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Neues Album von Vanessa Mai Himmel und Herzschmerz

Vanessa Mai ist ein Liebling der Schlagerszene. Mit dem Album »Mai Tai« will sie sich vom Etikett der Schlagersängerin lösen und in Richtung Mainstream-Pop bewegen. Doch so richtig gelingt ihr das nicht.
aus DER SPIEGEL 13/2021
Sängerin Mai: »180 mit verschmiertem Kajal«

Sängerin Mai: »180 mit verschmiertem Kajal«

Foto: Mustafah Abdulaziz / DER SPIEGEL

Vanessa Mai will keine Schlagersängerin mehr sein. Das sagte die 28-Jährige vor Kurzem bei Dreharbeiten zu ihrer YouTube-Show »On Mai Way«. Doch wonach klingt eine Schlagersängerin, die keine Schlagersängerin mehr sein will?

Mai kam im schwäbischen Backnang als Vanessa Mandekić zur Welt. Im Mai, daher der Künstlername. Ihr Vater, ein Musiker, der wegen der Liebe vom kroatischen Norden in den deutschen Süden gezogen war, nahm seine Tochter früh mit zu Konzerten seiner Coverband. Mai sang als Kind Lieder, die in den Hitparaden ganz oben standen, als man noch Hitparaden sagte: »Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür.«

Später wurde Mai mit ihrer eigenen Band berühmt, Wolkenfrei. Es folgte eine Solokarriere wie aus dem Bilderbuch. Oder eher wie aus einem Querschnitt der Illustrierten an den Bahnhofskiosken der Bundesrepublik. Dieter Bohlen als Mentor. Jurymitglied bei »Deutschland sucht den Superstar«. Jüngste Schlagersängerin mit zwei aufeinanderfolgenden Nummer-eins-Alben in den deutschen Charts. Ein Echo mit Mitte zwanzig, als es den Echo noch gab. Mais Ehemann und Manager ist Stiefsohn der Schlagergröße Andrea Berg. Schlager, durch und durch. Oder?

2017 endete Mais Zusammenarbeit mit Bohlen. Der sagte damals der »Bild«: »Vanessa möchte in so eine Taylor-Swift-Ecke.« Die US-amerikanische Popsängerin, eine der erfolgreichsten der Gegenwart, sieht Mai als Vorbild.

Aus: DER SPIEGEL 13/2021

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Vanessa Mais siebtes Album »Mai Tai« ist ihr bislang eifrigster Versuch, sich vom Etikett der Schlagersängerin zu lösen und in Richtung Mainstream-Pop zu bewegen. Songs wie »Augenblick«, »Eine Sekunde« oder »Der eine« wirken vor allem im ambitionierten Gesang, aber auch mit den zur großen Geste neigenden Arrangements und ihren melancholischen Untertönen, als wären sie nach einer Taylor-Swift-Hit-Bauanleitung zusammengesetzt worden.

Mais Drang nach mehr Pop zeigt sich nicht nur am Klang, sondern auch am Bild. Am Cover zur Single »Leichter« etwa, auf dem Mai im Achtzigerjahre-Look posiert. Das erinnert an den Film »Flashdance« und damit an die angesagte Sängerin Dua Lipa, die im vergangenen Jahr diese Ästhetik wieder salonfähig machte und jüngst einen weiteren Grammy gewann. Offenbar inspiriert von Popgrößen wie Lipa und Swift, für die Selbstermächtigung ein Kernthema ist, übersetzt Mai auf »Mai Tai« auch Empowerment ins Schlagerdeutsche. »Du bist perfekt, so wie du bist«, singt sie in »Gib nie auf«.

Auf ihrem neuen Album bedient sich Vanessa Mai aber auch an der aktuell beliebtesten Musikrichtung, Rap. Das irritiert nicht so sehr, eint die Genres Schlager und Rap doch häufig der Hang zu alten Rollenbildern oder neoliberalen Fantasien. Zudem kuschelt einer der populärsten Deutschrapper, Capital Bra, seit Längerem mit dem Schlager. Und Bushido sang schon zusammen mit Karel Gott.

Vanessa Mai kuschelt jetzt zurück: Sie fährt in einem Song »180 mit verschmiertem Kajal«, berichtet von den Lichtern der »Skyline« oder von Luxusreisen (»von Paris bis nach Katar«), besingt nicht mehr Gefühle, sondern »Emotions«. So hieß auch eine Nummer-eins-Single des Kreuzberger Rappers Ufo361.

All das hat etwas von einer nervenschonenden Ultrakurzgeschichte des popkulturellen Zeitgeists: Wenn Deutschrap anklingt, dann ohne die Straße und den Dreck. Ohne die Authentizität. Wenn Taylor Swift anklingt, dann ohne den Feminismus und die Krisen, die heute zum Popstardasein dazugehören. Swift hat öffentlich über ihre Essstörung gesprochen. Auch Mai erzählte bei einem Konzert Ende 2019 von einer Krise, in der sie gelandet war. Was für eine Krise? Im Interview mit dem SPIEGEL spricht sie vage von einer »Findungsphase«, einem »Prozess«, einem »Struggle«. Danach gefragt, ob sie Feministin sei, antwortet Mai: »Ich bin kein Fan von extremen Sachen.«

Ihre Musik ist eben kein Molotowcocktail, sondern ein »Mai Tai«. Ein Drink also, der einiges irgendwie mischt und den viele irgendwie mögen. Mit diesem Irgendwieprinzip folgt Mai bewährten Rezepten im Schlager: Deute die Dinge an, aber dekliniere sie nicht durch. Guck ruhig mal zum Zeitgeist rüber, aber konzentriere dich dann wieder auf die wirklich wichtigen Dinge. Die großen Dinge. Liebe und Herzschmerz. Himmel und Hölle, Hölle, Hölle. Oder, wie Vanessa Mai auf »Mai Tai« singt: »Auch wenn die Welt mal zerbricht, bleibst du mein Himmelslicht.«

Mai, die nicht nur auf YouTube beliebt ist, sondern auch auf Instagram (über 800.000 Abonnenten) und TikTok (mehr als eine Million), hat ganz offensichtlich verstanden, dass der »ZDF-Fernsehgarten«, nach einer Art Urban-Gardening-Reform, heutzutage allerorten stattfinden muss.

Die Schlagersängerin Vanessa Mai, die keine Schlagersängerin mehr sein will, ist kein Popstar. Mit »Mai Tai« bleibt sie eine Schlagersängerin. Aber eine, die dem Genre ein Update verpasst, das systemrelevant ist.

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