Zum Tod Eddie Van Halens Grinsender Hedonismus mit hartem Haken

Mit seiner Band Van Halen krempelte er die Rockmusik um: Wenn Eddie Van Halen zur Gitarre griff, war die Musikwelt elektrisiert. Denn sein äußerstes Glück war das Spiel, nicht der Ruhm.
Eddie Van Halen während eines Konzerts im Jahr 1984

Eddie Van Halen während eines Konzerts im Jahr 1984

Foto: Richard E. Aaron / Redferns / Getty Images

Von Van Halen war zuletzt weltweit 2019 die Rede, als Billie Eilish im Fernsehen nach der Gruppe gefragt wurde. Ihre Antwort: "Wer?"

Wobei Eilish erstens Eddie Van Halen und sein Gitarrenspiel natürlich kennt, wenn sie jemals "Beat It" von Michael Jackson gehört hat. Zweitens ist die Newcomerin der Stunde kaum volljährig, und Van Halen veröffentlichten ihr Debüt 1978. Sie siedeln nicht nur in einem anderen Genre, sondern in einer völlig anderen musikalischen Galaxie.

Zu ihrer Zeit allerdings waren sie das, was man die größte Rockband des Planeten nennt. Und das lag an Edward Lodewijk Van Halen.

DER SPIEGEL

Geboren ist "Eddie" 1955 in Amsterdam. Sein Vater Jan war Saxofonist, Klarinettist, Pianist und Lebenskünstler, seine Mutter Eugenia stammte aus Niederländisch-Indien, von der Insel Java. Die halbkoloniale Herkunft des Siebenjährigen verwandelte sich in eine Migrationsgeschichte, als die Familie 1962 in die USA auswanderte - mit nur 50 Dollar in der Tasche. Der Vater spielte in der Schiffskapelle, Eddie klimperte für ein paar Münzen auf dem Piano.

Den ersten Tag in der neuen Schulklasse auf dem neuen Kontinent beschrieb er einmal als "mehr als erschreckend". Eddie und sein älterer Bruder Alex beherrschten kein Englisch und waren eine absolute Minderheit. Seine ersten Freunde auf der damals noch segregierten Schule waren zwei schwarze Jungs: "Die Weißen waren die Bullies. Die schwarzen Kids respektierten mich, weil ich schneller wegrennen konnte als sie".

Die Mutter arbeitete als Hausmädchen, der Vater als Tellerwäscher und wochenends als Musiker - aber es waren die Söhne, die bald komplett in der neuen Kultur aufgehen sollten. Klassische Musiker hätten sie werden sollen und krempelten bald die Rockmusik um. Eric Clapton von Cream und Jimmy Page von Led Zeppelin nannte der junge Gitarrist stets als seine größten Einflüsse, Hendrix natürlich, das Pantheon des Rock.

Überschwang und Präzision

Der Trick allerdings, auf den Eddie Van Halen seinen ganzen Ruhm aufbaute, hat er sich von Genesis-Gitarrist Steve Hackett abgeschaut. Niemand hatte vor Hackett und ungefähr 1971 das "Tapping" betrieben, eine spezielle Anschlagtechnik mit beiden Händen am Hals der Gitarre, bei dem man, wenn auch nur auf einer Saite, in beinahe unbegrenzter Geschwindigkeit spielen kann. Man könnte es auch Gegniedel nennen.

Auf diese Weise lässt sich, wie Hackett das tat, Klassisches von Johann Sebastian Bach auf der E-Gitarre nachstellen. Man kann damit aber auch Klassiker von The Kinks, wie "You Really Got Me", unter Starkstrom setzen. Und das ist es, was Eddie Van Halen und sein Bruder Alex am Anfang taten - sie spielten in Los Angeles elektrisierende Coverversionen.

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Eddie Van Halen: Freude am Überschwang

Foto: Lynn Goldsmith / Corbis / VCG / Getty Images

Ein früher Fan war Gene Simmons von Kiss, der das erste Demo-Tape der Gruppe finanzierte. Erst ein Konzert im Nachtklub "Starwood" brachte den Plattenvertrag mit einem Major-Label - die Scouts und später die ersten Journalisten konnten sich schlicht nicht vorstellen, wie jemand so schnell Gitarre spielen kann. Und der junge Eddie Van Halen tat es gern mit dem Rücken zum Publikum, um seine Methode zu verschleiern.

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Ihr erstes Album, "Van Halen", enthält eine ganze Perlenkette an Hits ("Running With The Devil", "Ain't Talkin' Bout Love" oder eben "You Really Got Me" von Ray Davies) und gilt als eines der erfolgreichsten Debüts der Rockgeschichte. Für die folgenden sieben Jahre und eine ganze Reihe erfolgreicher Alben sollten Van Halen mit ihrem exzentrischen Frontmann David Lee Roth die Szene beherrschen. Was der Gitarrist an Technik auf die Waage brachte, das glich der Sänger durch Charisma aus.

Geboren war eine Spielart des härteren Pop. Van Halen waren virtuoser als der Punk, hatten aber augenscheinlich ebenso viel Freude am Überschwang. Sie hatten den Sound des Metal, dazu aber auch die richtigen Melodien. Und sie hatten die E-Gitarre als männlichstes aller männlichen Instrumente, aber im Dienst der guten Laune. Van Halen war grinsender Hedonismus mit einem harten Haken. Auf "Diver Down" (1982) spielte sein 1986 verstorbener Vater die Klarinette: "Er brach immer in Tränen aus, wenn er uns spielen sah", sagte Van Halen: "Weil wir geschafft hatten, woran er gescheitert war."

Bewundert von Slayer und Metallica

1982 bekam Van Halen einen Anruf von Quincy Jones. Der legendäre Produzent arbeitete gerade am neuen Album einer seiner Schützlinge und fragte an, ob Eddie nicht ein Solo beisteuern könnte. Weil es Jones war, sagte dieser zu - entgegen bandinterner Absprachen gegen jedwede Aktivitäten außerhalb der Gruppe: "Ich dachte mir", erinnerte sich Van Halen, "dass es schon niemand mitbekommen würde, wenn ich auf der Platte dieses schwarzen Jungen spielen würde."

Der schwarze Junge war Michael Jackson, das Stück war "Beat It" - ein Song, den sicher auch Billie Eilish kennt. Es war ein frühes Cross-over zwischen R'n'B und Rock, für das Eddie Van Halen alle seine Register zog und teilweise sogar die Arrangements änderte. Und damit den Machismo seines eigenen Genres in den Dienst einer alles andere als breitbeinigen Musik stellte. Für seinen Beitrag bekam Eddie Van Halen keinen Cent, was er nie bedauerte: "Es war ein Gefallen. Und es hat mir gefallen".

Der größte Hit von Van Halen stand da noch aus, "Jump" von Album "1984" von 1984, eine der ganz großen Hymnen der Achtzigerjahre, deren Melodie typischer- und ironischerweise auf einem Keyboard gespielt wurde.

Der Ausstieg von Roth tat dem Erfolg von Van Halen keinen Abbruch, mit Sammy Hagar am Mikro blieb die Gruppe marktbestimmend bis in die Neunzigerjahre hinein. Wesentlich härtere Gruppen wie Slayer oder Metallica bewunderten den Gitarristen für seine Präzision und Geschwindigkeit, das große Publikum für seine Melodien - und sogar die Freunde des Grunge für seine erdigen Produktionen.

Mehr als ein Rockstar

Erst mit milde abflauendem Erfolg folgte Eddie seinem Vater in die Abwärtsspirale der Sucht. Geraucht hat er seit seinem zwölften Lebensjahr, in der Hochphase der Gruppe wurde Kokain populär, aber mit dem Alkohol begann der gesundheitliche Abstieg. Im Interview wirkte er stets aufgeräumt und geläutert, erzählte von seinen Aufenthalten in der Entziehungsklinik und galt seit 2008 als "trocken".

Er laborierte an mehreren Operationen, überstand eine Krebskrankheit und eine Scheidung, schrieb Musik für Pornofilme und veröffentlichte 2012 mit "A Different Kind of Truth" (mit seinem Sohn Wolfgang am Bass) ein letztes Van-Halen-Album - das auf Ideen aus den Siebzigerjahren beruhte. Die Quelle war auch in dieser Hinsicht ausgetrocknet.

Ihre letzten Shows gab die Gruppe 2015, danach übergab Eddie Van Halen seine legendäre, 1975 selbst gebaute Gitarre ("Frankenstein") dem Museum. Auf einem Konzert von Tool bat ein Fan den älteren Herrn, ein Foto von ihm vor der Bühne zu machen - ohne zu wissen, wen er da vor sich hatte. Eddie Van Halen kümmerte das kaum: "Es geht nicht um den Ruhm. Es geht darum zu spielen".

Im Gespräch erzählte er gern davon, wie er in den "Flow" komme, diesen meditativen Zustand hohen Glücks. Nicht auf der Bühne, nicht im Studio, nie vor Publikum, sondern zu Hause. Und das auch nur nach etwa zwei Stunden konzentrierten Spiels auf der Gitarre. Rockstars, sagte er, kommen und gehen. Musiker hingegen spielen bis zum Tod.

Am Dienstag ist Eddie Van Halen in Santa Monica seiner Krebserkrankung erlegen. Er wurde 65 Jahre alt.

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