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09. Juni 2006, 17:59 Uhr

Zum Tode Drafi Deutschers

Mehr als Marmor, Stein und Eisen

Von Andrea Kinzinger

"Marmor, Stein und Eisen bricht", "Nimm mich so wie ich bin" oder "Herz an Herz Gefühl" – das waren nur drei der Hits, die Drafi Deutscher in seiner mehr als 40-jährigen Karriere landete. Jetzt starb der Schlagersänger in einer Frankfurter Klinik.

Hamburg - Zu den Running Gags der Schlagerhasser, die sich über Drafi Deutscher lustig machten, gehörte der stete Hinweis auf das falsch gebeugte Verb in seinem Gassenhauer "Marmor, Stein und Eisen bricht".Tatsächlich hätte es "brechen" heißen müssen, aber das hätte sich nicht gereimt. Dem Erfolg seines Liedes tat der grammatikalische Fauxpas in jedem Fall keinen Abbruch. Der Song erreichte Kultstatus, löst auf Schlager-Partys heute noch nahezu ekstatische Begeisterung aus und steht auf einer Stufe mit Udo Jürgens "Griechischer Wein" oder Marianne Rosenbergs "Er gehört zu mir".

Auch Deutscher hatte keine Schwierigkeiten damit, diesen Schlager, der ihn in der englischen Fassung "Marble Breaks And Iron Bends" einst als ersten deutschen Interpreten in die US-Charts brachte, immer wieder zu präsentieren. Fast liebevoll bezeichnete er den Song als seine "Altersversorgung". In Interviews wurde er nie müde zu betonen: "Es gibt ja Kollegen, die sagen, lass mich damit in Frieden, ich habe doch so viel anderes gemacht. Aber was soll’s, das ist eben ein Volkslied, und das haben nicht viele erreicht."

Wohl kaum ein Schlagerstar konnte auf eine so eine wechselvolle Karriere wie Drafi Deutscher zurückblicken. Sein Aufstieg gleicht dem vielbeschworenen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. Geboren wird Deutscher am 9. Mai im Berliner Arbeiter Bezirk Wedding. Sein Vater – ein ungarischer Klassik-Pianist namens Drafi Kalman – verlässt die Familie schon bald. Die alleinerziehende Mutter zieht daraufhin mit ihrem Sohn nach Lichterfelde-Ost. Dort wohnt die kleine Familie in einem Obdachlosenasyl.

Der erste Absturz

Mit zwölf Jahren bringt sich Deutscher das Gitarrespielen bei. Kurze Zeit später absolviert er erste Auftritte – mit gefälschtem Ausweis. 1963 entdeckt ihn der Schlagerproduzent Peter Meisel. Es folgen die Hits "Shake Hands" und "Heute mal ich dein Bild, Cindy Lou". Seinen Durchbruch freilich feiert er 1965 mit dem Nummer-eins-Hit "Marmor, Stein und Eisen bricht". Auch privat hat er eine Glückssträhne. Er heiratet seine erste Frau Karin. Das Paar bekommt Zwillinge.

Schon kurz danach aber folgt der erste Absturz. In Berlin waren gerade vier Kinder bestialisch ermordet worden. Diese Morde versetzen die Öffentlichkeit in helle Aufregung. Als Deutscher während einer Party betrunken aus einem Fenster pinkelt, und dabei von Kindern beobachtet wird, kommt es zur Anzeige. Deutscher wird wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" zu neun Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Zugleich kommt er in Konflikt mit dem Fiskus, der mehr als 180 000 Mark von dem Sänger fordert. Mehrere Jahre ist an ein Comeback nicht zu denken.

Erst Anfang der Siebziger Jahre landet Deutscher wieder einige Hits – allerdings unter Pseudonym. So komponiert er für Peggy March das Lied "Fly Away Pretty Flamingo" und für die Disco-Band Boney M. "Belfast". Den bis dahin unbekannten Italiener "Bino" macht er mit "Mama Leone" über Nacht zum Star. 1976 produziert darüber hinaus als Mr. Walkie-Talkie den Ohrwurm "Be My Boogie Woogie Baby".

Ähnlich wie Juliane Werding mit "Am Tag, als Conny Kramer starb", Udo Jürgens mit "Ein ehrenwertes Haus" oder Nicole mit "Ein bisschen Frieden", versucht auch Deutscher in seinen Schlagern mehr zu vermitteln als nur Liebe, Lust und Sonnenschein. In einem Interview mit einem Fan sagt er später einmal: "In einer Situation, in der über vier Millionen Menschen arbeitslos sind, kann ein Künstler mit Verantwortungsbewusstsein nicht einfach nur Schlager in Form von Liebesliedern spielen." So bringt er etwa 1982 den Song "Vorprogrammiert" heraus, der stark an Neue-Deutsche-Welle-Hits erinnert. Allerdings ohne Erfolg. Die Fans wollen Seichtes und ein Jahr später landet der Musiker mit "Jenseits von Eden", das er für Nino de Angelo produziert, einen Riesenhit.

Die Achtziger - sein erfolgreichstes Jahrzehnt

Es folgt sein wohl erfolgreichstes Jahrzehnt. Mit dem Album "Krieg der Herzen" meldet sich der Mann mit dem Schlapphut 1984 unter eigenem Namen zurück. Auch die Platten "Gemischte Gefühle" und "Diesmal für immer" werden Kassenschlager.

Doch wie schon in den Sechzigern gerät er Ende der Achtziger erneut mit seinem Privatleben in die Schlagzeilen. Seiner zweiten Ehefrau, Isabell Varell, unterstellt Deutscher ein lesbisches Verhältnis mit der damaligen ZDF-Sprecherin Birgit Schrowange. Zwar erweisen sich die Vorwürfe als unbegründet, aber die Ehe geht in die Brüche. Auch Berichte über angebliche Drogen- und Alkoholexzesse machen die Runde. In einem Interview bekennt sich Deutscher dazu, so gelebt zu haben "wie fast jeder Mensch, der mal irgendwann irgendetwas probiert hat". Niemals sei er aber "so heftig drauf gewesen" wie andere Musiker.

Nach und nach versinkt Deutscher in der Bedeutungslosigkeit und teilt damit das Schicksal vieler Schlagerstars. Mit "Wenn man liebt" und "Amen" gelingt ihm Mitte der Neunziger noch mal ein kurzes Comeback, zumindest auf nationaler Ebene.

Seitdem aber kann er keinen Erfolg mehr verzeichnen. Kurz vor seinem Tod berichtet die Presse ein letztes Mal über den Musiker. "Drafi Deutschers trauriger 60. Geburtstag. An seinem Ehrentag hockt der Schlagerstar allein auf der Parkbank", titelte die "B.Z.". Kurz danach bricht er zusammen und fällt ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachen soll.

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