Social-Media-Hype »Wrap Me in Plastic« Der Welthit, der aus Kreuzberg kam

»Wrap Me in Plastic« ist ein globales Social-Media-Phänomen, ein Megahit der koreanischen Band Momoland, millionenfach gestreamt – und nicht unumstritten. Erfunden wurde der Song von zwei Berlinern. Als Gag.
Koreanische Band Momoland: Im K-Pop-Kontext wirkt der Songtext befremdlich

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Sony Music Germany

Dieses Lied kann man sich wie einen Hefeteig vorstellen, der mehr und mehr aufgeht. Vor ein paar Jahren wurde »Wrap Me in Plastic« zusammengerührt und wird seitdem immer größer. Seit 2019 legt sich die Generation Z weltweit den Ohrwurm millionenfach auf ihre TikTok-Tanzclips und bastelt eigene Videos zum Song. Über 44 Millionen Menschen haben die verschiedenen offiziellen und inoffiziellen Videoversionen des Songs bisher allein auf YouTube gehört. Es ist ein besonders wirkungsvoller Ohrwurm, der Refrain »Wrap me in plastic, make me shine« bleibt ungefragt im Kopf.

Seit Anfang Februar gibt es eine K-Pop-Version von der koreanischen Castingband Momoland, im dazugehörigen Video produzieren junge Frauen durchgehend Inhalte für soziale Medien. Seitdem wird nicht mehr nur zu dem Song getanzt, sondern auch darüber diskutiert. Geht es in dem Liedtext um BDSM-Praktiken? Oder gar Vergewaltigungsfantasien?

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Diese Fragen haben die Urheber des Liedes nicht kommen sehen. Johannes Becker und Marcus Layton sind beide Mitte 30 und leiten gemeinsam eine Musik- und Medienproduktionsfirma in Berlin. Becker hat mal als Produktmanager bei Universal Music gearbeitet; Layton veröffentlicht elektronische Popmusik, produziert und remixt aber auch für andere Musiker wie Coldplay oder Rosenstolz. Ein Welthit war bisher nicht dabei.

Die beiden sind überrascht vom aktuellen Erfolg ihres Songs, denn das Lied gibt es schon seit 2017. Laut Spotify habe es gerade besonders viele Hörerinnen und Hörer in den USA, Indien, Deutschland, Indonesien und Südkorea, erzählen sie. Fast 40 Prozent davon sind zwischen 18 und 22 Jahre alt, mehr als die Hälfte weiblich.

Statistiken sind Fluch und Segen für Musiker. Mit ihrer Hilfe kann man die Konsumenten besser verstehen, ist aber schnell geneigt, sich beim Produzieren zu sehr von Zahlen und Algorithmen beeinflussen zu lassen. Becker und Layton haben bei einer Songwriting-Session in Los Angeles gemeinsam mit einem US-Kollegen genau das versucht, »algorithmuskonform« zu schreiben. Das heißt: Lieder zu schreiben, die Streamingplattformen und Plattenfirmen gefallen und sich gut in Playlisten einordnen lassen. »Nach zehn Tagen hat es uns gereicht«, sagt Layton. »Wir haben uns dann allen gängigen Regeln verweigert.«

»Wrap Me in Plastic« ist dabei eher als Nebenprodukt entstanden. Die erste Zeile war schnell getextet – »It's my first night out with you« – und mit jeder neuen sei mehr Freude aufgekommen: »Treat me right and buy me shoes/ Let me be your fantasy/ Play with me« – jede Silbe ein Ton. Fast jedes Wort ein Klischee. Nach zwei Stunden sei der Song fertig gewesen.

Ihr Lied sei so schräg geworden, dass Marcus Layton es gar nicht unter seinem eigenen Künstlernamen veröffentlichen wollte, es passe nicht zu seinem Stil, sagt er. Also erschufen Becker und er die Kunstfigur Chromance, einen Mann mit silberner Maske. Weil keine Plattenfirma daran Interesse zeigte, veröffentlichten sie das Lied einfach selbst . Zunächst ohne große Reaktion.

Berliner Musiker und Produzent Marcus Layton: Erschuf für seinen Algorithmus-Hit die Kunstfigur Chromance

Berliner Musiker und Produzent Marcus Layton: Erschuf für seinen Algorithmus-Hit die Kunstfigur Chromance

Foto: Marcus Layton

Am Erfolg von »Wrap Me in Plastic« ist zu beobachten, wie Musik sich heute verbreitet. Denn irgendwann entdeckten die Kids der Generation Z den Song für sich – wie genau, wissen Layton und Becker bis heute nicht – und benutzten ihn als Hintergrundmusik für ihre Videos. Immer mehr Menschen wurden so auf ihn aufmerksam, zeitweise war er bei der App Shazam in einigen Ländern auf Platz eins der meistgesuchten Songs. Jeden Tag seien die Zugriffe bei YouTube und Spotify gestiegen, berichten die Musiker. Ende 2019 sei er dann in China angekommen und stehe dort aktuell bei über einer Milliarde Audiostreams. Für einen nicht von dort stammenden Künstler sei das »äußerst selten«, sagt Becker.

Aus China schwappte die Welle in die Vereinigten Staaten und damit auf die Social-Media-Plattform TikTok – ausgelöst womöglich von der großen chinesischstämmigen Community in den USA, glauben die Urheber. Auch Popsänger Jason Derulo, der im vergangenen Jahr mit »Savage Love« einen globalen Sommerhit hatte, lud ein Video hoch . Charli d’Amelio, mit etwa 108 Millionen Followern eine der größten Influencerinnen auf TikTok, filmte Videos zu dem Lied . Und sogar der deutsche Musik-»Titan« Dieter Bohlen tanzte dazu mit seiner Freundin, und zwar im neongrünen Partnerlook durch eine Gasse auf Mykonos.

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Ende letzten Jahres landete der Song schließlich in der K-Pop-Welt. Die Girl-Band Momoland kollaborierte für ihre Version von »Wrap Me in Plastic« mit Chromance. Becker und Layton haben die neue Version produziert, ein paar koreanische Zeilen wurden hinzugefügt.

Seitdem gibt es auch Kritik an dem Song-Phänomen. Denn über K-Pop-Stars heißt es, sie stünden unter massivem Leistungsdruck, müssten jahrelanges, psychisch stark belastendes, hartes Sing- und Tanztraining durchmachen. Künstlerische Freiheit gebe es bei den Castingbands kaum, selbst das Privatleben sei strengen Regeln unterworfen. In diesem Kontext wirken Textzeilen wie »I can call you master, you can call me mine« befremdlich. Einige verstehen den Song aber auch als bloße Fetischisierung von BDSM-Praktiken.

Für einige K-Pop-Blogs aus den USA oder Südkorea mangelt es in der Momoland-Variante vor allem an Subversion und Ironie. Das Setting des Videos ist eine Art Puppenhaus, in dem die jungen Frauen ausschließlich ihren Followern zur Verfügung stehen. Influencerinnen, so kann man die Message des Videos auch verstehen, sollten immer verfügbar sein.

Layton und Becker wollen sich an dieser Diskussion nicht beteiligen. »Wir werden nicht erklären, ob die Zeilen etwas Bestimmtes bedeuten sollen, aber die Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft wird doch darin schön gespiegelt«, sagt Layton. Becker ergänzt: »In der Kunst gehört die eigene Interpretation dazu.« Außerdem, sagt er, gebe es ja durchaus Menschen, die das Lied als Kritik an den sozialen Medien verstünden.

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