USA-Tagebuch von Henryk M. Broder Die Gaudiburschen aus dem Norden

Im Januar ist Island besonders schön. Es gibt kaum Touristen, gegen 11 Uhr wird es langsam hell, um 15 Uhr setzt die Abenddämmerung wieder ein. Doch die Stunde der isländischen Kultband Studmenn schlägt erst viel später.

Von Henryk M. Broder


Kult auf der Insel: Die isländische Band Studmenn
Henryk M.Broder

Kult auf der Insel: Die isländische Band Studmenn

Reykjavik - Die Tage sind kurz in Reykjavik, die Nächte lang, man hat viel Zeit für Kultur und andere wichtige Dinge. Deswegen fangen die Konzerte der Studmenn nie vor Mitternacht an und hören selten vor fünf Uhr früh auf. Im Sommer spielen sie oft im Freien, im Winter meist im "Broadway", dem Ballsaal des Hotels Island.

Studmenn bedeutet, frei übersetzt, so viel wie "Gaudiburschen". Und so hört sich auch die Musik an: Ein kräftiger Rock, der nicht von Elfen und Trollen, sondern von Wikingern gespielt wird. "Musikalisch liegen wir irgendwo zwischen den Mothers of Invention von Frank Zappa und der Bonzo Dog Doo Da Band", sagt Jakob Friman Magnusson, der die Gruppe 1972 auf dem Gymnasium Hamralid in Reykjavik gegründet hat. "Unsere Musik ist wie postmoderne Architektur, wir benutzen alles, was uns gefällt, es gibt keine zweite Band mit einem ähnlichen Profil", wobei er offen lässt, ob er Island oder die Welt meint.

Denn auf Island sind die Studmenn berühmt, "die längste und älteste" Rockgruppe der Insel. Drei der sieben Musiker sind von Anfang an dabei, Jakob Friman Magnusson, Komponist und Keyboarder, ist inzwischen 48 Jahre alt, sieht aber erheblich jünger aus. Er hat nach dem Abitur Musik studiert, war von 1992 bis 1997 Kulturattaché an der isländischen Botschaft in London und sitzt seit 1999 im isländischen Parlament, als stellvertretender Abgeordneter der Samfylking, eines Bündnisses aus Sozialdemokraten, Kommunisten und der Frauenpartei, mit 17 von 63 Sitzen der zweitgrößten Fraktion im Haus.

Begehrte Glatze: Sänger Egill Olafsson
Henryk M.Broder

Begehrte Glatze: Sänger Egill Olafsson

Thor Arnasson, genauso alt wie Magnusson, spielt Gitarre und sieht wie John Lennon aus, wobei er die Ähnlichkeit mit Brille und Frisur noch betont. Egill Olafsson, auch schon 48, singt. Er ist der Kraft- und Sexprotz der Truppe, die Groupies schlagen sich darum, seinen kahl geschorenen Kopf anfassen zu dürfen. Nebenbei ist Olafsson der bekannteste Schauspieler Islands, er hat in zwei dutzend Filmen mitgespielt und tritt am Staatstheater auf. Zur Zeit schreibt er die Musik für eine Neufassung des Stückes "Anna Karenina" als "Singspiel".

Die anderen Musiker sind im Laufe der Jahre dazu gestoßen. Ragga Giseladottir tritt seit 1984 als Sängerin mit den Studmenn auf, eine kleine, kräftig gebaute Frau mit einer großen Stimme, "der versteckte Schatz hinter Björk", wie die Fans der Gruppe beteuern. Aber Ragga braucht sich hinter Björk nicht zu verstecken, denn auf Island kennt sie jeder, und dass sie international nicht ebenso bekannt wurde, hat mit den Regeln und Fallen des Showbusiness zu tun.

"Der versteckte Schatz hinter Björk": Ragga Giseladottir
Henryk M.Broder

"Der versteckte Schatz hinter Björk": Ragga Giseladottir

"Die Texte sind gemacht, um Isländer zu unterhalten, die meisten Wortspiele kann man nicht übersetzen und als Ausländer nicht verstehen", sagt Audunn Arnorsson, Redakteur der Tageszeitung "Morgunbladid". Immerhin, als die Studmenn in den neunziger Jahren aus einer Laune heraus "The Human Body Orchestra" bildeten, wobei sie ihre Körper als Instrumente benutzten und auf Texte verzichteten, wurden sie auch außerhalb Islands wahrgenommen und gefeiert.

Daheim haben sie inzwischen 15 LPs und CDs und 35 Singles produziert und zwei Filme gedreht; 1986 sind sie auf Einladung der chinesischen Regierung durch China getourt, als zweite westliche Band nach Wham!. Bei ihren Konzerten treten zwei "Gogo-Guys" auf, Addi und Bjarni, "die ältesten Breakdancer im hohen Norden", beide über 70 und Handwerker von Beruf. Sie sollen, sagt Magnusson, "das Publikum mit ihrem Hüftschwung anheizen", und sie schaffen es auch, denn die Isländer mögen nicht nur Musik, sie haben auch einen gut entwickelten Sinn für das Skurrile.

"Unser Motto lautet: Sauberkeit ist am wichtigsten!" Magnusson meint es ernst. Die Studmenn haben sich vorgenommen, "Island aufzuräumen" und 1998 eine "Grüne Armee" ins Leben gerufen. Über 1200 Freiwillige meldeten sich zum Dienst, um marode Höfe zu reparieren, Straßenabfälle einzusammeln und triste Brücken bunt anzustreichen. Die Aktion wird jedes Jahr im Sommer wiederholt, mit immer mehr Teilnehmern.

Demnächst kommen die isländischen "Gaudiburschen" auch nach Deutschland. Anfang Februar geben sie zwei Konzerte in Hamburg. Die beiden Gogo-Guys kommen mit. Damit auch die Hamburger mal richtig in Fahrt kommen



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