50 Jahre Hippie-Festival Wie ein modernes Woodstock aussehen müsste

Woodstock war ein von Chaos, Zufällen und Zeitgeist bedingter Glücksfall der Geschichte - und ist als solcher unwiederholbar. Ein vergleichbares Festival für unsere Zeit wäre radikal anders als vor 50 Jahren.

AP

Von


Mit Nostalgie hatte das Woodstock-Festival von 1969 nichts zu tun. Es war durch und durch ein Moment der politischen und gesellschaftlichen Gegenwart. Amerika führte Krieg in Vietnam, junge Männer sahen sich damit konfrontiert, zum Dienst an der Waffe eingezogen zu werden. Die "Love & Peace"-Bewegung der Hippies, die im Sommer 1967 begonnen hatte, war auch durch die Morde an Robert Kennedy und Martin Luther King schal geworden. In den Großstädten tobten Riots wütender und enttäuschter Afroamerikaner. Die Moral der Gegenkultur litt unter den Gräueltaten der Manson-Family. Die Lage schien hoffnungslos, desillusionierend.

Die Verheißung eines dreitägigen Musikfestivals auf dem Land, nicht weit von New York City entfernt, vermochte die Jugend dennoch zu elektrisieren - erst recht, als sich "Woodstock" zunächst unbeabsichtigt, dann notgedrungen als Gratis-Event herausstellte. Mit dem letzten Aufbäumen des Hippie-Spirits, zu dem das Event gerne stilisiert wird, hatte das aber erst einmal nicht viel zu tun. Es ergab sich aus einer Vielzahl ungeplanter und aus Chaos geborener Wendungen und Ereignisse auf der Wiese des Milchbauern Max Yasgur in Bethel, New York, rund 70 Kilometer südwestlich von Woodstock.

Zuvor hatten bis zu 200.000 Menschen Tickets erworben, die im Vorverkauf 18 Dollar kosteten, inflationsbereinigt wären das heute etwa 120 Dollar, also kein Schnäppchen. Das Festival sollte ja durchaus Profit machen - und vor allem für einen neuen Tonstudiokomplex werben, den die Festival-Finanziers Joel Rosenman und John P. Roberts in Woodstock bauen wollten. In der Gegend lebten zu jener Zeit mit Bob Dylan und The Band einige der wichtigsten Musiker der Ära, ironischerweise trat ausgerechnet Dylan letztlich nicht beim Festival auf.

Fotostrecke

10  Bilder
Das Erbe von Woodstock: Von Bethel bis Berlin

Creedence Clearwater Revival war eine der ersten Bands, die zusagten - nicht gerade Avantgarde oder Hippie, aber einer der über alle Klassen und Schichten hinweg populären Rock-Acts jener Tage, ein massentauglicher Headliner, würde man heute sagen.

Am Ende kam rund eine halbe Million Menschen nach Bethel und Organisator Michael Lang, der zuvor Events mit maximal 25.000 Besuchern betreut hatte, verlor die Kontrolle - über das Verkehrschaos, den Zeitplan, die Verpflegung. Der "Hog Farm"-Kommune mit ihrer Müsli-Küche sowie den beherzten Bürgern aus dem Umland mit ihren Wasser- und Lebensmittel-Spenden ist es zu verdanken, dass Woodstock heute nicht als Desaster gilt. Auch die Armee, ausgerechnet, half mit, die Massen zu versorgen.

Dass es friedlich blieb? Reiner Zufall. Die Journalistin Judy Berman mutmaßte kürzlich im "Time"-Magazin, dass letztlich auch die mangelnde Diversität von Künstlern und Publikum dem Gelingen des Festivals zugutekam: Afroamerikaner und Latinos waren in Woodstock ebenso deutlich unterrepräsentiert wie Schwule und Lesben. Angesichts der Rassenunruhen in Städten wie Detroit und den Stonewall-Ausschreitungen in New York - wie hätte wohl die Hilfsbereitschaft der Truppen und Landbevölkerung ausgesehen, wenn die Woodstock-Crowd nicht mehrheitlich aus gutbürgerlichen, weißen Heteros bestanden hätte?

Schon vier Monate später zeigte sich beim Gewaltausbruch beim Festival in Altamont, was für ein Glücksfall, was für eine Ausnahme Woodstock gewesen war. Joni Mitchell, die in Bethel nicht aufgetreten war, aber mit ihrer Hymne "Woodstock" entscheidend zum Garten-Eden-Mythos des Festivals beitrug, kamen 1970 beim ersten Isle-of-Wight-Festival auf der Bühne die Tränen, weil es so viel Aggression im Publikum gab. Die Woodstock-Neuauflage von 1999, bei der es zu Gewalt, Vergewaltigungen und unkontrollierten Feuern auf dem Gelände kam, habe ihn an Szenen aus der Kriegs-Phantasmagorie "Apocalypse Now" erinnert, sagte Anthony Kiedis, Sänger der Red Hot Chili Peppers damals.

Es ist wichtig, sich all das vor Augen zu führen, sollte man auf die Idee kommen, die Absage des Jubiläumskonzerts "Woodstock 50" zu bedauern. Ein weiterer nostalgiedurchwirkter Aufguss, wie ihn Michael Lang zuletzt in Maryland mit Auftritten von aktuellen Stars wie Miley Cyrus, Jay-Z oder der Pop-Rockband Imagine Dragons veranstalten wollte, wäre im besten Fall so irrelevant geworden wie die Woodstock-Festivals von 1989 und 1994. Ja, doch, die gab es!

Ein Zeichen der Hoffnung gegen einen reaktionären Zeitgeist setzen

Aber nur weil sich das Original-Woodstock nicht wiederholen lässt, wäre ein neues Woodstock nicht grundsätzlich falsch. Im Gegenteil: Eine Kulmination von modernisierten Hippie-Idealen, progressiver Gegenkultur und Friedensbewegung zum Soundtrack signifikanter zeitgenössischer Popmusik könnte heute sogar eminent wichtig sein - um ein Zeichen der Hoffnung gegen einen reaktionären Zeitgeist zu setzen, der sich vergleichbar düster zeigt wie 1969: Die US-Gesellschaft ist unter Präsident Trump gespaltener denn je, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit sind allgegenwärtig. Durch die Iran-Krise droht neuer Krieg im Nahen Osten, die globale Moral ist desolat, nationalistische Triebe setzen sich durch. Dazu der Klimawandel, Flüchtlingsdramen, akuter Wasser- und Ressourcen-Mangel: Hoffnungsloser, desillusionierender geht es kaum.

Pop-Ikone Beyoncé, Latin-Star J Balvin beim Coachella Festival 2018: Diversität als Mainstream
Kevin Mazur/ Coachella/ Getty Images

Pop-Ikone Beyoncé, Latin-Star J Balvin beim Coachella Festival 2018: Diversität als Mainstream

Das Erbe von Woodstock, wenn es eines gibt, ist ja das politisch aufgeladene Pop-Festival per se. Von den "Three days of Peace and Music" lässt sich eine direkte Linie ziehen zu den wenig später gegründeten Festivals in Glastonbury, Reading und Roskilde, aber eben auch bis zu den Anti-WAAhnsinns-Festivals der Achtzigerjahre gegen Atomkraft und Benefiz-Events wie Live-Aid. Der Geist von Woodstock steckte in der Berliner Loveparade ebenso wie in heute gültigen Pop-Zusammenkünften wie Lollapalooza, Coachella und Primavera. Und wenn sich in Chemnitz, wie vor einigen Wochen erneut, Pop-Musiker unter dem Hashtag #wirsindmehr zu einem Festival gegen Rechtsradikalismus zusammenfinden, dann geht auch das auf die Initialzündung vom August 1969 zurück.

Anscheinend gibt es also auch in einer digital revolutionierten Welt, in der die Solidarisierung der Gegenkulturen zu großen Teilen im virtuellen Raum stattfindet, immer noch das Bedürfnis nach realen Zusammenkünften auf Plätzen, Wiesen und Feldern, wo sich purer Hedonismus und politisches Bewusstsein durch den Katalysator Pop zu einem sinnstiftenden Gemeinschaftserlebnis verschränken. Ein Woodstock, das das Potenzial hätte, ein ebenso starkes Signal auszusenden wie das Original, müsste in heutiger Zeit jedoch radikal anders gestaltet werden als vor 50 Jahren.

Peace, Love und Musik - aber für alle!

Es müsste sich vom nostalgischen Grundrauschen vergangener Zeitbedingungen und Ideale ebenso befreien wie vom durchkommerzialisierten Standard gängiger Pop-Festivals. Großsponsoren, auf die auch Michael Lang zuletzt zurückgreifen musste, dürften keine Rolle spielen. Auch die Künstler, an exorbitante Gagen gewöhnt, müssten sich auf höchstens symbolische Summen beschränken, damit die Eintrittspreise nicht, wie bei "Woodstock 50", bis zu 450 Dollar kosten. Denn ein Woodstock, das sich, damals wie heute, lediglich an ein gesellschaftlich homogenes, finanziell gut ausgestattetes Hipster-Publikum richtet, wäre bereits im Ansatz gescheitert. Es ginge ja schließlich um einen in neoliberalen Zeiten tatsächlich utopischen, klassenübergreifenden Dialog: Peace, Love und Musik - aber für alle!

Der SPIEGEL Podcast

Alle, das meint dann nicht nur den weißen, heteronormativen Mainstream, sondern eben auch People of Color und die LGBT-Gemeinde. Ein wahrhaft gegenwärtiges Festival-Line-up bräuchte nicht nur einen arrivierten Rap-Mogul und ein paar weiße Rock- und Pop-Acts als Headliner, sondern im besten Fall afroamerikanisch-feministische Symbolfiguren wie Beyoncé und ihre Schwester Solange, spirituelle Jazz-Hippies wie Kamasi Washington, avantgardistische, queere Pop-Persönlichkeiten wie Charli XCX, Arca oder Sophie, mindestens Latin-Stars wie Rosalía und J Balvin. Und natürlich populäre Hip-Hop-Künstler wie Future, Drake, Cardi B oder Migos, sie repräsentieren, zumindest in den USA, den Mainstream in den Charts und im Radio.

Es müsste außerdem Workshops zum Klimawandel und zu ökologischer Achtsamkeit im Alltag geben, vielleicht Diskussionsrunden über Rassismus, Sexismus, über weiße Privilegien und toxische Männlichkeit, aber auch über die Fallstricke der Identitätspolitik, vielleicht sogar Yoga gegen das Trump-Trauma. Es gäbe experimentelle Film- und Multimedia-Kunst und Social-Media-Streams, die das Ganze umsonst und werbefrei in die weite Welt transportieren. Es gäbe aber auch Handy-freie Zonen und Zeiträume, damit die Menschen auch wirklich miteinander ins Gespräch kämen.

Wo bleibt der Spaß, das Chaos, die Freiheit?

Wie damals in Woodstock gäbe es vorrangig vegetarisches und veganes Essen aus natürlichem Anbau, aber diesmal mit Absicht. Es gäbe Safe Spaces für Frauen und Minderheiten, Gewalt würde geahndet, sexuelle Übergriffe und Hate-Speech sowieso. Zum Verkehrschaos käme es ohnehin nicht, da die Anreise mit dem traditionellen PKW verboten wäre. Festivalbesucher müssten E-Fahrzeuge oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

Fusion-Festival in Mecklenburg-Vorpommern: Legitimer Woodstock-Nachfolger
Christian Charisius/dpa

Fusion-Festival in Mecklenburg-Vorpommern: Legitimer Woodstock-Nachfolger

Klingt gar nicht so utopisch? Sondern nach einem Coachella-Festival, das in naher Zukunft genauso stattfinden könnte? Oder wie das libertäre, werbefreie Fusion-Festival in Mecklenburg-Vorpommern?

Einerseits ja. Andererseits offenbart sich in dieser zugespitzten, sicher auch naiven Vision ein Paradox: Denn all das klingt nicht nach drei Tagen Jux und anarchischer Dollerei. Es klingt nach Disziplin und Graswurzel-Engagement, nach Spendenbereitschaft und ehrenamtlicher Mitarbeit - und nach viel respektvollem Umgang unterschiedlichster gesellschaftlicher Schichten und Ethnien miteinander. Es klingt nicht "groovy" im Sinne der Laissez-faire-Hippies. Es gäbe Regeln, Regeln, Regeln und - vermutlich - weniger "freie Liebe" und exzessiven Drogenkonsum.

Boring! Wo bleibt da der Spaß, das Chaos, die Freiheit? Tja.

Aber das, nicht der überteuerte Kurs für ein Zugangsticket für ein elitäres Nostalgiefest, wäre wahrscheinlich der Preis für jene "Freedom", von der Richie Havens zu Beginn des Woodstock-Festivals 1969 in seiner weitgehend improvisierten Hymne sang. Auf Glück und Zufall, das zeigt die Geschichte, kann man sich dabei nicht verlassen.

insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
aschu0959 15.08.2019
1. Nicht nurr radikal anders
sondern schlichtweg unmöglich. Ich kann mir nicht vorstellen, daß heutige Musikgrößen (alles in mir sträubt sich dagegen sie als solche zu bezeichnen) für vergleichs-weise lächerliche Gagen, vor einer riesigen unüberwachten Menge vollgedröhnter Menschen auf einer matschigen Wiese auftreten würden. Ihre halbnackten Ärsche würden ohne entsprechende Lasershow und Lichtorgeln alle langweilen und ihre "Musik" eh niemanden vom Hocker reissen. Woodstock bleibt immer ein einzigartiges Ereignis.
.patou 15.08.2019
2.
Glastonbury? Erfüllt dieses Festival nicht zumindest schon die Forderung nach dem breiten Spektrum an Künstlern? Beyoncé, Solange, Charli XCX ... alle in den letzten Jahren dabei. Kamasi Washington und Rosalía sind dieses Jahr aufgetreten, Stormzy war Headliner. Und bzgl. "Graswurzel-Engagement, Spendenbereitschaft und ehrenamtlicher Mitarbeit": Beinahe der gesamte Gewinn wird an Wohltätigkeitsorganisationen gespendet, da fast alle Beteiligten Freiwillige sind. Ob ich jetzt gerade auf einem Festival unbedingt Workshops zu ökologischer Achtsamkeit und Diskussionsrunden über toxische Männlichkeit benötige, lasse ich mal dahingestellt ...
.patou 15.08.2019
3.
Zitat von aschu0959sondern schlichtweg unmöglich. Ich kann mir nicht vorstellen, daß heutige Musikgrößen (alles in mir sträubt sich dagegen sie als solche zu bezeichnen) für vergleichs-weise lächerliche Gagen, vor einer riesigen unüberwachten Menge vollgedröhnter Menschen auf einer matschigen Wiese auftreten würden. Ihre halbnackten Ärsche würden ohne entsprechende Lasershow und Lichtorgeln alle langweilen und ihre "Musik" eh niemanden vom Hocker reissen. Woodstock bleibt immer ein einzigartiges Ereignis.
Tut es das? Wieso genau? Was macht Musiker wie Kamasi Washington, Stormzy oder Kendrick Lamar in Ihren Augen so verachtenswert?
Papazaca 15.08.2019
4. Bravo! Sehr gute Überlegungen über eine Legende
Ich fange gleich mal mit einer Killeransage an: Legenden sind deshalb Legenden, weil sie einmalig sind. Also kein Woodstock 2019. Und ein, sagen wir mal "Woodstock-Nachfolge-Konzert", mit all den Prämissen und Inhalten? Herr Borcholte, wenn der Begriff "überfrachtet" jemals zutraf, dann bei Ihrem Wunschkatalog. Much too much! Und jetzt? Die damalige Freiheit scheint nicht mehr möglich, das perfekte, überfrachtete Konzert 2019 ist ein Symbol für den Vollständigkeitswahn+Zwanghaftigkeit. Möglich scheint am ehesten ein Glastonbury, das weiterentwickelt wird. Aber in keinem Fall sollte der perfekte Musikkritiker Borcholte das perfekte Woodstock-Nachfolge-Konzert konzipieren. Das kann nur böse enden. Unser Forumsheld sollte sich lieber mit den Bekloppten hier im Forum rumschlagen. Da gibt es ab und zu auch einen Lacher. Die Realisierung eines perfekten Konzertes könnte möglicherweise in der Klappse enden. Wir würden natürlich alle vorbeikommen..... Aber besser nicht .....
.patou 15.08.2019
5.
Zitat von PapazacaIch fange gleich mal mit einer Killeransage an: Legenden sind deshalb Legenden, weil sie einmalig sind. Also kein Woodstock 2019. Und ein, sagen wir mal "Woodstock-Nachfolge-Konzert", mit all den Prämissen und Inhalten? Herr Borcholte, wenn der Begriff "überfrachtet" jemals zutraf, dann bei Ihrem Wunschkatalog. Much too much! Und jetzt? Die damalige Freiheit scheint nicht mehr möglich, das perfekte, überfrachtete Konzert 2019 ist ein Symbol für den Vollständigkeitswahn+Zwanghaftigkeit. Möglich scheint am ehesten ein Glastonbury, das weiterentwickelt wird. Aber in keinem Fall sollte der perfekte Musikkritiker Borcholte das perfekte Woodstock-Nachfolge-Konzert konzipieren. Das kann nur böse enden. Unser Forumsheld sollte sich lieber mit den Bekloppten hier im Forum rumschlagen. Da gibt es ab und zu auch einen Lacher. Die Realisierung eines perfekten Konzertes könnte möglicherweise in der Klappse enden. Wir würden natürlich alle vorbeikommen..... Aber besser nicht .....
Okay, demnächst warte ich einfach ab. Spart mir Schreibarbeit. :-) Ich glaube auch, dass ein Woodstock 2.0 zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist, weil es den übersteigerten Erwartungen gar nicht gerecht werden kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.