Top-Dirigent Vladimir Jurowski Es sprüht!

Noch ein Berliner Orchester darf sich freuen, es kommt einer der besten Dirigenten der Szene als neuer Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters in die Hauptstadt. Ein überzeugendes Argument für Vladimir Jurowski liegt auf CD vor.

Sheila Rock

Stopp, da war doch noch was! Ein weiterer Chef-Wechsel in der Hauptstadt steht bevor: Gerade hat das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) mit Vladimir Jurowski seinen neuen musikalischen Leiter und Nachfolger des erfolgreichen Marek Janowski bekanntgegeben. Aber irgendwie ging seinerzeit die künstlerische Visitenkarte des forschen Jurowski beim Rundfunkorchester unter.

Bereits im Februar erschien eine famose CD (Pentatone/Naxos) des russischen Maestro mit den Rundfunk-Berlinern, Ergebnis eines Konzertes aus dem vorigen Jahr. Es war die dritte Symphonie von Alfred Schnittke, kein Hit wie die Siebte von Beethoven oder Dvoraks "Aus der Neuen Welt" - aber doch ein rund 50-minütiges Wunderstück aus dem Jahre 1981, in dem der Komponist charmant mit bunten Zitaten, filigranem Orchestersound und einem Füllhorn voll schräger Ideen wirbelt.

Jetzt bitte, aus aktuellem Anlass, noch einmal Spot an für Schnittke, Jurowski und das RSB: Offenbar spürte man damals schon, dass diese Verbindung Bestand haben könnte.

Viele Rezepte von Bach bis Henze

Immerhin fordert die eigenwillige Symphonie die Interpreten enorm und stellt lustige Probleme: Wenn viele Köche den Brei verderben, wie steht es dann mit vielen Rezepten? Alfred Schnittke (1934-1998) jedenfalls bündelte für seine ambitionierte "Dritte" musikalische Ideen und Zitate von Bach und Mozart bis Strawinsky und Henze. "Polystilistik" nannte Schnittke diesen Ansatz, neue Musik aus Tradition und Geschichte zu destillieren.

Dabei muss das Orchester sofort ordentlich ran: Gleich am Anfang des viersätzigen Werkes lässt Schnittke es urstrommäßig quellen wie bei Richard Wagners "Rheingold". Allein dieses Aufblühen aus der Stille fasziniert bereits, und wenn sich das Orchester nach dreieinhalb Minuten auf einen kompakten Klang-Trip eingestimmt hat, dann jongliert der Komponist unakademisch weiter, voller Humor schichtet er Stile und Rhythmen. Ein lustvolles, aber nicht beliebiges Spiel beginnt, Bezüge leuchten auf und Pointen überraschen.

Das anschließende Allegro startet klassisch, barocke Blechbläser folgen, kreisende, wilde Streicher katapultieren das Stück ins 20. Jahrhundert: Ein wenig Schwindelgefühl gehört zu Schnittkes Dritter stets dazu. Vladimir Jurowski leitet sein topfittes RSB Berlin durch diesen Märchenwald der polystilistischen Wunder, und es macht Spaß, ihnen zu folgen. Durchsichtiger Klang und sicher federnder Rhythmus bieten allzeit festen Halt. Es sprüht!

Erholung gibt es erst wieder im abschließenden, fast 20-minütigen Adagio, dessen konsequent entwickelten Spannungsbogen noch einmal das innige Verständnis von Ensemble und Pultchef dokumentiert. In diesem Sinne darf es weitergehen!

Durchsichtiger Klang, federnder Rhythmus

Alfred Schnittke, in der Sowjetunion geborener Sohn eines Journalisten und einer Deutschlehrerin, studierte ab 1946 in Wien, experimentierte zunächst mit seriellen und aleatorischen Kompositionstechniken und machte zuerst bei den Donaueschinger Musiktagen 1966 von sich reden. Mehrere Schlaganfälle bis in die 90er Jahre behinderten seine Karriere immer wieder, beflügelten aber auch seine Produktivität. Schnittke hinterließ ein vielfältiges Werk aus Symphonien, Konzerten, Opern, Konzerten, Film- und Kammermusik. Stets suchte Schnittke neue Wege und Klänge, mischte traditionelle Stile und Avantgarde, liebte das Theatralische, den Jazz und das Kino.

Mit seiner Vielseitigkeit bietet Schnittke für den 1972 in Moskau geborenen Vladimir Jurowski ideales Terrain für sein experimentierfreudiges Temperament. Derzeit leitet Jurowski noch mit langjährigem Erfolg das London Philharmonic Orchestra, das er 2007 von Kurt Masur übernommen hatte. Nachdem er 1999 sein Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera gegeben hatte, prägte er von 2001 bis 2013 noch die Glyndebourne Festival Opera - auch fürs Musiktheater hat Jurowski ein Händchen. Davon konnte sich auch immer wieder das Publikum der Komischen Oper Berlin überzeugen, wo er zuletzt zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" dirigierte.

Berlin bestätigte sich als gute künstlerische Umgebung für Vladimir Jurowski, so dass einem für seinen RSB-Start 2017 nicht bange sein muss. Sehr sportlich ist allerdings sein Terminplan fürs nächste Jahr: Neben dem Debüt beim Osterfestival in Salzburg stehen Gastspiele in Wien, Amsterdam und London (Mahler, Wagner) an, dann Nordamerika. Aber am 29. November dirigiert Jurowski zunächst an der Staatsoper München die Premiere von Sergej Prokofjews wenig gespielter Oper "Der feurige Engel" (Regie: Barrie Kosky). Ein ehrgeiziges Paket: Berlin hat einen veritablen Weltenbürger engagiert. Glückwunsch!

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insgesamt 3 Beiträge
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westerwäller 15.11.2015
1. Alter Berliner Witz ...
Der Violinist kommt abends nach Hause. Seine Frau fragt ihn: "Du, ich habe gehört, der Karajan war Heute Dirigent. Was hat er denn dirigiert?" "Weiß nicht. Wir haben jedenfalls Lohengrin gespielt."
grueckel 15.11.2015
2. Rsb
Die richtige Bezeichnung des Orchesters ist Rundfunk Sinfonieorchester Berlin, die richtige Abkürzung RSB. RSO Berlin ist die ehemalige Bezeichnung des anderen Berliner Rundfunkorchesters, dem heutigen "Deutsche Sinfonieorchester Berlin" (DSO)
sysop 16.11.2015
3. #2
Lieber User, vielen Dank für Ihren sehr richtigen Hinweis, ich habe den Fehler korrigiert.
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