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Marvin Gaye: Oh Bruder, wo bist du?

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"Verlorenes" Album von Marvin Gaye Sexkram als Sackgasse

Das Album "You're The Man" wurde zu Lebzeiten Marvin Gayes nie veröffentlicht. Vielleicht, weil die Musik so ratlos war wie er selbst im Jahre 1972. Wer sie jetzt hört, sieht die Soul-Legende anders.

Erstaunlich an diesem Werk ist, dass es als Einheit gedacht war. Diese Woche, 47 Jahre nach seiner Entstehung, erscheint das "verlorene" Album "You're The Man" von Soul-Legende Marvin Gaye zum ersten Mal komplett auf CD, Vinyl und digital. Mal hört man darauf zum einen den Marvin Gaye, der weiterhin mit politischen Songs erfolgreich sein möchte, wie 1971 auf seinem Meisterwerk "What's Going On".

Mal gibt Gaye aber auch den funky Straßentypen, wie ihn die Gangsterfilme des Blaxploitation-Genres bekannt machten. Mal ist er ganz der verschmuste Schlafzimmersänger der frühen Sechzigerjahre, mit dessen sexueller Verschärfung er 1973 auf "Let's Get It On" den größten Erfolg seiner Karriere haben wird. Mal macht er die Frauenbewegung lächerlich, dann fordert er eine Frau als Präsidentin der USA.

"You're The Man" ist ein Dokument der Ratlosigkeit und der Verwirrung. Genau deshalb ist die Veröffentlichung aber interessant. Denn sie gibt Aufschluss nicht nur über die Person Marvin Gaye, sondern auch über die sogenannten race relations in den USA.

1972 ist ein Jahr des Umbruchs - politisch wie persönlich. Im Frühjahr hatte die Führungsriege von Gayes Plattenfirma Motown ihre Heimat schon verlassen. Detroit, Motor City, das war die kleine Großstadt im Norden, die Autos baut, Afroamerikanern vergleichsweise gute Löhne zahlt und auch eine schwarze Mittelschicht beheimatete. Doch Anfang der Siebzigerjahre spürten alle Stars des Labels den Wandel der Zeit: The Supremes hatten sich aufgelöst, Diana Ross zog mit Motown-Boss Berry Gordy nach Los Angeles und stieg ins Filmgeschäft ein, das ehemalige Wunderkind Stevie Wonder schrieb erwachsene Funkhits wie "Superstition", Michael Jackson, bald 14-jähriger Leadsänger der Jackson 5, kam langsam in den Stimmbruch.

Und Marvin Gaye, der schöne große Mann mit der wie von Sandpapier angerauten Stimme im normalen und dem geschliffenen Falsett im oberen Register, blieb vorerst in Detroit - einer "Geisterstadt", wie er seinem Biografen David Ritz sagte. 1972 war das Jahr, in dem die Sechzigerjahre auch in Detroit starben. Und Gaye tat auf der Höhe seines Erfolges viel, um selbst zu verschwinden: täglich Kokain, Marihuana, Pornografie, Frauen. Irre, wie man so noch singen kann. Allerdings geriet er am Ende dieses Übergangsjahres in eine Sackgasse.

Zwischen 1971 und 1973 vollzog Gaye, damals Anfang 30, den Wandel vom sozialkritischen Soulsänger, der in religiösem Ton das Kollektiv beschwört, zum Sexpriester, der primär von seiner eigenen Leistung erzählt. Von dieser Formel wich er im Grunde bis zu seinem Tod 1984 nicht mehr ab, als er von seinem Vater erschossen wurde.

Im Blues gibt es eine lange Tradition von Songs über Sex, der körper- und leistungsbetonte Hedonismus der Black Music war in den Siebzigern nicht neu. Doch das Sammelsurium auf "You're The Man" zeigt neben einem auf höchstem Niveau singenden Künstler die Suche nach einer Marke, die auch kommerziell funktioniert. Hier hören wir, was aus Gaye auch noch hätte werden können. Und können vermuten, warum das nicht klappte.

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Marvin Gaye: Oh Bruder, wo bist du?

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Das Titelstück ist das einzige, das Gaye tatsächlich veröffentlichte. "You're The Man" versucht, an die politischen Songs von "What's Going On" anzudocken. Auch musikalisch ist es ein Echo auf den "Inner City Blues". In den Soul-Charts - sprich: im schwarzen Käufersegment - lief die Single gut. Im Mainstream-Pop floppte der Song.

Gaye hatte die Liberalität der weißen Käuferschaft überschätzt. Auf "You're The Man" geht er im funky Falsett Richard Nixon an, der im Frühling 1972 Wahlkampf machte und im Spätherbst mit einem Erdrutschsieg wiedergewählt wurde. Gaye erwähnt die Busse, die schwarze Kinder in weiße Schulen brachten, singt von einem wohlbekannten "minority hater", einem Minderheiten-Hasser, der niemals Präsident werden dürfe. Das ist viel deutlicher, als seinen Bruder in Vietnam zu vermissen und den Zustand der Innerstädte zu beklagen wie auf "What's Going On".

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Als Gaye sah, dass Nixon trotzdem Erfolg hatte, soll er die Arbeit am Album abgebrochen haben. So genau ist das nicht zu prüfen, denn die Biografie des Soul-Experten David Ritz, der auch die Liner-Notes zu "You're The Man" geschrieben hat, lässt an diesem Punkt eine Leerstelle. Und selbst Michael Eric Dyson, ein späterer Gaye-Biograf, stellt nur Vermutungen an.

Noch deutlicher wird Gaye in einer anderen Version des Titelsongs, die er erst aufnahm, nachdem die Single im April floppte. Das einschmeichelnde Falsett ist jetzt weg: Er ist sauer, doch der Sound wirkt cooler, näher an "What's Going On". Er spricht sogar über Marihuana. Und singt etwas, das bis heute radikal wäre für die USA: "Maybe what this country needs is a lady/ A lady for President." Ein klarer Höhepunkt dieses Albums.

Ohne weiße Kaufkraft kein schwarzer Star

Doch Gayes Ruf nach einer weiblichen Präsidentin steht hier eben auch neben "Woman Of The World" - einem beschwingten Song, der vordergründig Emanzipation feiert, sie aber dann gleich wieder in die Tonne tritt und sich weinerlich darüber beklagt, dass die alten Zeiten vorbei seien und das Recht nicht mehr allein auf seiner Seite stehe. Der Chor wiederholt: "You've come a long way, Baby", damals der Werbespruch der ersten Frauenzigarette. Du hast es weit gebracht, konnte das heißen, oder auch, mit anderem Unterton: Wie weit ist es bloß mit dir gekommen?

Der späte Marvin Gaye ist das Vorbild für R. Kelly, der das Schlafzimmer ins Zentrum seines Werkes stellte, und die Gewalt gegen Frauen offenbar in die Mitte seines Lebens. Seit den Neunzigerjahren kommt es zu Prozessen gegen Kelly, bisher ohne Konsequenzen, aber der Wind scheint sich zu drehen: Die Trennung von Künstler und Werk ist im Zeitalter von #MeToo nicht mehr so einfach zu vollziehen. (Lesen Sie hier eine Analyse zu Pop und Missbrauch)

Auch von Gaye, in der Jugend vom Vater geschlagen und vom Onkel sexuell missbraucht, weiß man schon lange, wie seine Frauenverachtung in Gewalt kippen konnte, etwa gegen seine zweite Ehefrau. Vor diesem Hintergrund hört man den späteren Sexkram, der kommerziell gesehen für ihn offenbar alternativlos war, heute anders.

Deshalb ist es schön und traurig zugleich, einen Sänger zu hören, der auf "You're The Man" noch nach Alternativen sucht. Schön, weil die Möglichkeit künstlerischer Auswege aufscheint. Traurig, weil der spätere Verlauf dann doch ein rassistisches Muster offenbart: Durfte der schwarze Sänger nur als sexueller Spitzensportler im Mainstream verbleiben? Denn bis heute gilt: Ohne weiße Kaufkraft kein schwarzer Star.

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