Violinvirtuosen Bei Brahms den Bogen raus

Das Violinkonzert von Johannes Brahms fordert jeden Interpreten enorm. Jetzt sind gleich zwei ambitionierte Neueinspielungen erschienen. Doch die Krone für die beste Interpretation gehört noch immer einem Großmeister des letzten Jahrhunderts.


Die Solistenmusik von Johannes Brahms scheidet die Genies von den Talentierten. Das gilt für die beiden Klavierkonzerte, aber mehr noch für das eine, großangelegte Violinkonzert Opus 77. Brahms' Intention, schlicht das perfekte Konzert zu schreiben, gelang ihm so überzeugend und beinahe furchteinflößend, dass zeitgenössische Virtuosen lange vor den technischen Hürden des Monsterwerkes zurückschreckten. Selbst Brahms' Freund und Berater, der Ausnahmegeiger Joseph Joachim, hielt das ihm gewidmete Werk zuerst für kaum realisierbar. Dennoch spielte er Neujahr 1879 bei der Uraufführung in Leipzig.

Inzwischen kommt natürlich kein Saitenstar mehr an dem Wunderwerk vorbei. Umso überraschender, dass der hochgeschätzte und erfolgreiche russische Violinist Vadim Repin erst Ende 2008 das Konzert für CD einspielte. State of the art, wie beim Komponisten, sollte es eben sein. Und dies ist dem nahezu Unfehlbaren aus Sibirien nun auch weitgehend gelungen.

Repin, der 1971 in Nowosibirsk geboren wurde und mit sieben Jahren bereits konzertierte, holte sich Riccardo Chailly und das Leipziger Gewandhausorchester ins Studio, und alle betrachteten offenbar ihren Brahms aus dem gleichem Blickwinkel: Harmonie und Virtuosität, eingebettet in eine gemessene, fürs hanseatische Brahms-Feeling passende Strenge, die stets den komplexen Aufbau des Konzertes und seine Spannungsbögen sorgsam herausarbeitet. Repin denkt hörbar sehr genau nach über die Musik - so wird Brahms in dieser Konstellation eher diskutiert als zelebriert; was der unbändigen Wucht des Konzertes aber gut bekommt.

Bei aller Süße und Klangsicherheit von Repins Geigenton gelingt die aufregende Reibung von norddeutscher Spröde und fast schon südländischer Melodienfülle des Konzertes. Die heitere Gelöstheit, die Brahms bei der Komposition in Pörtschach am Wörthersee wohl erfüllte, stellt Repin nicht naiv aus, er denkt sie mit und entwickelt aus diesem Spannungsfeld "seinen" Brahms (Deutsche Grammophon / Universal).

Vorsichtiger geht der vier Jahre jüngere polnische Virtuose Nikolaj Znaider vor: Bei ihm hat Brahms die Biegsamkeit eines Bravourstücks, doch Znaider will sich keinesfalls vom emotionalen Überschwang und den blitzenden Melodielinien verführen lassen. Vielleicht bremst ihn auch schlicht der Respekt. Vor Brahms und eventuell auch vor seinen musikalischen Partnern: Die Wiener Philharmoniker unter dem Power-Russen Valéry Gergiev brettern wie entfesselt los und entfachen ein romantisch-klassisches Feuer, das Brahms wunderbar aufschäumt, aber den Solisten ein wenig in die Defensive drängt. Dennoch schlägt sich der Echo-Preisträger von 2004 sehr anständig: Durch die respektvolle Attitüde Znaiders klingt Opus 77 klar, frisch und fein durchstrukturiert, wobei der notwendige virtuose Zugriff aller Eitelkeit entkleidet ist. Wem es nur um die Musik und weniger um die Persönlichkeit des Interpreten geht, wird an Znaiders Interpretation durchaus Freude haben. Und den Glanz von Repins zupackendem Virtuosentum kaum vermissen (Sony).

Natürlich gibt es von fast allen großen Geigern des 20. Jahrhunderts interessante Einspielungen des Brahms-Konzertes. Die schönste, weil in sich perfekt geschlossene, entstand 1960, als der strenge Pultstar Otto Klemperer mit dem Französischen Rundfunkorchester auf den großen Violinvirtuosen David Oistrach traf. Umso schöner, dass bei dieser EMI-Aufnahme (derzeit nur im Rahmen einer großen Oistrach-Box greifbar) auch der legendäre Plattenproduzent Walter Legge mit von der Partie war, dessen Sound aus diesem Gipfeltreffen eine Sternstunde der Schallplattengeschichte machte.

Oistrach strich mit ruhigem Bogen, voller Souveränität, absoluter Kontrolle und meisterhafter Technik. Ohne Effekthascherei, mit der Aura eines Meisters. Mochte Supervirtuose Jascha Heifetz exzentrischer schillern und die Schwierigkeiten des Konzertes grell herausmeißeln (und sie selbstverständlich ohne hörbare Mühen darstellen), mochte eine Ginette Neveu noch inniger und hypnotischer Brahms spielen, Oistrakhs sicherer, überragender Ton und sein untrüglicher Sinn für die Architektur des Werkes sorgten für die künstlerisch überlegene Version. Sicher hatte Vadim Repin diese Aufnahmen im Ohr, als er sich auf die Suche nach "seinem" absoluten Brahms machte. Aber jede Zeit hat ihre Werte - und auch Repins Aufnahme hat das Zeug zum Klassiker.


CDs Johannes Brahms: "Violinkonzert d-moll" Vadim Repin (Violine), Gewandhausorchester Leipzig, Riccardo Chailly (Ltg.) (Sony/RCA 4285800); und Brahms: "Violinkonzert d-moll" Nikolaj Znaider /Violine), Wiener Philharmoniker, Valéry Gergiev (Ltg.) (Deutsche Grammophon CD 0028947774709).



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
plang 18.02.2009
1. Brahms Violinkonzert
Auch Karajan-Kremer gelang eine ausserordentliche Aufnahme (EMI), derzeit wohl nicht erhältlich (?).
slambo 18.02.2009
2. Violinkonzert Johannes Brahms
im iTunes Stores kann man diverse Versionen von David Oistrach kaufen: Z.B. Artemis Classics (2005) / EMI (1987)
waddockhunt 18.02.2009
3. Stern
Ich würde persönlich auch Isaac Stern ganz oben erwähnen, seine Aufnahme mit dem Philadelphia Orchestra unter Ormandy ist unglaublich warm und doch mit Leidenschaft. Auch das Brahms Doppelkonzert mit Leonard Rose.
architekt? 18.02.2009
4. ...
Die CDs kann man bei Amazon probehören. http://www.amazon.de/gp/product/B001JCZXSM?ie=UTF8&tag=978-0744010480-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=B001JCZXSM http://www.amazon.de/gp/product/B000RO8T7A?ie=UTF8&tag=978-3899552256-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=B000RO8T7A
f.smid 18.02.2009
5. kadenz
Dank fuhr Ihren Beitrag, leider schreiben Sie nicht welche Kadenzen [Joachim e.a.] gespielt werden, ist ja doch Interessant....
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