Fotostrecke

Naidoo und Todenhöfer: Ein Lied, viele Fragen

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ picture alliance / dpa

Naidoo und Todenhöfer "Der neue Judenstern"

Jürgen Todenhöfer hat den neuen Anti-Kriegs-Song von Xavier Naidoo über seine Facebook-Seite herausgebracht. Da haben sich zwei gefunden! "Nie mehr Krieg" steht in der stolzen Protestsong-Tradition - macht ihr aber keine Ehre.

Eigentlich nichts Neues. Gerade wurde im Bundestag noch über den Einsatz der Bundeswehr im Meer und am Himmel über Syrien diskutiert. Jedenfalls tut die Lügenpresse alles dafür, diesen demokratischen Anschein zu wahren. Wer sich davon nicht blenden lässt, kennt längst die Wahrheit. Schaut, 's ist Krieg - und Xavier Naidoo begehrt, nicht schuld daran zu sein. Ja, dieser Naidoo.

Diesen frommen Wunsch hat der Reichsbürger-Gastredner  in kuscheligen Soulpop verpackt - und wo veröffentlicht? Auf der Facebook-Seite von ausgerechnet Jürgen Todenhöfer. Der gilt als einziger Publizist mit den "Eiern in der Hose" (Til Schweiger ) für eine Reise ins Kalifat. Und genug investigativem Charme. Hat er sich doch bei einer Vertrauten Baschar al-Assads eingeschleimt, um bei der "lieben Prinzessin des Nahen Ostens" einen Interviewwunsch mit dem Staatspräsidenten zu platzieren. Ja, dieser Todenhöfer.

Das hat die Deutschland AG nun davon. Erst lässt sie Xavier Naidoo nicht zum ESC, dann zieht sie in den Krieg. Logisch, dass Naidoo darauf mit einem Lied gegen den Krieg antwortet: "Nie wieder Krieg" verknüpft eine Ächtung des Kriegs mit einer klaren Handlungsanweisung: "Verhindere den Krieg, bevor er wirklich wahr ist!"

Heilige Allianz aus Aluminiumhut und Palästinensertuch

Vermutlich ärgert sich Ken Jebsen, dass nicht ihm dieser Seiteneinstieg ins Musikgeschäft gegönnt ist. Es passen aber auch Naidoo und Todenhöfer, derb gesprochen, wie Arsch auf Eimer. So fugenlos dicht, dass sich diese heilige Allianz aus Aluminiumhut und Palästinensertuch nicht einmal persiflieren lässt. Es sind schlechterdings keine anderen gesellschaftliche Gestalten von so scharfem Profil vorhanden, die auch nur annähernd so traulich Hand in Hand gehen könnten wie der Xavier und der Jürgen.

Seit gestern abend sind mehr als 90.000 Menschen der Aufforderung Jürgen Todenhöfers gefolgt und haben das Lied auf Facebook geteilt. Allein während dieser Text getippt wurde, sind 13.000 dazugekommen. Massenhaft teilen Menschen dabei weit mehr als nur die fromme Einsicht, es dürfe kein Krieg geführt werden. Was teilen sie noch?

Sie teilen das Bild eines Kindes mit offenen Brandwunden. Sie teilen ein persönliches Glaubensbekenntnis: "Ich hab' gelernt, ich soll für meine Überzeugungen/ Einsteh'n und meinen Glauben nie leugnen/ Warum soll ich jetzt nach so langer Zeit/ Davon Abstand nehmen? Dazu bin ich nicht bereit!"

Sie teilen die bizarre Ansicht, ein Genozid an der muslimischen Bevölkerung Europas stünde unmittelbar bevor, sie trügen "den neuen Judenstern" und "wir" hätten sie "nicht mehr gern". Sie wollen nach so langer Zeit nicht Abstand nehmen von ihrem diffusen Glauben, plutokratische Profiteure führten einen "Propagandakrieg". Sie teilen Gedanken so komplex, dass sie gebrummt eloquenter klängen als gesungen: "Es ist einfach nur traurig".

Gegen suggestive Vereinfachungen ist im Pop nichts einzuwenden, gegen das Sentiment der Auflehnung gegen eine tatsächlich fragwürdige politische Entscheidung auch nicht. Als Protestsong steht "Nie mehr Krieg" in einer stolzen Tradition - der er allerdings keine Ehre macht. In die Köpfe von Leuten kommt Naidoo über das Herz. Denn sein musikalisches Betroffenheitszäpfchen enthält das übliche Gift, an dem derzeit die Leute reihenweise irre werden. Nicht in homöopathischer Dosis, sondern geballt im Refrain.

"Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg", fordert Naidoo gratismutig, denn: "Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief". Schief und quer zu allen Fronten läuft lediglich die bewährte Behauptung, dass "wir" etwas "nicht sagen dürfen", und sei's der gemütlichste Gemeinplatz. Diese Behauptung wird geteilt. Einfach, weil die Leute auch wider besseres wissen "nicht bereit" sind, davon Abstand zu nehmen.

Eine satirische Zuspitzung von etwas so Stumpfem ist nicht möglich. Das ist die Neuigkeit, und sie ist beunruhigend.


Lesen Sie auch:

Jürgen Todenhöfer in der Kritik: Liebesbriefe nach Damaskus

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.