Geleaktes Pop-Meisterwerk Der Teufel aus dem Archiv

Paddy McAloon von der britischen Band Prefab Sprout gilt als Eigenbrötler, der sich zuletzt immer rarer machte. Nun sorgt ein nicht zur Veröffentlichung gedachtes Album im Netz für Aufregung. Es ist brillant.

Corbis

Der Wikipedia-Eintrag über Prefab Sprout verspricht wenig Aufregendes. Da lernt man, dass Paddy McAloon und seine Zuarbeiter eine englische "Pop Rock Band" aus der Provinz sind, die in den achtziger Jahren bekannt wurde. Ihr Song "The King of Rock'n'Roll" brachte es immerhin auf den siebten Rang der UK Charts. Ihr Album "Steve McQueen" landete auf Platz 180 in den USA. Aber bei Wikipedia steht auch der Satz, dass der Sänger und Prefab-Sprout-Hauptdarsteller Paddy McAloon "als einer der großen Songwriter seiner Ära verehrt wird".

Geschichten über den scheuen Künstler McAloon enthalten oft die Worte "unterschätzt" und "Kult". Zwei überstrapazierte Begriffe, die in der Regel Musiker beschreiben, die nicht so erfolgreich wurden wie erhofft. Aber das beschreibt die Karriere von Prefab Sprout auch nur unzureichend. Feststeht, dass Paddy McAloon zur Gattung der Hochbegabten zählt. Seine Texte sind so kunstvoll wie einfühlsam, seine Melodien oft atemberaubend schön. Songs wie "Bonny", "When Love Breaks Down" oder "A Prisoner of the Past" kommen der Idee vom perfekten Pop-Song ziemlich nahe. Das Prefab-Sprout-Meisterwerk "Steve McQueen" taucht regelmäßig in vielen Bestenlisten auf.

Kompromissloser Perfektionist

Die Charts rollten Prefab Sprout trotzdem nie auf, dafür liest sich die Liste der Künstler, die McAloons Songs coverten, eindrucksvoll und überraschend: Sie reicht von Kylie Minogue ("If You Don't Love Me") und Lisa Stansfield ("When Love Breaks Down") über The Editors ("Bonny") bis hin zu Cher ("The Gunmen").

Dass Prefab Sprout selbst nie über den gehobenen Insiderstatus hinauskamen, liegt auch daran, dass Paddy McAloon auch ein kompromissloser Perfektionist ist, der für seine Karriere nie seine Ideale opferte. Konzerte gab er kaum, Videos hielt er für Zeitverschwendung und neue Songs und Alben rückt er nur sehr zurückhaltend raus. Die Liste seiner im Archiv beerdigten Alben ist legendär. Wikipedia listet da Konzeptalben über Michael Jackson, Zorro und Superhelden auf.

Nun fand eine dieser mythenumrankten Platten überraschend den Weg ins Internet und sorgt für ein Blog-Beben. "The Devil Came A-Calling" heißt das vermutlich 2005 eingespielte Album, das Paddy McAloon in Interviews bereits erwähnte und erklärte, dass es ihm zu schwermütig geraten sei und deshalb nicht erscheinen könne. Das Auftauchen dieser zehn Songs ist erst mal ein Ereignis, weil zuletzt nur noch alle Jubeljahre mal etwas Neues von ihm zu hören war, der mit gesundheitlichen Problemen kämpft und sich nahezu völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Aber es ist vor allem eine eindrucksvolle Erinnerung an sein fabelhaftes Talent.

Die meisten Alben, die zurückgehalten werden, sind wirklich nicht gut. "The Devil Came A-Calling" ist eine Ausnahme. Ein Album, das Paddy McAloon auf der Höhe seines Könnens zeigt. Das fängt schon mit tollen Songtiteln wie "Grief Built the Taj Mahal" an und gipfelt in umwerfenden Liedern wie "The Best Jewel Thief in the World" oder "Adolescence", die auf Augenhöhe mit McAloons strahlendsten Geniestreichen sind.

Allerdings ist der Ärger über das Leck, dem dieser Genuss zu verdanken ist, gewaltig. Alle Blogs, die diese Songs zu Gehör bringen, werden umgehend mit einstweiligen Verfügungen überzogen. Trotzdem gilt: Was einmal online ist, bleibt da. Und wer sich durch die Weiten des World Wide Web googelt, kann mit Glück einer der besten Platten lauschen, die dieses Jahr zu bieten hat.

Natürlich ist das illegal. Und der Zorn des Urhebers verständlich. So bleibt die Hoffnung, dass "The Devil Came A-Calling" eines Tages regulär erscheint. Die Wartezeit kann man sich mit dem Wiederentdecken der Meisterwerke "Steve McQueen" und "Andromeda Heights" vertreiben.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
3-plus-1 21.06.2013
1. Idiotisch
Na das muss ja ein supergenialer Kopf sein, der seine Alben für den Mülleimer produziert. Diese verschrobene Ansicht kenne ich sonst nur von Programmierern (aus dem Bekanntenkreis), die sich freuen ein Problem, das alle haben, mit einem kleinen Tool gelöst zu haben, dann mit sich zufrieden sind und es nicht publizieren. Da KANN es moralisch nicht verwerflich sein das Urheberrecht zu ignorieren. MOralisch halte ich es für ein Verbrechen der Menschheit kulturelle Bausteine vorzuenthalten. Ich hielt Jean-Michel Jarre bei der Veröffentlichung seiner LP (ja nur eine!) "Musique pour Supermarché" schon für verrückt, aber GAR NICHT zu publizieren - was soll das?
Reduktionsleiter 21.06.2013
2. Unerhört, ungehört und ungehörig
"Die meisten Alben, die zurückgehalten werden, sind wirklich nicht gut.", schreibt Christoph Dallach. Er kann das wohl beurteilen, denn er hat sie gewiß alle gehört.
Astrocreep2000 21.06.2013
3. Nö, allein seine Sache.
Wenn ein Künstler selbst entscheidet, seine Arbeit nicht zu veröffentlichen, dann ist das seine eigene freie Entscheidung. Das ist dann mitunter sicher schade für die Allgemeinheit – aber von dieser zu akzeptieren. Das geistige Eigentum einer Person gegen deren Willen ans Tageslicht zu zerren, halte ich dagegen für mindestens unmoralisch, wenn nicht sogar verbrecherisch. Da wird die Freiheit des Einzelnen für das "Mehrheitsinteresse" geopfert? Das darf nicht sein.
saumann 21.06.2013
4. aber GAR NICHT zu publizieren
Zitat von 3-plus-1Na das muss ja ein supergenialer Kopf sein, der seine Alben für den Mülleimer produziert. Diese verschrobene Ansicht kenne ich sonst nur von Programmierern (aus dem Bekanntenkreis), die sich freuen ein Problem, das alle haben, mit einem kleinen Tool gelöst zu haben, dann mit sich zufrieden sind und es nicht publizieren. Da KANN es moralisch nicht verwerflich sein das Urheberrecht zu ignorieren. MOralisch halte ich es für ein Verbrechen der Menschheit kulturelle Bausteine vorzuenthalten. Ich hielt Jean-Michel Jarre bei der Veröffentlichung seiner LP (ja nur eine!) "Musique pour Supermarché" schon für verrückt, aber GAR NICHT zu publizieren - was soll das?
Das ist sein gutes Recht. Er hat's gemacht und es gehört ihm. Dennoch werde ich gerne in einen der veröffentlichten Songs reinhören. Und wenn es mir gefällt, dann werde ich es gerne kaufen (falls es mal veröffentlicht werden sollte). Von einem Programmierer, der auch für Geld nicht für den Mülleimer schreiben mag.
DrStrang3love 21.06.2013
5.
Zitat von 3-plus-1Na das muss ja ein supergenialer Kopf sein, der seine Alben für den Mülleimer produziert. Diese verschrobene Ansicht kenne ich sonst nur von Programmierern (aus dem Bekanntenkreis), die sich freuen ein Problem, das alle haben, mit einem kleinen Tool gelöst zu haben, dann mit sich zufrieden sind und es nicht publizieren. Da KANN es moralisch nicht verwerflich sein das Urheberrecht zu ignorieren. MOralisch halte ich es für ein Verbrechen der Menschheit kulturelle Bausteine vorzuenthalten. Ich hielt Jean-Michel Jarre bei der Veröffentlichung seiner LP (ja nur eine!) "Musique pour Supermarché" schon für verrückt, aber GAR NICHT zu publizieren - was soll das?
Schon schockierend, dass es Leute gibt, die künstlerische Integrität über den Kommerz stellen, hm?
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