Weihnachtsklassik-Tipps Musik, die funkelt und wärmt

Wie wird es wirklich festlich unterm Baum? Der Klassikmarkt präsentiert Neuerscheinungen zu Weihnachten, das bekannteste Oratorium der Welt ist auch dabei. Wir sagen, was sich lohnt – und was nicht.
Kirchenfenster in Brüssel: Das Christkind begrüßen, was Pauken und Trompeten hergeben

Kirchenfenster in Brüssel: Das Christkind begrüßen, was Pauken und Trompeten hergeben

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Jorisvo / iStockphoto / Getty Images

1. »Weihnachtliche Vokalmusik in bedrängter Zeit«

Während der Renaissance verstand sich der Mensch als beinahe ebenbürtiges Geschöpf Gottes. Ein Selbstverständnis, an dem die Reformation heftig rüttelte. Im Zuge religiöser Konflikte nahmen – noch vor dem Dreißigjährigen Krieg – Ängste und Sorgen in der Bevölkerung erheblich zu. Zum Ausdruck kommt diese Haltung im deutschsprachigen Raum in der geistlichen Musik des 17. Jahrhunderts. »Ein Wütrich nach dem andern fellt, bald wird vergehn die ganze Welt«, heißt es etwa in einer Motette von Johannes Eccard nach einem Text eines lutherischen Kirchenlieddichters. Der Glaube gab Halt im Leben – der Tod versprach Erlösung, »ist sterben doch nur mein Gewinn«.

Diesem Spannungsfeld zwischen Endzeitstimmung und Hoffnung hat das Ensemble »Schola Heidelberg« unter Leitung von Walter Nußbaum eine CD gewidmet. Interpretatorisch ist sie gelungen. Ihr Manko ist, dass zwischen den Werken gesprochene Texte eingewoben sind, die laut Eigenwerbung »einen großen Bogen von den Krisenzeiten des 17. Jahrhunderts bis zu Corona spannen«. Die Erläuterungen mögen interessant sein, zerstören aber die Innigkeit der Werke. Man denkt: Nicht mal beim Hören andächtiger Musik hat man Ruhe vor dem Virus. Wozu gibt es Booklets?

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Schola Heidelberg, Walter Nußbaum

Die Zeit nunmehr vorhanden ist - Weihnachtliche Vokalmusik in bedrängter Zeit

Label: Christopho (Note 1 Musikvertrieb)
ca. 15,79 €
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2. »Vom Himmel hoch, da komm ich her – Weihnachtskonzerte aus Leipzig«
»Machet die Tore weit auf – Weihnachtsmusik an der Thomaskirche«

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges kehrte die Zuversicht zurück. Die Frömmigkeit blieb, bekam aber eine kraftstrotzende und sogar fröhliche Note – oder gleich mehrere. In Erwartung des Jenseits feierte der Mensch das Diesseits. Wunderbar bewahrt sind diese Gefühle zwischen Erde und Himmel in barocker Kirchenmusik – ganz besonders die zur Geburt von Jesu Christi. Man denke nur an das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach; der Komponist war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Kantor an der Leipziger Thomaskirche.

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Kammerchor der Christuskirche Karlsruhe

Vom Himmel Hoch,Da Komm Ich Her - Weihnachtskonzerte aus Leipzig

Label: Christopho (Note 1 Musikvertrieb)
ca. 13,90 €
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Schon seine Amtsvorgänger Johann Schelle, Sebastian Knüpfer und Johann Kuhnau legten Kompositionen für Chor mit – gemessen an damaligen Verhältnissen – üppiger Bläser- und Streicherbesetzung vor. Das Johann-Rosenmüller-Ensemble unter Arno Paduch sowie »L'arpa festante« unter Peter Gortner spielten Werke jener recht unbekannten Komponisten auf zwei CDs ein. Man erfährt, dass Bach nichts Neues erfand, sondern eine Tradition zur Vollendung brachte. Da wird das Christkind begrüßt, was Pauken und Trompeten hergeben. Chöre und Solisten musizieren auf hohem Niveau, wobei Monika Mauch, seit zig Jahren eine der besten Sopranistinnen der europäischen Alte-Musik-Szene, herausgehoben werden muss. Halleluja!  

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Kammerchor der Erlöserkirche Bad Homburg, Johann Rosenmüller Ensemble

Machet die Tore Weit - Weihnachtsmusik an der Thomaskirche

Label: Christopho (Note 1 Musikvertrieb)
ca. 18,96 €
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3. Johann Sebastian Bach – »Weihnachtsoratorium«

Bei dieser CD kommen zwei Superlative zusammen. Bachs 1734 uraufgeführtes Weihnachtsoratorium darf als Vollendung in Ton gesetzter Freude über die Geburt Christi gelten. Nun hat Jordi Savall – die lebende Ikone der Alte-Musik-Bewegung – die sechs Kantaten einige Monate vor seinem 80. Geburtstag erstmals auf Platte herausgebracht. Der begnadete Gambist ist stets Garant für erlesene Interpretation und Werktreue – so auch bei dieser CD. Der barocke Überschwang kommt wunderbar rüber, ohne jemals bombastisch zu sein. Wie sehr Savall versucht, dem historischen Original möglichst nahezukommen, zeigt sich in seiner Entscheidung, nur die Sopran-Partie mit einer Sängerin zu besetzen. Für die Alt-Rolle heuerte er mit dem Italiener Raffaele Pe einen erstklassigen Countertenor an – wahrscheinlich um die Stimme ätherischer und nicht zu opernhaft erscheinen zu lassen. Das allerdings funktioniert nur mäßig. Auch deshalb kann die Einspielung nicht völlig überzeugen. Störend ist manchmal der Hall. Anders gesagt: Wer die Platte kauft, wird seine Freude daran haben – wer schon diverse Einspielungen des Oratoriums hat, kann sich das Geld sparen.

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Jordi Savall, La Capella Reial de Catalunya

Johann Sebastian Bach - "Weihnachtsoratorium"

Label: Alia Vox (Harmonia Mundi)
ca. 19,49 €
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4. »Vánoce – Christmas in Czech Piano Music«

Die belarussische Pianistin Ksenia Kouzmenko hat ein Faible für tschechische Komponisten. Als sie im Archiv der Nationalbibliothek von Prag nach bisher nicht gehobenen Notenschätzen stöberte, stieß sie, wie sie im Booklet berichtet, auf ein Werk von Jaroslav Kvapil unter dem Titel »Vánoce« – zu Deutsch: Weihnachten. »Gepackt von der emotionalen Kraft« der Komposition, »entdeckte ich in den folgenden Monaten immer mehr tschechische Klaviermusik rund um das Thema Weihnachten«. Kouzmenko bannte die Stücke für Klavier solo – darunter Kvapils »Vánoce« und eine weitere Weltersteinspielung – auf eine CD. Sie tat gut daran, die Stücke aus Spätromantik, Expressionismus und Moderne dem Rest der Welt zugänglich zu machen. Wenn eine Platte in Weihnachtsstimmung versetzt, dann diese. Die Musik funkelt und wärmt, lädt zum Träumen zwischen Schneesturm und Kaminfeuer ein. Neben den bekannten Komponisten Josef Suk, Bohuslav Martinů und Leoš Janáček sind neben Kvapil seine ebenfalls fast oder völlig vergessenen Kollegen Jaroslav Křička und Vítězslav Novák zu erleben. Toll, dass es noch Labels gibt, die CDs auf den Markt bringen, die marginale Umsätze erzielen.

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Ksenia Kouzmenko

Vánoce – Christmas in Czech Piano Music

Label: Cobra (Klassik Center Kassel)
ca. 15,17 €
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5. »Benjamin Britten: A Ceremony of Carols«

Den Humor ließ sich Benjamin Britten auch in Kriegszeiten nicht nehmen. Sein für Weihnachten gedachtes »A Ceremony of Carols« komponierte er 1942 auf der Seereise zwischen Amerika und England, als der Atlantik voller deutscher U-Boote war. Nach der Heimkehr teilte er einer Freundin mit: »Man musste die Langeweile mildern.« Britten übertrug traditionelle Weihnachtslieder ins 20. Jahrhundert. Heute gehört das Werk zu Recht zu den beliebtesten Chorwerken der Klassik. Auf der CD ist es – zusammen mit weiteren Kompositionen Brittens und britischer Zeitgenossen – in der Version für gemischte Stimmen und Harfe zu vernehmen. Der Choir of Claire College (Cambridge) unter dem Dirigat von Graham Ross beeindruckt mit Eleganz und feinen Nuancen. Eine Aufnahme auf allerhöchstem Niveau. Absolut empfehlenswert.

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Graham Ross, Cambridge Choir of Clare College

A Ceremony of Carols

Label: Harmonia Mundi
ca. 9,94 €
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6. »Ecce Advenit – Oratorium zum Advent für 7 Chöre & Orchester«

Zeitgenössisch bedeutet nicht automatisch schrill und atonal. Das zeigt der 1939 geborene Komponist Winfried Offele in seinem zweistündigen Oratorium zur Weihnachtszeit. Es beruht auf mehr oder weniger bekannten Adventsliedern. Fast 250 Musiker haben die Doppel-CD eingespielt. Mit der Einbeziehung des Publikums soll eine Einheit von Konzert und Liturgie entstehen. Gerade zum Fest ein feiner Gedanke, der jedoch die Gefahr hörbarer Amateurhaftigkeit birgt. Die Komposition erscheint als Mix von Stilen aus mehreren Jahrhunderten. Mal ist man beeindruckt von der Energie und Kraft der Töne, dann wieder verwundert über den Mangel an Originalität. Es zeigt sich: Nur eine gigantische Besetzung macht noch kein epochales Werk.

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Winfried Offele

Ecce Advenit - Oratorium zum Advent für 7 Chöre & Orchester

Label: Christopho (Note 1 Musikvertrieb)
ca. 16,78 €
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