Klavierraritäten Der Pianist, der den Richter entzückte

Wladimir Sofronitsky? Heute eher ein Unbekannter. Als er in der Sowjetunion erfolgreich war, begeisterte er neben dem Klavierpublikum auch große Kollegen. Neu erschienene Liveaufnahmen zeigen, warum.

akg-images/ Sputnik

Als sich die zwei Klaviergranden einmal trafen, war die Ehrerbietung gegenseitig. Wladimir Sofronitsky (1901-1961) umarmte sein Idol Swjatoslaw Richter leutselig und verbal mit: "Sie sind ein Genie!" Woraufhin Richter wortgewaltig mit; "Wenn ich ein Genie bin, sind Sie ein Gott!", gekontert haben soll. Und das aus dem Mund eines Künstlers, der nicht gerade für seinen verschwenderischen Umgang mit Komplimenten bekannt war. Doch die kleine Begegnung zeigt, wie sehr die Musikwelt der Sowjetunion Wladimir Sofronitsky zu Lebzeiten verehrte. Individuell sein Spiel, makellos die Technik, vielseitig das Repertoire: Manches erinnerte an Tastentitanen und Zeitgenossen wie Richter oder Emil Gilels, und doch überzeugte Sofronitsky mit ganz eigenen Mitteln. Seine Interpretationen des Werks von Alexander Skrjabin (1872-1915) bot dabei nur eine Facette.

"Skrjabin ist kein Wein, den man dauernd genießt", bekannte Swjatoslaw Richter in den Tagebüchern. "Er ist vielmehr ein schwerer Likör, an dem man sich nur manchmal berauscht." Richter bemerkte dies mit dem melancholischen Unterton eines Bewunderers, denn eigentlich wollte er - nach eigenem Bekunden - gern ein gläubiger Skrjabin-Aficionado sein. Das hatte aber schon Sofronitsky übernommen, der nicht nur Schüler des exzentrischen Meisters wurde, sondern auch Skrjabins Schwiegersohn. Auf jeden Fall galt Sofronitsky über Jahre als der maßgebliche Skrjabin-Interpret in der Sowjetunion, an seinen Interpretationen orientierte sich die spätere Lesart des Komponisten, bis hin zu Sofronitskys Studienkollegen Horowitz, der dann seinerseits Skrjabin-Maßstäbe setzte.

Großes von Schumann

Auf der jüngst erschienenen CD-/DVD-Box "Concert Recordings" sind mehrere Werke des subtilen Komponisten enthalten, die Sofronitsky zwischen 1950 und 1960 im Kleinen Saal des Moskauer Konservatoriums spielte: Ein eher intimer Raum, denn Sofronitsky hatte die Konzerttätigkeit weitgehend aufgegeben, eine Herzkrankheit zwang ihn dazu. Bereits 1954 gab er sein letztes Konzert in großem Rahmen, 1959 ereilte ihn noch dazu eine Krebsdiagnose, aber kleinere Auftritte konnte er noch absolvieren. Sie sind auf diesen CDs dokumentiert. Und sie geben immer noch einen tiefen Eindruck vom überragenden Talent Sofronitskys.

Allein drei Großwerke von Robert Schumann sind in Mitschnitten von 1959 und 1960 vertreten: Die Symphonischen Etüden op. 13, der Carnaval op. 9 und die fis-moll-Sonate op. 11. Sofronitsky behandelt seinen Schumann mit großer Kraft und Feinzeichnung, gezügelter Emotion und mitreißender Dramaturgie - ein Romantiker, mit klarem Blick gestaltet. Natürlich tönt das alles nicht lupenrein und sauber nach heutigen klanglichen Maßstäben, manches erscheint topfig und eng, kratzt und scheppert; aber der lebendige Gesamteindruck überwiegt, der gestalterische Zugriff beglückt, und viele Details klingen eben historisch, aber sauber genug, um die Verehrung zu verstehen, die Sofronitsky von seinen Zeitgenossen erfuhr.

Von Stalin nach Potsdam geschickt

Sofronitsky bringt einen dunklen Mozart (c-moll-Fantasie), einen herben Chopin (zwei rauschende Scherzi), blitzende Einzelstücke von Debussy, Schostakowitsch und Liszt, also einen feinen Querschnitt durch seine stilistische Bandbreite. Und eben vieles von Skrjabin, den er kannte und verstand wie kaum ein zweiter Pianist seiner Generation. Und das nicht nur, weil er durch die familiäre Verbindung besonders "nah dran" war. Sofronitskys technische Souveränität, verbunden mit Sensibilität und intellektueller Schärfe - Richter ließ grüßen -, erwiesen sich als probates Rüstzeug für die Erforschung von Skrjabins Post-Wagner-Harmonien und dessen verfeinerte Tonsprache.

Wegen seiner unbeugsamen Haltung gegenüber Stalin durfte Wladimir Sofronitsky die Sowjetunion nach seiner Frankreich-Tournee 1929 nicht mehr verlassen und im Ausland konzertieren. Umso schöner, dass es Aufnahmen wie diese gibt, die seine Klasse dokumentieren. Lediglich 1945 spielte Sofronitsky für die Alliierten bei der Potsdamer Konferenz - auf ausdrücklichen Befehl von Stalin.

Als interessantes Extra gibt es zu den CDs noch einen Dokumentarfilm von Andrej Kontschalowski mit englisch untertitelten Interviews und Musikbeispielen.

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insgesamt 3 Beiträge
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itajuba 24.07.2016
1.
.. der den Richter (am Gericht) überzeugte oder Richter (Klavierspieler) überzeugte. Der Titel ist falsch interpretierbar.
ulrich-lr. 24.07.2016
2. Kurze Schulzeit
Schüler Skrjabins - das trifft es. Denn Sofronitsky war gerade mal 14, als Skrabin starb. Das relativiert auch bisschen die Rolle als "Schwiegersohn" eines Verstorbenen.
koyaanisqatsi 24.07.2016
3.
Eine absolut blöde und irreführende Artikelüberschrift. Witzchen mit doppeldeutigen Namen sollte man einfach bleiben lassen, sowas hat Pennäler-Niveau.
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