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Whitney Houstons Gesangstalent Diese Stimme gab's nur einmal

Selbst mittelmäßigen Songs entlockte sie Euphorie, Leidenschaft und Spannung: Das größte Talent der verstorbenen Whitney Houston war ihre Stimme, die eine ganze Generation von Sängerinnen inspirierte. Doch in den letzten Jahren ihrer Karriere ging sie wenig pfleglich mit der Gabe um.

Das Jahr, ab dem es mit Whitney Houston nur noch abwärts ging, lässt sich genau datieren. 1992 trug sie ihren in den Achtzigern akkumulierten Ruhm nach Hollywood und drehte dort mit Kevin Costner die romantische Schmonzette "Bodyguard". Der Soundtrack zum Film erreichte in 17 Ländern Platz eins der Hitparade und verkaufte sich mehr als 44 Millionen Mal, allein ihre Coverversion von Dolly Partons "I Will Always Love You" hielt sich 14 Wochen an der Spitze der US-Charts.

Und 1992 heiratete sie den Nichtsnutz Bobby Brown. "Die Prinzessin heiratet den Bad Boy", flunkerte sie später kokett über eine Ehe, die immerhin 14 Jahre halten sollte und in der sich tatsächlich zwei durchaus verwandte Seelen gefunden hatten.

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Whitney Houston: Königin der Soul-Diven

Foto: dapd

Bobby und Whitney verband eine ähnlich fatale Mesalliance wie Sid und Nancy oder Kurt und Courtney. Auf dem Hochplateau ihrer Karriere angekommen, wählte sie aus freien Stücken den Weg in einen Abgrund aus harten Drogen, häuslicher Gewalt und künstlerischer Bedeutungslosigkeit. Der überirdische Glanz, der Whitney Houston 1992 ein letztes Mal umgab, war bereits der ihres Verglühens.

Ihren Status als Superstar hatte sie freilich nicht nur ihrer klaren Stimme zu verdanken, sondern auch ihrer Ausstrahlung - und dem Zufall, dass es mit dem Musiksender MTV plötzlich eine mediale Plattform gab, um selbst winzigsten Details zu weltweiter Geltung zu verhelfen. Das kecke Kräuseln ihrer Nase. Das Beben ihres Kiefers beim Vibrato. Das mädchenhafte Augenrollen. Wo etwa eine Madonna ihr dürftiges Stimmchen mit immer extravaganteren Choreografien ummanteln musste, genügte einer Whitney Houston der Rückgriff auf den dezenten Gestenfundus großer Soulsängerinnen.

Hedonismus und Leere

Dazu ging es stets um die irre Party, den heißen Tanz oder die ganz, ganz großen Gefühle - das ebenso hedonistische wie leere Repertoire der ewigen achtziger Jahre eben. Alles Bekenntnishafte hob sie sich für später auf, als es schon zu spät war. Und deshalb war es nicht einmal wirklich großer Soul, mit dem die Cousine von Dionne Warwick und Patentochter von Aretha Franklin ab 1985 reüssierte.

Motown war damals nur mehr ein fernes Echo und der subkulturelle HipHop noch weit davon entfernt, einmal die Weltherrschaft zu übernehmen. Es war eine weiße Zeit, die Hochzeit von Gestalten wie Phil Collins, die Geburt des Pop aus dem Geist der Maschinen. In diese Maschinen - Synthesizer und Sequenzer - ließen sich auch afroamerikanische Musikstile mühelos einspeisen und zu einem Produkt verarbeiten, das zugunsten ökonomischer Verwertbarkeit von allen kulturellen Zusammenhängen bereinigt war. Der synthetische Pop der Achtziger bedeutete letztlich den Triumph von Technologie und Telekommunikation über so abgehalfterte Konzepte wie Tradition oder gar Authentizität.

Und wo Musik ihre eigene technische Reproduzierbarkeit feiert, stehen "große Stimmen" eigentlich nur im Weg herum wie Relikte einer untergegangenen Ära. Whitney Houston allerdings schaffte in ihrer Hochphase, der Kälte zu trotzen und der Oberfläche den Anschein einer gewissen Tiefe zu geben. Was wäre etwa ein so dünn produzierter und von billigen mechanischen Rhythmen vorangetriebener Song wie "I Wanna Dance With Somebody" - ohne Houstons präzise Phrasierungen oder ihre euphorischen Ausfallschritte in den Falsettgesang?

Ein bisschen sexy, aber nicht zu viel

Ihre Stimme war immer größer als ihre Musik, die immerhin von den bestbezahlten Songwritern zugeliefert wurde. Sie war wahrscheinlich auch größer als sie selbst. Vielleicht war es Houston in späteren Jahren sogar eine perverse Erleichterung, dieses Gottesgeschenk so sehr zu ruinieren, dass da nur mehr ein hilfloses Krächzen war. In den achtziger Jahren aber war diese Stimme der Mehrwert, den Whitney Houston einer warenförmigen Kunst hinzufügte. Und ihre Tragik besteht vielleicht darin, dass sie darüber selbst zu einer Ware wurde, zum "first black America's sweetheart", wie ein US-Magazin schrieb.

Die öffentliche Whitney Houston war schwarz, aber nicht zu schwarz für ein weißes Publikum. Sie war sexy, aber nicht zu sexy für ein prüdes Publikum. Undenkbar, dass sie sich jemals so lustvoll schlampenhaft inszeniert hätte wie Cindy Lauper oder Madonna. Undenkbar auch, dass sie sich jemals "neu erfunden" hätte. Im Gegenteil: Je unsichtbarer die echte Whitney Houston wurde, umso mehr Whitney Houstons tauchten auf - Mary J. Blige, Alicia Keys, Destiny's Child, Celine Dion. Und immer wieder wird in Castingshows weltweit nach "tollen Stimmen" gesucht, wie Houston eine hatte - nach athletischer Ausdrucksstärke also, die einem immergleichen Soulpop die nötige Oberflächenspannung zu verleihen und sonst rein gar nichts zu sagen hat.

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Whitney Houston: Reaktionen auf den Tod der Pop-Königin

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Dem Grusel und auch der abgründigen Traurigkeit, die sich aus dieser ausgestellten Perfektion ergeben, hat der Schriftsteller Bret Easton Ellis schon 1991 ein frühes, prophetisches Denkmal gesetzt. In "American Psycho" lässt er ausgerechnet den irren und vollkommen gefühlstoten Serienkiller Patrick Bateman über Houstons Debütalbum dozieren: "Bei so vielen großartigen Tracks ist es schwer, sich einen Lieblingssong auszusuchen, aber 'The Greatest Love Of All' ist eines der besten, kraftvollsten Stücke, die jemals über Selbsterhaltung und Würde geschrieben wurden. Seine universelle Botschaft überschreitet alle Grenzen und lässt hoffen, es könnte für uns doch noch nicht zu spät sein uns zu bessern. Während es in dieser Welt unmöglich ist, Mitgefühl mit anderen zu empfinden, so können wir doch immerhin noch uns selbst bemitleiden. Es ist eine wichtige Botschaft, eigentlich wesentlich."

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