Wagner-Festspiele Mit Takt und ohne Misstöne

Letztes Jahr war der Grüne Hügel noch ein Vulkan: Theaterrabauke Christoph Schlingensief brachte Festspielchef Wolfgang Wagner zum Kochen, am Ende explodierte ein als Rassist verunglimpfter Star-Tenor. Dieses Jahr hingegen soll alles glatt verlaufen - kippten die Bayreuth-Oberen deshalb die traditionelle Pressekonferenz?


"Köhler, Kanzler, Kandidatin - alle sind in Bayern!", frohlockte heute die "Bild"-Zeitung. Der Bundespräsident erholt sich von den historischen Aufgaben im Bayerischen Wald; Gerhard Schröder reist am Samstag zwecks Emutigung der Genossen nach Amberg; Angela Merkel legt einen Kurzurlaub auf dem Grünen Hügel ein.

Dass sich dort wieder urlauben und genießerisch in großer Kultur schwelgen lässt - ohne Skandale und Randale -, das ist Wolfgang Wagner zu verdanken. Der Festspielchef sagte dieses Jahr erstmals die obligate Pressekonferenz ab, die bislang immer einen Tag nach der Eröffnung stattfand.

Deshalb wird es dieses Jahr, nach der Premiere von Christoph Marthalers Neuinszenierung von "Tristan und Isolde", keine Entgleisungen geben, keinen Zank und Zoff à la Schlingensief, der letztes Jahr dem Star-Tenor Endrik Wottrich Rassismus vorwarf, weil dieser mit Schlingensiefs Einsatz von afrikanischer Folklore nicht zurechtkam - künstlerisch, versteht sich.

Offiziell heißt es Bayreuth, man wollte keine Pressekonferenz mehr aufgrund der von Jahr zu Jahr abnehmenden Qualität der Journalistenfragen. Die seien in der Vergangenheit "sehr oberflächlich" gewesen, wie sich der 86-jährige Richard-Wagner-Enkel bei der in Bayreuth erscheinenden Zeitung "Nordbayerischen Kurier" beschwerte. Außerdem seien bei den Konferenzen eine "große Zahl von Mitwirkenden" anwesend gewesen, die Reporter hätten allerdings die Künstler und Techniker ignoriert.

Ist es tatsächlich Parteinahme für die Stillen und Fleißigen, die im Hintergrund den Stars die Bühne bereiten? Oder doch Präventivmaßnahme gegen PR-trächtige Affronts, mit denen sich Regisseure gern ins Gerede und die Wagner-Familie in die Bredouille bringen? Angela Merkel jedenfalls ist bereits voller Vorfreude: "Wenn man sich einmal diesem Rhythmus ergeben hat, erschließt sich die Musik auf eine ganze andere Art und Weise", vertraute sie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" an. Taktvoller kann man einem Kunstspektakel nicht entgegenfiebern.



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