Westernhagens neues Album Kacheln und Kuscheln

Sag niemals nie: Eigentlich wollte Marius Müller-Westernhagen nie wieder Konzerte geben. Doch nun veröffentlicht der 56-Jährige ein neues Album und geht auf große Herbsttournee. Eingeläutet wurde das Comeback des 56-Jährigen mit einer stilvoll inszenierten CD-Präsentation in Essen.


Sänger Westernhagen (in Essen): Wie sein eigener Geist
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Sänger Westernhagen (in Essen): Wie sein eigener Geist

Die alten Zechen in Essen aus der großen Bergbauzeit stehen noch, aber sie stehen still. Immerhin wurde die "Zeche Zollverein" zum Weltkulturerbe erklärt, schön restauriert und museal hergerichet. Heute werden hier Designpreise verliehen und man speist gut in der Restauration. Was für ein hübscher Ort, um Marius Müller-Westernhagens neues Album "Nahaufnahme" zu präsentieren: Verklärte Kumpel-Atmosphäre und neue Sachlichkeit, Kacheln und Kuscheln. Bap-Frontmann Wolfgang Niedecken lud hier auch schon zur Fete.

Selbst die Vertreter von Westernhagens Plattenfirma Warner Music waren leicht verblüfft ob der "Location", denn Essen hat der Metropolen-gepolte Medienmensch für solcherlei Premieren nicht sofort auf dem Schirm. Die ungewöhnliche Wahl ist der Verdienst des neuen Managers Roland "Balou" Temme und des Westernhagen-Verlegers Gerhard Steidl, die beide Sinn für solche Akzente haben. Mit seinem Buch "Versuch dich zu erinnern" (2004) wurde der Rocker und Bundesverdienstkreuz-Träger auch zum Literaten, und das macht ihn stolz.

Zur Musik allerdings musste man sich auf den "Catwalk" begeben, wie die im Notenheft-Design gehaltene Einladung avisierte. Es wurde eine Art Pilger-Prozession über Gänge und Treppen, Drängeln und Schubsen inklusive. Derart zwangsdiszipliniert zwängten sich die rund 300 Gäste in eine Hörsaal-ähnliche Räumlichkeit mit leerem Bühnenraum. Wer eventuell ein Überraschungskonzert erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der erste Star des Abends - auf schwarzem, samtigem Boden, umrahmt von Scheinwerfern - war ein CD-Player. Sicher ein teures Modell, denn Westernhagens Ehefrau Romney enthüllte die Gerätschaft höchstselbst und setzte sie einem dramatischen Spotlight aus.

Westernhagen-CD "Nahaufnahme": Man muss das schon mutig finden

Westernhagen-CD "Nahaufnahme": Man muss das schon mutig finden

Noch theatralischer ging's weiter, denn der Künstler - mit einem etwas größerem Spot ausgeleuchtet - marschierte bleich und zögernd wie sein eigener Geist um den Player herum und tat dann etwas Entscheidendes: Er startete ihn mit der Fernbedienung. Dann ging er wieder ab ins Dunkel. Kein Beifall, der hätte diesen Moment purer Heiligkeit zerstört.

Heilig ging es weiter, denn Westernhagen hat auf seiner neuen Platte viel zu sagen. Intimes natürlich. Wie jedes neue Album jedes beliebigen Künstlers ist es selbstverständlich das "persönlichste" bisher. Die Texte von "Nahaufnahme" kreisen ums Lieben und Verlieren, um Gefühle und Härten, um Religion und die Liebe - um alles, was einen eben so umtreibt, wenn's einem ganz gut geht. Er habe nun wieder seinen Frieden mit der Welt gemacht, erklärte Westernhagen hinterher. "Ich bin eins mit mir", heißt eine Zeile. "Mit dem Rücken zur Wand", so ein Songtitel, steht man nur, wenn man seinen Schöpfer trifft, den er hier schlicht als "Licht" visioniert.

Nur ein einziges Mal rüpelt der Rocker wieder nach vorn an die Rampe, im Stück "Daneben", das dann auch seltsam schief liegt und noch nicht einmal den Brutalo-Ton vom letzten Album "Wahnsinn" trifft. "Eye, eye, eye daneben/ Knapp, aber doch nicht ins Ziel", singt der 56-Jährige. Genau, da hilft auch die Gitarre von Marius' altem Weggefährten Jay Stepley nicht mehr: Der harte Junge von einst liegt unwiderruflich ad acta. Schnell geht's zurück zum beleidigten Prediger-Ton: "Ignoranz" ruft Osama Bin Laden und die Achse des Bösen auf den Plan; das beste am Text bleibt jedoch der Titel - das Politlied ist das mit Abstand schlechteste Stück der Platte.

Musikalisch versprüht die "Nahaufnahme" schon eher einen gewissen Charme, immerhin hat Westernhagen gefälligen Bar-Jazz sowie Country & Western plus Louisiana-Cajun für sich entdeckt. Vielleicht hat er sich auch ein paar CDs von Jimmy Dale Gilmore besorgt, denn sein "Willst du tanzen" erinnert schon sehr an den formidablen Country-Crooner. Zuvor verwies "Du entkommst mir nicht" gar auf Westcoast und Crosby, Stills & Nash, während "Schweige still" mit der guten alten Hammond-Orgel im Stile Walter Wanderleys kokettiert.

Westernhagen in Essen (mit Moderator Alan Bangs): "Solange wir noch leben, so lange macht es Sinn"
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Westernhagen in Essen (mit Moderator Alan Bangs): "Solange wir noch leben, so lange macht es Sinn"

Die in London entstandenen Aufnahmen klingen entspannt, klar, natürlich und abgesehen vom fast immer aufdringlichen Klavier wunderbar leicht und schwebend. Westernhagen erzählte, dass so oft wie möglich "live" und am Stück aufgenommen wurde, was man den Songs tatsächlich anhört. Man muss das schon mutig finden.

Die neuen "Nahaufnahmen" fotografischer Natur besorgte Modemacher Karl Lagerfeld, offenbar durch die gemeinsame Arbeit mit Steidl für Chanel ins Boot gekommen. Auf dem Weg von Hennes & Mauritz zu Müller-Westernhagen hat Karl der Große dem Künstler gottlob keinen Anzug von der schwedischen Stange mitgebracht. Westernhagens Outfit an diesem Abend sah eher nach Lagerfelds eigenen Präferenzen aus: körpernah geschnitten, doppelreihig, dezent gestreift, dunkel, aber nicht schwarz. Auch seine obligatorische Sonnenbrille scheint er Lagerfeld abgeschwatzt zu haben: Die schwarz getönten Verlaufgläser trug Westernhagen auch schon bei der Goldenen Kamera.

Und die Fotos? Bester Lagerfeld-Studio-Stil, leicht verwischt, ein Hauch von Nostalgie. Nur der nachbearbeitete stechende Blick des Sängers wirkt eher wie bei einem B-Film-Luzifer. Dabei ist er doch so gutwillig, der neue Westernhagen. Er freue sich auf seine Tournee, sagt er, und den letzten Tritt habe ihm ein Sting-Konzert in London verpasst. "Der macht es auch noch, und du faule Sau kneifst!", habe er sich selbst gesagt. "So lange wir noch leben, so lange macht es Sinn", singt Westernhagen im letzten Song seines Albums. So simpel ist das manchmal.


Westernhagen: "Nahaufnahme" (WEA) wird am 21. Februar veröffentlicht



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