Album der Woche mit Wet Leg Laserpistole statt Lasagne

Zwei junge Gitarristinnen von der Isle of Wight bringen mit ihrem süßsauren Debüt Partystimmung in die neue britische Postpunk-Szene: »Wet Leg« ist unser Album der Woche. Und: Neues von Jack White und Kae Tempest.
Postpunk-Duo Wet Leg

Postpunk-Duo Wet Leg

Foto: Hollie Fernando

Album der Woche:

Wet Leg – »Wet Leg«

Was wäre, wenn Angelica zur nächsten Party keine Lasagne mitbringt, sondern ihre Laserpistole – und alle niedermetzelt? Auch den Typ, der schon wieder endlos davon faselt, dass er eine Band gegründet hat und bald nach El-Ay ziehen will. Booooring. Wäre Ray Gun statt Kasserolle im Anschlag nicht viel mehr fun? Oder am Ende auch genauso langweilig wie alles andere? Ach komm, schnell wieder auf die Chaiselongue lümmeln und rummachen. »Good times all the time«? Was für ein Horror.

Die Szene stammt aus dem Song »Angelica«, wer immer das ist, vom Debüt des britischen Duos Wet Leg. Es ist eines der besten Rockalben des Jahres. Weil es Spaß macht. Weil es so viele hinreißend mies gelaunte, unverschämt fluchende Verszeilen und One-Liner enthält, dass sich die als raunchy geltenden US-Popprinzessinnen Olivia Rodrigo und Gayle gern erst mal wieder auf den Juniorschulhof ihrer Highschool trollen dürfen.

Kaum dachten die Jungsbands der neuen britischen Post-Postpunkszene um Black Midi, Squid, Black Country, New Road oder Idles, sie hätten den Kuchen schön mathematisch präzise unter sich aufgeteilt, kamen im vergangenen Sommer die Sängerinnen und Gitarristinnen Rhian Teasdale and Hester Chambers von der Isle of Wight und bescherten dem Genre einen echten Hit, in dem es nicht darum ging, die Ödnis der Gegenwart musikalisch möglichst komplex und düster darzustellen. Nö, es ging in »Chaise Longue« schlicht, aber umwerfend um Sex: »Mummy, Daddy, look at me/ I went to school and I got a degree/ All my friends call it the big D/ I went to school and I got the big D.«

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Wer das große D hier nicht mit der eher miserablen Schulnote übersetzt, sondern mit »Dick«, liegt richtig, und auch die dann harmlos hingeträllerte Metapher mit dem gebutterten Muffin hat wohl eher nichts mit Gebäck zu tun. Der Typ aus der ersten Reihe beim Konzert soll sich dann bitte sogleich backstage in die Horizontale begeben, denn dort stehe das besagte Liegesitzmöbel. Und dann wird das einfach endlos wiederholt, zum gagaesk befreienden Mitgrölen: »On the chaise longue on the chaise longue on the chaise longue all day long on the chaise longue«. Pop-Sensation? Gelungen. Wet Leg sind so etwas wie das Partypendant zu Dry Cleaning, der anderen weiblich geführten Band dieser neuen britischen Wave. Ihr Blick auf die moderne Welt ist genauso nüchtern und lakonisch, doch statt ihre Musik intellektuell zu codieren und abstraktiös zu unterkühlen, setzen Teasdale und Chambers auf abgefuckte Hotness.

Zum Glück hält das von Dan Carey (u.a. Kae Tempest, Squid, Black Midi) produzierte Album dem ganzen Hype um »Chaise Longue«, die nachfolgende Cockblocking-Single »Wet Dream« und die ebenso süßsaure Doomscrolling-Dystopie »Oh No« bravourös stand. Es geht um das Alles-langweilt-Lebensgefühl zweier Frauen Ende 20, die sich zum Abschluss ihres Albums in eine romantisch-fatalistische Thelma-und-Louise-Klippenfahrt hineinträumen. »I’m gonna drive my car into the sea«, singt Teasdale in »Too Late Now«, weil Yoga, ein heißes Schaumbad oder andere Achtsamkeitstherapien letztlich doch nichts helfen gegen das Gefühl, inmitten der alltäglichen Dumm- und Stumpfheit allmählich durchzudrehen, den Lebensfaden zu verlieren. »I’m not sure if this is a song/ I don’t even know what I’m saying/ Everything is going wrong«, geht der Text weiter, anderer Stelle heißt es einmal ohne großes Pathos: »At least we are all going to die.«

Dieses bewusste Sich-keine-Mühe-Geben, der ständige Hinweis darauf, dass man gar nicht so genau wisse, was man da eigentlich tue, die ganze »I know I should, but I just don’t care«-Attitüde ist das, was Wet Leg zu den wahren Anarchos dieser Postpunk-Szene machen. Was nicht heißt, dass hier dilettantisch auf den Instrumenten herumgeprügelt wird, ganz im Gegenteil, es wird nur nicht so demonstrativ versiert ausgestellt wie drüben bei den Boys. Das meiste hat man schon vielfach gehört: ein wenig Bowie, Glam- und Britpop, viel Sixties-Girlpop durch den Riot-Grrrl-Wolf der Neunziger gedreht, ein bisschen Gang of Four und Wire. Was einen abseits der Texte trotzdem hinwegfegt, ist der verspielt-nihilistische, nonchalante Drive dieser kurzen, im mokanten Bad-Girl-Modus vorgetragenen Songs.

Den Treibstoff dafür liefert jedoch nicht so sehr der Bankrott der Gesellschaft wie bei vielen Genrevorbildern, sondern der öde, von sich selbst besoffene Typ, den man mal geliebt hat und sich inzwischen fragt: warum bloß? »Wet Leg«, bei dessen Titel sich jeder selbst überlegen kann, ob’s dabei ums Einpullern oder Lustsäfte geht, ist im Kern ein emanzipatorisches Breakup-Album. Zahlreiche Songs drehen sich um eine Beziehung, die aus Enttäuschung beendet wurde. »When I think about what you’ve become/ I feel sorry for your mum«, ätzt Teasdale in »Ur Mom« und singt fröhlich Dumdumdum, dumdumdum dazu, als wäre sie die Comicfigur Harley Quinn, die schon irre grinsend ihren Riesenhammer schwingt: »Yeah I loved you… that was crazy«. Und dann entlädt sich der ganze Frust in einem dieser übermütig rausgeprotzten Nonsensverse: »Okay, I’ve been practicing my longest and loudest scream, here we go: 1,2,3 Shrriiieeeeek!« Punk’s not dead. (9.0)

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Kurz abgehört:

Father John Misty – »Chloë and the Next 20th Century«

Wäre doch bloß die Katze ein Jahr früher gestorben, dann hätte ihr Tod vielleicht noch die Liebe kitten können: Das seufzt Josh Tillman in »Goodbye Mr. Blue« und schafft dreierlei: Einen lustigen Breakup-Song mit Cat Content, eine tiefe musikalische Verneigung vor Harry Nilssons »Everybody’s Talkin« – und eine der schönsten Retro-Country-Balladen seit Langem. Es gibt noch viele weitere Momente der bezwingenden Schönheit auf Tillmans fünftem Album als Folk-Crooner Father John Misty, zum Beispiel das Elton-John-artige »Buddy’s Rendezvous«, die Bossa-Hommage »Olvidado (Otro Momento)« oder die Cole-Porter-Anwanzung »Funny Girl«. Die existenzielle Krise, in die Tillman nach seinem Opus Magnum »Pure Comedy« schlitterte, konterte er 2018 mit dem verkaterten »God's Favorite Customer«, dann ging er in Klausur, um nun der Songkraft des 20. Jahrhunderts zu huldigen. Und gleichzeitig natürlich sein eigenes, vielseitiges Talent als Songwriter noch einmal unter Beweis zu stellen, edel produziert von Laurel-Canyon-Enkel und Gitarrist Jonathan Wilson. Eskapistisch und wirklich wunderschön. Aber man vermisst den burlesken, auch bissigen Gegenwartsanalytiker, der hier nur ganz zum Schluss, in »The Next 20th Century«, zum Zuge kommt. Es wäre schade, wenn Tillman sich schon einfach so misty-schmisty mit 40 ins gediegene Alterswerk verabschiedet. Sicher nur eine weitere Orientierungsstufe. (7.9)

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Jack White – »Fear of The Dawn«

Super, Rage Against The Machine sind wieder da! Ah, nee, doch nicht, ist nur Jack White, der in seinem neuen Brachialkracher »What’s The Trick« einen auf Zach De La Rocha und Tom Morello macht – in Personalunion, versteht sich. Der Extrembluesmusiker und Gitarrenbearbeiter White kehrt nach vier Jahren Pause mit seinem vierten Soloalbum und Haarpracht in shocking blue zurück – und lässt seinen inzwischen ideenreich synthesizergepimpten Noise ’n’ Roll 40 Minuten lang furios entladen. Im Herbst soll ein ausgleichend balladeskeres Album folgen, zunächst steht White aber unter Dauerstrom. Tracks wie »The White Raven« verfügen über die rohe Energie und Nassforschheit der ganz frühen White-Stripes-Alben oder Whites Solodebüt »Blunderbuss«, anderes ist furchterregend avantgardistisch wie das beinahe unhörbare »Hi-De-Ho« mit Rapper Q-Tip und Cab-Calloway-Sample. Man kann’s toll(-dreist) finden und sich kopfnickend dem Lärm ergeben – oder mit Schmerzen in den Amalgamplomben an Neil Youngs, äh, experimentelle Phase Anfang der Achtziger erinnern (»Re-Ac-Tor« anyone?). Der Elon Musk des Rock. Als Kompliment gemeint. (7.7)

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Kae Tempest – »The Line Is A Curve«

Die engelsgleiche Lockenmähne ist ab, aber dafür ist die Musik jetzt plötzlich ganz weich und emotional. Kae Tempest gehört zu den brillantesten Lyriktalenten Großbritanniens, am Theater ebenso wie in der Literatur. Zwischen dem letzten Album »The Book of Traps and Lessons« und heute fasste Tempest, 36, den Mut, ihre non-binäre Persönlichkeit öffentlich zu machen und entfernte aus ihrem bisher weiblich konnotierten Vornamen ein t. Hinzu nahm Tempest erstmals Gäste, die Sängerin Lianne La Havas, die Rapper Confucius MC und Kevin Abstract (Brockhampton), Grian Chatten von der irischen Punkband Fontaines D.C. Das Thema von Tempests Poetry-Rap ist noch immer die dystopische Bleakness der britischen Gegenwartsgesellschaft, aber die warme, analoge Rockproduktion (von Rick Rubin und Dan Carey) in Songs wie »These Are The Days« oder die glitzernden Synthies von »Priority Boredom« und »Salt Coast« zeugen von einer neuen Zuversicht und Souveränität. Tempests bisher oft bewusst schroffer, solipsistischer Sound öffnet sich mit intimen Texten und entwaffnender Anschmiegsamkeit einer größeren Pop-Community. Es ist unmöglich, nicht berührt zu sein, wenn Tempest in ihrer vielleicht ersten Soulballade »No Prizes« noch unsicher die quälenden Windungen ihrer Closet-Existenz bis zu diesem Punkt rekapituliert: »I used to be joyful, they tell me. A real free-spirit. I thought music would protect me (…) But never caught a break, my lucky day never showed up (…) Now it’s like my best days have gone by/ I am scared that it’s all too late. Is it all too late?« Jetzt, wo die strenge Linie zur dynamischen Kurve geworden ist, geht es gerade erst los. (8.5)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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