Zum Tod von Ennio Morricone Ein Geschenk an das Kino

Er komponierte mit Geräuschen und verhalf der Filmmusik zu ihrem eigenen Glanz: Ennio Morricone beeinflusste die Kinogeschichte der vergangenen 60 Jahre maßgeblich. Ein Nachruf.
Charles Bronson und Henry Fonda in "Spiel mir das Lied vom Tod" - der Film, dessen Musik Ennio Morricone zur Legende machte

Charles Bronson und Henry Fonda in "Spiel mir das Lied vom Tod" - der Film, dessen Musik Ennio Morricone zur Legende machte

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Ein Schaukelstuhl knarrt. Ein mechanischer Fernschreiber knattert. Ein Hund winselt. Fingerknöchel knacken. Wasser tropft erst patschend auf einen nackten Schädel und dann dumpf auf das Leder des Hutes. Eine Fliege summt erst frei, dann gedämpft im Lauf des Revolvers, mit dem sie eingefangen worden ist. In ihr Summen mischt sich das Pfeifen des Zuges und bricht plötzlich das ganze mechanische Getöse, mit dem er in den provinziellen Bahnhof im Wilden Westen einfährt.

Sieben Minuten dauert die Eröffnungssequenz von "Spiel mir das Lied vom Tod" ("Once Upon A Time In The West", 1968). Sieben Minuten, in denen keine einzige Note erklingt. Und doch trägt die Tonspur, gleichberechtigt mit den Bildern der wartenden Killer, auf erzählerische und spielerische Weise zur Spannung der Szene bei - und zur Legende ihres Schöpfers, Ennio Morricone. Der erste Filmkomponist, der auch Geräusche zu komponieren verstand.

Überhaupt war Ennio Morricone, der jetzt mit 91 Jahren gestorben ist, über Jahrzehnte der einzige Filmkomponist, dessen Name auch einem breiten Publikum geläufig war. Grund dafür war seine Arbeit für die populären Italowestern ("Für eine Handvoll Dollar") seines ehemaligen Klassenkameraden Sergio Leone. Das Gesicht des frühen Clint Eastwood ergibt ohne Morricone keinen Sinn.

Barocke Tragik

Wer sich ein Bild von seiner musikalischen Meisterschaft machen will, der lausche dem Titelthema von "Der Clan der Sizilianer" (1969). Für diesen Gangsterfilm mit Alain Delon und Jean Gabin verwendete Morricone ein Präludium für Orgel in a-Moll von Johann-Sebastian Bach, vier Noten nur aus seiner "Neunten", eigentlich nur ein Klavierübungsstück – und legte darüber zwei widerstreitende Melodien aus der sizilianischen Volksmusik. An der Oberfläche also erklingt der Konflikt der Gangstergruppen, als Unterströmung bleibt barocke Tragik spürbar.

DER SPIEGEL

Große Oper. So groß, dass sie den Film dazu beinahe überflüssig macht.

Lange hat Ennio Morricone als klassisch ausgebildeter Komponist für Chormusik und Instrumentalist (Trompete) darunter gelitten, beim Film nur "Sklave der Bilder" zu sein. Es war allerdings der Weg, den er 1953 – mit ersten Engagements fürs Theater und bald darauf für das Fernsehen – selbst eingeschlagen hatte. Dabei sah er sich eigentlich als Avantgardist.

Sein Lehrer am Konservatorium von Santa Cecilia, Goffredo Petrassi, war Präsident der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik und beeinflusst von der Wiener Schule. Der Schüler selbst besuchte 1958 die "Darmstädter Ferienkurse", damals das Mekka der Neuen Musik. Hier wurden Webern und Schönberg zur Aufführung gebracht, hier unterrichteten John Cage, Edgar Varèse und Olivier Messiaen, prägend in Theorie und Praxis waren Figuren wie Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen.

Morricone hörte zu, machte sich Notizen - arbeitete nach seiner Rückkehr in Italien aber auch als Arrangeur fürs Radio sowie leichte Pop-Unterhaltung. Er war frisch verheiratet, mit Maria Travia, seiner schärfsten Kritikerin. Und die Familie brauchte Geld, das mit Avantgarde schlechterdings nicht zu verdienen ist. Also schob der Handwerker den Künstler beiseite – und machte sein Handwerk. Erst seine Zusammenarbeit mit Sergio Leone und Bernardo Bertolucci ermöglichte es ihm, alle seine Interessen und Fähigkeiten zu bündeln.

Erst Morricone erhob die Filmmusik zu einer Sprache von eigenem Recht

Seine frühen Filmmusiken waren informiert über das Erbe, auf dem sie beruhten – und erweiterten die harmonischen Traditionen zugleich ins Populäre (E-Gitarre, Schlagzeug) wie ins Abstrakte. Er jubelte der tonalen Musik das Atonale unter, auch das Geräusch, und machte sie damit sperriger. Hier eine leere Quinte, dort eine summende Fliege. Eine Maultrommel. Eine Mundharmonika, absichtlich falsch gespielt. Melodien von Verdi, ergänzt um eine eigene Kantate ("1900") – die dann das Zeug dazu hatte, zur Hymne der spanischen Sozialisten zu werden.

Bis zu Morricone war Filmmusik – mit wenigen Ausnahmen – so etwas wie ein akustischer Geschmacksverstärker. Um Stimmungen zu amplifizieren, bedienten sich die Komponisten meistens einer für ihre Zwecke vereinfachten Spätromantik. Hier Holst, da Wagner, dort Sibelius. Erst Morricone erhob die Filmmusik zu einer Sprache von eigenem Recht. Die Metaphorik des Klangs stand gleichberechtigt neben der Metaphorik der Bilder.

2019 erhielt Morricone den "Presidio Culturale Italiano" im Kolosseum in Rom

2019 erhielt Morricone den "Presidio Culturale Italiano" im Kolosseum in Rom

Foto: CLAUDIO PERI/ EPA-EFE

Bei Morricone war Musik nicht mehr etwas, das den Bildern erst beim Schnitt zusätzlich beigemischt wurde. Lange experimentierten Sergio Leone und Morricone, wie sich dieses Verhältnis umkehren ließe. Oft komponierte er bereits auf Grundlage des Drehbuchs. Und bei "Spiel mir das Lied vom Tod" wurde den Schauspielern am Set die bereits fertige Musik auf Orchesterlautstärke vorgespielt – sie konnten gar nicht anders, als ihr Spiel dieser viszeralen musikalischen Regieanweisung zu unterwerfen. Leone nannte ihn "einen musikalischen Drehbuchautor".

Dabei blieb Morricone zeitlebens ein demütiger Diener des Werks, für das er komponierte. Manchmal genügte es ihm, wenn ihm ein Regisseur sein Projekt nur schilderte. Nie arbeitete er am Klavier, immer am Schreibtisch seines Palazzo in Rom, bisweilen ganze Nächte hindurch – je nachdem, wie eilig es war. Wenn ihm beim Autofahren die Ideen kamen, fuhr er rechts ran und notierte sich die Partituren auf einem Zettel. Bis ins hohe Alter arbeitete er unermüdlich, weit mehr als 500 Filmmusiken werden es sein – darunter zahlreiche Klassiker des Kinos.

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Ennio Morricone: Sag niemals Spaghetti-Western

Foto: Balazs Mohai/ AP

Den Vorwurf "ernster" Komponisten, er stelle ja nur angewandte Gebrauchsmusik her, konterte der Meister mit Verweisen auf Bach, Telemann und Händel. Die hätten, zu ihrer Zeit, auch "Gebrauchsmusik" geschaffen. Und seine Fürsten waren eben nicht Fürst Leopold von Anhalt-Köthen, Herzog Johann Wilhelm von Sachsen Eisenach oder der Duke of Chandos – sondern Brian de Palma, Roman Polanski und Quentin Tarantino.

Hollywood, wo er ebenfalls als "Maestro" und Legende galt, verwehrte ihm lange den offiziellen Ritterschlag. Einen Oscar für sein Lebenswerk erhielt er, sichtlich gerührt, erst 2007. Clint Eastwood übersetzte seine Dankesrede, sein Englisch hielt der Perfektionist für zu schlecht. Tatsächlich hatte der überzeugte Römer 2007 überhaupt erstmals Los Angeles besucht. Auch der späte Oscar für die Musik zu "The Hateful Eight" (Quentin Tarantino) sollte ihn mit seinem eigenen Anspruch versöhnen.

Zuletzt brachte er in ausgedehnten Tourneen noch einmal seine größten Filmmelodien zur Aufführung. Es erklangen die Oboe aus "The Mission" und die Mundharmonika aus "Spiel mir das Lied vom Tod" – aber auch Morricones eigene Stücke, der wahre Schatz des Meisters. Dieses Eigene war vielleicht der Glutkern seines Schaffens. Absolute Musik, die nur ihr eigener Zweck ist, kein Mittel: "Musik, die durch nichts konditioniert ist", sagte er einmal, "die nur aus dem Willen des Komponisten entsteht".

Inspiration existierte für ihn nicht. Nur Studium, Disziplin und Neugier. "Es existiert nur die Idee", erklärte er einmal, "eine winzige Idee, die der Komponist an seinem Schreibtisch entwickelt, und diese kleine Idee wird etwas Wichtiges".

Ein wichtigerer Komponist hat das Kino nie beschenkt. Am Montagmorgen ist Ennio Morricone in Rom gestorben. Er wurde 91 Jahre alt.

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