Warp-Compilation Elektronische Meilensteine

Zum zehnten Geburtstag des Warp-Labels warten seine Macher Rob Mitchell und Steve Beckett mit einem besonderen Geschenk auf: Ihre dreiteilige Compilation ist eine Schatzsammlung der elektronischen Musik.

Von Cristina Moles Kaupp


Warp Records: Compilation

Warp Records: Compilation

Kühne Ideen ersticken nicht in Beton. Sie schweben, Luftschlössern gleich, immer über den Dingen. Elektronische Musik ist prädestiniert für eine bizarre, schwerelose Klangarchitektur. Nach ihren Blaupausen erschließen sich unaufhörlich neue Räume und Szenarien. Ob bizarre Kathedralen oder niedliche Puppenstuben - der Imagination sind keine Grenzen gesetzt, schon gar keine ideologischen.

Wie auch, auf dem Planet Electronica gelten weder Naturgesetze noch die Hierarchie des Kapitals. Stattdessen flottieren Zeichen mit Ideen um die Wette. Ein Motor für diese Entwicklung war das Sheffielder Label Warp, das vor zehn Jahren das Spiel mit den "bleeps" begann - die damaligen I-Tüpfelchen der elektronischen Musik.

Fasziniert von House- und Techno-Experimenten, brachten die Forgemasters 1991 die Debütsingle "Track With No Name" heraus. Unglaubliche 11.000-mal hat sie sich damals verkauft und unzählige Künstler inspiriert, ihr Material den Warp-Initiatoren Rob Mitchell und Steve Beckett vorzustellen.

Neulinge waren darunter - wie Nightmares on Wax, Tricky Disco und LFO, die mit "Frequencies" spektakulär nach den tiefsten Bässen schürften und sich damit in die Höhen der Dance-Charts beamten - aber auch bekannte Größen wie Richard Kirk von der Achtziger-Jahre-Band "Cabaret Voltaire.

Aller Techno-Mania zum Trotz wich Warp von der Tanzfläche und wandte sich den Chill-out-Zonen zu. Das Label förderte die anspruchsvolle Ambient-Musik und vereinigte sie unter dem Gütesiegel "Artificial Intelligence". Dafür sorgten Künstler wie Polygon Window, Aphex Twin, Autechre, The Black Dog und vor allem Plaid, deren Album "Not for Threes" (1998) nach wie vor zu beeindruckenden Grenzüberschreitungen einlädt und unterschiedlichste Stile zu einem Klangkaleidoskop vereinigt.

Trotzdem zeigt man sich bei Warp auch der leichten Kost verpflichtet – so zählt auch der schrullige Alleinunterhalter Jimi Tenor zur Familie. Die Arbeit in den Dienst der Innovation zu stellen, ist keine leichte Aufgabe. Doch selbst nach zehn Jahren kann Warp zukunftsweisende Impulse setzten: beispielsweise mit den Sounds von Squarepusher, denen eine eigenwillige Symbiose aus Free Jazz, Neuer Musik und Electronic gelingt.

Grund genug für Warp, das Zehnjährige mit einer außergewöhnlichen Compilation zu feiern: "Classics 89-92" kramt nach den ersten Sternstunden, "Influences" beleuchtet die Nähe zu Detroit Techno, den House-Sound aus Chicago, den Einfluß von HipHop und Drum & Bass. Für den dritten Teil - "Remixes" – bedienten sich Musiker wie Surgeon, Stereolab, Luke Vibert, Oval oder Mogwai aus dem reichhaltigen Backkatalog und gaben den Stücken einen neuen Schliff.

Jeder Part der Compilation beinhaltet je eine Doppel-CD (oder ein Viererpack Vinyl) und erzählt eine eigene Geschichte. Ob längst verklungene Clubmusik oder zeitlos schöne Klassiker - die Morgendämmerung wartet bereits in der Spurrille neuer Remixe.

"Classics 89-92", "Influences" und "Remixes" (Warp Records/Zomba Music)



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