Rick Rubin heute anders aussehen. Auch Metal. Oder Country. Pop ganz generell. Da ist einer, der sich um Genres einen Dreck schert. Der von Slayer bis Shakira alles produzieren kann, so er denn will. Er kümmert sich nicht um das, was Medienkonzerne meinen, was der Markt fordert. Grenzen zwischen Geschlechtern, Ethnien, Musiken, und Generationen sind ihm bewusst, doch meist ignoriert er sie – ganz unrebellisch. Er reanimiert Johnny Cash und Neil Diamond gerade dann, wenn sie am wenigsten gefragt sind – und, oh Wunder, sie nehmen mit die besten Alben ihrer Karrieren auf. Gut, nicht alles, was Rubin anfasst, wird zu Gold. Aber erstaunlich viel davon.

Keine fertige Idee im Kopf

Das wissen natürlich auch die Chefetagen der Majorlabels nicht erst seit gestern. Wurde ihm doch laut "New York Times" kürzlich der Posten des Vize-Vorstandsvorsitzenden von Columbia Records angeboten. Ob er die Stelle annehmen wird, dazu hat er sich bislang nicht geäußert. Ob er sie überhaupt annehmen dürfte, wenn er denn wollte, hängt von Warner Brothers Records ab. Dort ist er nämlich mit American Recordings noch drei weitere Jahre unter Vertrag.

Ob Rick Rubin den Zuschnitt hat, der in den Chefetagen der Major-Industrie gefragt ist, darf bezweifelt werden. Anders als andere Produzenten hat er keine fertige Idee im Kopf, die er über den Künstler und seine Musik stülpt wie einen Sack. Von "sonic signature" keine Spur. Rubin hat keinen technokratischen Produzentenbegriff, versteht sich eher als Coach, der ein gutes Mannschaftsklima herstellen will. Er sieht genau hin, hört gut zu, nimmt sich Zeit, obwohl die Labels der Künstler mit Abgabeterminen winken. Vor allem aber hat er eine eigene Meinung und traut sich, sie zu äußern. Auch wenn es Mick Jagger nicht passt. Er ist ein selbstbewusster, sorgfältiger Hermeneut mit dem Hang zum Philanthropen. Deswegen klingen in seinen Händen die Dixie Chicks nach den Dixie Chicks, Cash nach Cash und U2 nach U2. Nur besser. Was im Anbetracht der Kooperation zwischen Rubin und den Letztgenannten zu unserem Vorteil geraten könnte.



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