Anleitung zum Wacken Open Air Diese fünf Metal-Stile sollten Sie kennen

Die Republik blickt wieder amüsiert und leicht irritiert auf das Treiben in Wacken, die Musik an sich gerät da fast in den Hintergrund. Deshalb: Ein Blick auf die vielen Facetten des ganz harten Rock'n'Roll.

Carsten Rehder/ DPA

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Metal ist die "beweglichste aller musikalischen Formen", eine "seltsame, brutale Schönheit": So beschrieb 2010 der Musiker Steven Wilson, ehemaliger Kopf von Porcupine Tree, den Heavy Metal und das, was dieser Stil hervorbringen kann. Unbeteiligte verbinden das Wacken-Festival allerdings eher mit liebenswerten, langmähnigen Kuttenträgern, die an einem verlängerten Wochenende in einem schleswig-holsteinischen Dorf ihr Haar zu ohrenbetäubendem Gitarrengedröhne schütteln.

Wacken ist eine Riesenparty, und so soll es ja auch sein. Aber da ist noch mehr. Tatsächlich kann Heavy Metal differenzierter sein, als viele glauben. Darin verbirgt sich ein ganzes Universum unzähliger Stilrichtungen und Subsubstile, die mit Elementen aus Klassik, Folk, Jazz, Hip-Hop, ja sogar mit Oper und Musical hantieren.

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Wacken Open Air: Die vielen Gesichter des Metal

Die diesjährige Ausgabe des natürlich ausverkauften Wacken Open Air protzt mit einem Line-up aus rund 200 Metal-Bands, die den unterschiedlichsten Stilrichtungen und Subgenres angehören, von Glam bis Technical Death Metal. Wobei die Abgrenzung durch vielfältige Überschneidungen und Weiterentwicklungen auch Experten oftmals schwer fällt. Wir starten trotzdem einen Versuch - diese fünf Metal-Stilrichtungen sollten Sie kennen:

1. Heavy Metal - das Urviech

Heavy Metal dient heute als übergeordneter Dachbegriff, aber in den Siebzigerjahren etablierte sich der Stil als eigene musikalische Richtung. Die Musik wurzelt im Hardrock, wie ihn Deep Purple , etwas später auch Kiss oder AC/DC spielten, klingt jedoch lauter, härter, dynamischer, düsterer. Aus ihr entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte die unterschiedlichsten Stile.

Zu den bekanntesten Urvätern zählen Black Sabbath aus Großbritannien mit verzerrten, aber eingängigen Gitarrenriffs, getragenen Beats und okkult anmutenden Texten, etwa auf der gleichnamigen Platte "Black Sabbath" (1970). Pioniere sind aber auch Led Zeppelin. Etwas später folgten als Vertreter eines stärker ausdifferenzierten Stils Judas Priest (wegweisend mit "British Steel"), oder die 1975 gegründete Band Motörhead ("Ace of Spades"). Priest klang präzise und elegant, Motörhead mit Bandleader Lemmy Kilmister eher laut und schmutzig.

In den späten Siebzigern begann die sehr erfolgreiche New Wave of British Heavy Metal (NWoBHM): "Klassischer" Metal mit melodiösen, mitsingbaren Refrains, schnellen Gitarrenriffs und -soli und oft hohem Gesang, teilweise mit Einflüssen aus dem Punk Rock. Am berühmtesten wurden Iron Maiden ("The Number of The Beast"), dazu gehören aber auch die weniger bekannten Diamond Head. Diese Band ist 2019 in Wacken, wie auch einige andere Urzeittiere aus den Siebzigern, darunter Uriah Heep, Krokus und Ufo.

2. Power Metal - das rennende Einhorn

Ähnlich, aber noch schneller und gleichzeitig melodiöser, höher im Gesang und zum Teil mit keyboardlastigen symphonischen Elementen, entwickelte sich seit Ende der Achtziger der Power Metal. Thematisch zeigen sich häufig insbesondere auf den Albumcovern bunte, teils comicartige Fantasymotive. Bekannteste deutsche Vertreter sind wohl Helloween, die spätestens mit den beiden "Keeper of the Seven Keys"-Alben international erfolgreich waren, aber auch Blind Guardian. Aktuell populär ist die deutsche Band Powerwolf, die in Wacken auftritt. Weitere Wacken-Teilnehmer aus dieser Kategorie: Rage, Demons & Wizards oder Hammerfall. Ein Hauptact in Wacken sind in diesem Jahr die schwedischen Power-Metaller Sabaton, die sogar auf zwei Bühnen gleichzeitig spielen wollen.

3. Progressive Metal - Dressur mit Doktorhut

Die erwachsene Schwester des Power Metal ist der Progressive Metal. Er findet seine Vorläufer insbesondere im Prog-Rock der Siebziger, also bei King Crimson, Genesis oder auch bei Rush. Prog-Metal ist deutlich komplexer als andere Subgenres im Metal. Die Interpreten sind hochambitionierte Musiker, die mit den unterschiedlichsten Musikrichtungen spielen. Lange Instrumentalstrecken, komplexe Rhythmik und Melodieführung mit häufigen Brüchen und Tempowechseln machen diese auch mal sehr harte und schnelle Musik zu einem fordernden Erlebnis.

Recht bekannte frühe Vertreter dieser Richtung sind Fates Warning ("Awaken the Guardian") und Dream Theater ("Images and Words") sowie Symphony X (zum Beispiel "The Damnation Game"). Häufig bringen diese Bands Konzeptalben heraus, die eine zusammengehörige Geschichte erzählen. Als ein herausragendes Beispiel gilt das Album "Operation: Mindcrime" von Queensrÿche aus dem Jahr 1988. Die Band aus der Nähe von Seattle wird auch in Wacken spielen, ebenso wie die früheren Death Metaller Opeth aus Schweden. Aus Tunesien kommen Myrath in das Dorf nahe Itzehoe. In die Prog-Kategorie lassen sich auch Auftritte von TesseracT, Evergrey oder Meshuggah einordnen, wobei es vor allem bei letzteren wie so oft in dieser Sparte zahlreiche Überschneidungen mit anderen Stilrichtungen gibt.

4. Thrash Metal - der wilde Gaul mit Wut im Bauch

Im Gefolge der NWoBHM wurde in den Achtzigern der Thrash Metal geboren. Ihre Vertreter verstanden sich aber auch als Gegenbewegung zu den zu gleicher Zeit in Kalifornien aufkommenden durchgestylten, fast schon poppigen Glam-Metal-Bands (auch abwertend "Hair-Metal" genannt) wie Mötley Crüe. Thrash hatte einen ungemein großen Einfluss auf die Metal-Entwicklung. Stilprägend waren amerikanische Bands wie Slayer ("Show No Mercy") , Megadeth ("Peace Sells ... But Who's Buying?") und Metallica ("Kill 'Em All", 1983) mit technisch präzisem, extrem schnellen Gitarrenspiel und zweifüßig gespielten Bassdrums. Die aggressiv herausgebrüllten Texte drehen sich um Krieg, Machtmissbrauch und menschliche Gier. Mit den New Yorkern Anthrax ("Spreading the Disease") zählen sie zu den "Big Four" des Thrash. Auch in Deutschland entwickelte sich in den Achtzigern eine erfolgreiche Thrash-Bewegung: Hier sind insbesondere Destruction, Kreator, Sodom und Tankard zu nennen. Anthrax, Slayer oder die ebenfalls legendären Thrasher von Testament treten auch in Wacken auf.

5. Black Metal - Panda mit zwei Hörnern und einem Huf

Black Metal ist düsterer als alle zuvor genannten Richtungen. Die Songtexte sind mitunter nihilistisch oder antichristlich. Wenn man sie denn versteht. Denn zu Black Metal gehören häufig gutturaler oder kreischender "Gesang" und extrem verzerrte E-Gitarren auf bewusst recht einfachem Produktionsniveau. Viele Vertreter werfen sich in rüstungsartige Lederwamse und malen ihr Gesicht mit viel weißer und schwarzer Farbe an. Auch diese Richtung hat eine große Fangemeinde. Sogar der heutige "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt hat 2016 eine Ode an den Black Metal verfasst, weil dieser "in Zeiten von Terror, IS und der schockierenden Verrohung des Zwischenmenschlichen schockhaft modern und zeitgenössisch" wirke.

Als Pioniere des Genres gelten Venom aus Großbritannien. Venoms zweites Album "Black Metal" gab dieser Richtung ihren Namen. In den Neunzigern entwickelte sich vor allem in Nordeuropa eine rege, aber wegen eines Mordfalls und vereinzelter rechtsextremer Umtriebe auch umstrittene Black-Metal-Kultur. Aus der Kategorie Black Metal sind in Wacken etwa die Schweden Dark Funeral zu sehen, ebenso wie die Band Primordial. Cradle of Filth werden gelegentlich dazugezählt, wobei sich auch hier die Geister scheiden.

Metal, Metal, Metal

Es gibt noch etliche andere Metal-Genres und -Subgenres, deren Protagonisten sich 2019 in Wacken treffen. Unbedingt noch zu nennen sind die legendären Prong (Groove), Parkway Drive oder Bullet for My Valentine (Metalcore), Thy Art is Murder (Deathcore) sowie Within Temptation (Gothic) oder Windhand (Doom). Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, vor allem aus der jüngeren Zeit, Vollständigkeit kann dieser Überblick aber nicht beanspruchen. Sollte sich nun Appetit auf dieses "seltsame" Universum regen: Am Samstagabend laufen auf 3Sat die Konzerthighlights von Wacken.

Wer sich danach noch weiter einlesen möchte: Das Fachmagazin Metal Hammer hat einen großen Überblick zu den Genres zusammengestellt.



insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
headmiller 01.08.2019
1. Laut und schmutzig
Genau! Noch deutlicher: Ohne Sinn und Verstand. Spon: Vielen Dank für das Ablenkungsmanöver! Nein, nein: Jetzt denken wir nicht mehr an das Klima! Oder doch? Ach ja, Wacken: Regen, Schlamm und Schmutz! Na ja, wer es mag!
senfdazugeber2013 01.08.2019
2. Wer eine Anleitung braucht,
ist da fehl am Platz....
egonv 01.08.2019
3.
Sicher nicht vollständige, aber doch nachvollziehbare Einteilung. Ich hoffe, dass so den nicht Metal-Fans vermittelt wird, dass Metal nicht gleich Metal ist. Eine sehr facettenreiche Musikrichtung, der ich, der ich mich als Fan bezeichnen würde, teils sehr viel abgewinnen kann, aber eben bei weitem nicht alle Teilrichtungen angenehm finde. Was untergeht ist, dass viele Bands bei Wacken auftreten, die im engeren Sinne nicht zum Bereich Metal gehören, so z.B. Mittelalter oder Gothic. Wacken ist also noch vielseitiger.
madcostelloartist 01.08.2019
4. Es fehlt noch ...
… Sepultura mit ihrem bahnbrechenden epochalen Album "Roots" von 1996, was Thrash Metal mit den Instrumenten brasilianischer Ureinwohner paart. Und Fear Factory mit der Scheibe "Demanufacture"
cucaracho_enojado 01.08.2019
5. @1headmiller: Sorry, aber Du kannst ...
ja gerne weiter im Fernsehgarten immer hübsch auf die '1' klatschen ... :-D
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