Größte Disney-Hitsingle seit den Neunzigern »We Don’t Talk About Bruno« – aber alle singen mit

Das schaffte selbst »Frozen« nicht – ein Lied vom »Encanto«-Soundtrack ist die erste Nummer-eins-Single aus einem Disneyfilm seit mehr als 20 Jahren. Wie konnte der Song so erfolgreich werden?
»Encanto«-Szene mit der mysteriösen Figur Bruno: Und sie reden eben doch

»Encanto«-Szene mit der mysteriösen Figur Bruno: Und sie reden eben doch

Foto: Disney

Wenn in der Entertainmentbranche von einem »Sleeper« die Rede ist, dann hat nicht etwa ein Star seinen PR-Termin verschlafen. Ein Sleeper-Hit ist ein Erfolg, der nicht mit einem (geplanten) Schlag die Massen erreicht, sondern einer, der sich nach und nach herumspricht und erst lange nach Veröffentlichung seinen Höhepunkt erreicht.

Selbst ein Unterhaltungsriese wie der Disney-Konzern, der seine Veröffentlichungskalender akribisch plant, wird dann und wann von Sleeper-Hits überrascht – wie in dieser Woche geschehen.

Zum ersten Mal seit den Neunzigerjahren ist wieder ein Song aus einem Disney-Animationsfilm auf Platz eins der Billboard Hot 100 geklettert, der US-Singlecharts (nein, auch »Let it Go« aus »Frozen« gelang das nicht, dazu später mehr.) Dabei ist der Soundtrack zum Film »Encanto«, aus dem der Titel »We Don’t Talk About Bruno« stammt, schon am Thanksgiving-Wochenende erschienen, am 19. November. Auch in Großbritannien ist »We Don’t Talk About Bruno« erst seit Ende Januar auf Platz eins.

Der langsame Aufstieg hat zum einen damit zu tun, dass »Encanto« zwar im Kino ein Erfolg war – über 90 Millionen Dollar spielte der Animationsfilm in den USA und Kanada ein und war damit einer der 15 umsatzstärksten Filme des Jahres 2021. Aber schon zu Weihnachten wurde die Familiengeschichte auch beim Streamingdienst Disney+ veröffentlicht  – und erst danach tauchten die »Encanto«-Songs verstärkt in TikTok-Videos auf.

Der Song, der in der deutschen Fassung »Nur kein Wort über Bruno« heißt, thematisiert das häufige Totschweigen von psychisch auffälligen Familienmitgliedern. Er stammt von Lin-Manuel Miranda, es ist nicht das erste Mal, dass der Komponist für Disney gearbeitet hat – er schrieb auch für »Moana« von 2016 Lieder. Aber vor allem ist Lin-Manuel Miranda in den USA zum Star geworden, weil das wirkmächtigste Broadwaymusical der jüngeren Zeit von ihm stammt: »Hamilton«.

In dem Stück über einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten spielen Nicht-Weiße die Hauptrollen, die Musik ist von Hip-Hop und R&B beeinflusst, ein Update der klassischen Broadway-Tradition. Eine deutsche »Hamilton«-Fassung soll nach coronabedingter Verschiebung im März in Hamburg Premiere feiern.

Die Markenzeichen des aus einer puerto-ricanischen Familie stammenden Lin-Manuel Miranda sind auch in »We Don’t Talk About Bruno« zu hören: Es ist ein Broadway-typischer Ensemble-Song, in dem Mitglieder der weitläufigen Familie Madrigal, um die sich »Encanto« dreht, zu Wort kommen – in zu ihren jeweiligen Charakteren passenden Gesangsstilen: aufgekratzt wie die launische Tante, mit Flüster-Rap wie die zurückhaltende Cousine, süßlich balladesk wie die ach so perfekte große Schwester.

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Dass Broadway-Songs vorn in den Hitparaden landen, ist allerdings schon lange eine absolute Seltenheit. Aber Miranda ist als Songwriter geschickt genug, zeitgemäße Elemente in Komposition und Produktion einzubauen: Grundsätzlich wird »We Don’t Talk About Bruno« von einem Salsa-Piano getragen, was angesichts des Latin-Pop-Booms der letzten Jahre attraktiv ist. Dazu kommt ein Bass-Sound, der zu modernem R&B passt, und die Handclaps im Beat meinte ein Musikologe im Podcast des »New York«-Magazins  von Camila Cabellos Hit »Havanna« zu kennen.

Vor allem aber hat der Song natürlich eine starke Hookline. Sie besteht in dem kinderzimmermitsingtauglichen »Bruno-No-No-No« im Refrain – sehr bewusst eingesetzt von Miranda. Ursprünglich hatte die Figur Oscar heißen sollen, aber Miranda setzte sich dafür ein, sie Bruno zu nennen.

Typische Hits aus Disney-Animationsfilmen sind ja zumeist große Balladen – so war es beim letzten großen Sleeper-Hit, »Let It Go« aus »Frozen« (»Die Eiskönigin – Völlig unverfroren«), der zwar nur auf Platz fünf der US-Charts kam, aber über die Zeit achtmal mit Platin ausgezeichnet wurde. Auch »A Whole New World« aus »Aladdin«, das es 1993 auf Platz eins der Billboard Hot 100 brachte, war die handelsübliche Großballade im Mann-und-Frau-Duett.

Disney selbst hatte offensichtlich den durchschlagenden Erfolg von »We Don’t Talk About Bruno« so nicht erwartet: Als im November die Deadline anstand, einen Titel für die Kategorie »Bester Original-Song« bei den Oscars einzureichen, entschied man sich für die Folkballade »Dos Oruguitas« und nicht für »Bruno«. Für Lin-Manuel Miranda hängt von der Oscar-Entscheidung ab, ob er in den exklusiven »EGOT«-Klub Einzug erhält: Emmy, Grammy und Tony Awards hat er schon gewonnen, nur der Oscar fehlt ihm noch.

Songwriter Miranda: »Mein ›Send in the Clowns‹?«

Songwriter Miranda: »Mein ›Send in the Clowns‹?«

Foto: Rich Polk / Getty Images

Den Aufstieg von »We Don’t Talk About Bruno« zum Sleeper-Hit verfolgte Miranda aus einem längeren Urlaub. Inzwischen zurückgekehrt, habe er zu einem Freund gesagt: »Ich glaube, das ist mein ›Send in the Clowns‹« – eine Anspielung auf den größten Hit der 2021 verstorbenen Broadway-Legende Stephen Sondheim. »Wer hätte erraten, dass von den Millionen Songs, die er geschrieben hat, ausgerechnet das seine einzige Nummer eins würde. Zufall – einerseits«

Anderseits habe »Bruno« vielleicht nach zwei Jahren Pandemie gerade einen Nerv getroffen, so Miranda: »So viele Stimmen an einem Ort, da schwingt natürlich viel mit, im Nachhinein betrachtet.« So gesehen passt »We Don’t Talk About Bruno« also wie jeder große Hit zu der Zeit, in der er erfolgreich ist.

Mit Material von AP

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