Van Morrisons Corona-Protestsongs Ungenießbar, auch musikalisch

Geraune über Medienverschwörung und Freiheitsberaubung: Blues-Grantler Van Morrison, 75, bringt drei Protestsongs gegen die Corona-Politik der britischen Regierung heraus. Wir durften reinhören.
Blues-Legende Van Morrison: Späte Selbstberufung zum Protestsänger

Blues-Legende Van Morrison: Späte Selbstberufung zum Protestsänger

Foto: Jeff Kravitz / FilmMagic / Getty Images

Wäre er doch nur bei seinem Diktum von vor drei Jahren geblieben. Damals sagte Van Morrison der "Irish News" , dass er mit Politik nichts am gern getragenen Trilby-Hütchen habe. "Ich bin unpolitisch", betonte er und fügte hinzu: "Ich habe ganz und gar nichts über Politik zu sagen, und damit werde ich jetzt auch nicht anfangen." Aber was interessiert den alten Grantler sein Geschwätz von gestern.

Schon 2018 polterte Morrison gegen die Medien und die Fake News, die sie über ihn und alles andere verbreiten würden. Er habe nämlich, im Gegensatz zu seinem in der Öffentlichkeit ewig reproduzierten Miesepeter-Image, durchaus Humor und würde auch auf der Bühne öfter mal lachen. (Das sieht nur nie jemand, weil er dem Publikum in Konzerten gern mal den Rücken zudreht).

Erst im vergangenen Jahr ärgerte sich der Nordire, inzwischen 75 Jahre alt, darüber, dass der britische Premierminister Boris Johnson in einer Rede aus einem seiner Songs zitiert hatte. Kurzerhand erklärte er  seinen damals neuen Song "Nobody In Charge" zur Anti-Brexit-Hymne.

Beides, das Misstrauen gegen die Medien und die Abneigung gegen Johnson, manifestiert sich nun auch in drei Protestsongs gegen den Lockdown und die Corona-Politik in Großbritannien, die Morrison ab dem 25. September in Zweiwochenschritten veröffentlichen will. Sie heißen "Born To Be Free", "No More Lockdown" und "As I Walked Out". DER SPIEGEL durfte sich die Lieder vorab anhören.

Krude historische Vergleiche

Und das war kein Vergnügen. Der Soul- und Bluessänger Morrison, seit den Sechzigerjahren weltweit gefeiert für R&B-Evergreens wie "Brown Eyed Girl" oder Alben wie "Astral Weeks" und "Moondance", 2016 von der Queen zum Ritter geschlagen, scheint sich in den vergangenen Jahren zunehmend radikalisiert zu haben.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Masken, Lockdown-Regeln, Abstandsgebot, all das sei repressiver Humbug, suggeriert er im fröhlich-beschwingten und orgelsatten "Born To Be Free": "It's not for the benefit of you and me, cause we were born to be free", singt er launig, raunt dann aber in kruden historischen Vergleichen von neuen, alten Ideologien, die das Volk unterdrücken sollen: "Everyone seems to have Amnesia / Try to remember the Berlin wall" - alle scheinen an Gedächtnisverlust zu leiden, versucht euch doch mal an die Berliner Mauer zu erinnern.

In "No More Lockdown", einem klassischen Piano-Blues, wird Morrison noch deutlicher: "No more lockdown, no more government overreach, no more fascist bullies, disturbing our peace", singt er - und bezeichnet die Politiker der britischen Regierung als faschistische, übergriffige Rüpel. Ungenießbar, auch musikalisch, wird es dann im letzten Song, der eigentlich nur eine mühsam in Versform gepresste Wutrede ist: Am 21. März habe es auf einer Website der Regierung geheißen, Covid-19 falle nicht länger in die Kategorie "high-risk", berichtet er, "but two days later, Boris put us under lockdown". Warum berichten die "Medien und ihre politischen Lakaien" nicht darüber, fragt er über wiederum beseelten, aufwühlenden Orgeltönen: "Why is it not big news", warum werde dem Volk nicht die Wahrheit gesagt?

Morrisons späte Selbstberufung zum querdenkenden Protestsänger blieb nicht ohne Wirkung: Die Song-Trilogie sei komplett uninspirierend und werde niemand aufrühren, zürnte ein Kommentator im britischen "Telegraph"  am Freitag. Die Songs seien lediglich "mad mutterings of a grumpy old man".

"Es geht um die Freiheit der Wahl"

Schon im letzten Monat hatte Morrison für Aufsehen gesorgt, als er in einem Plädoyer dafür, Livekonzerte wieder vor Menschenmassen abzuhalten, dazu aufrief, "die Pseudowissenschaft zu bekämpfen". Das Statement wurde jedoch wieder gelöscht. Zurzeit breitet sich das Coronavirus in Großbritannien wieder verstärkt aus, Forscher fordern bereits einen erneuten Lockdown, Gesundheitsminister Matt Hancock will zunächst jedoch auf regionale Beschränkungen setzen.

Morrison wolle in seinen neuen Liedern klarmachen, wie unglücklich er mit der Art und Weise ist, wie die Regierung persönliche Freiheiten weggenommen hat, heißt es in einem am Freitag veröffentlichten Statement . Gleichzeitig wolle er "Menschen nicht vorschreiben, was sie tun oder denken sollen". Das tue ja seiner Ansicht nach bereits die britische Regierung: "Es geht um die Freiheit der Wahl", schreibt Morrison. "Ich glaube, Menschen sollten das Recht haben, für sich selbst zu denken."

Fair enough. Aber möglicherweise unterschätzt Morrison seinen eigenen Einfluss als populärer Künstler, wenn er in "No More Lockdown" fordert: "No more celebrities telling us how we're supposed to feel" - bloß keine Berühmtheiten mehr, die uns sagen, was wir fühlen sollen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.