Zum Tode Gary Moores Spektakulär unspektakulär

Seine Fans bewunderten ihn als virtuosen Rockgitarristen. Doch Gary Moore war weit vielseitiger: Er experimentierte mit Stilen, arbeitete mit zahllosen Musikern zusammen und widersprach als Privatmensch den Rock'n'Roll-Klischees. Jetzt starb er im Alter von 58 Jahren in Spanien.


Als Gary Moore mal ein Blues-Konzert spielte, wurde er ausgebuht: "Wo ist der wahre Gary Moore?", brüllten enttäuschte Fans, was den Künstler aber nicht sonderlich überraschte, wie er später zu Protokoll gab. "Wenn dich das Publikum zuerst als Hardrock- oder Heavy-Metal-Gitarristen erlebt hat, bist du bei ihm für alle Zeiten so abgespeichert. Mit Musikern, die gerne experimentieren, so wie ich, haben viele Fans ihre Probleme."

Gary Moores "Problem", wenn man so will, war stets, dass er als Gitarrist über den grünen Klee gelobt wurde, sich aber nie auf ein Genre reduzieren ließ, was konservative Musikfans in schöner Regelmäßigkeit überfordert. Allein die Galerie der Kollegen, mit denen der Ire Gary Moore im Laufe seiner mehr als vier Jahrzehnte währenden Karriere zusammenarbeitete, illustriert eindrucksvoll seine Vielseitigkeit: Sie reicht von Fledermauskopfbeißer Ozzy Osbourne bis Musical-Schwurbler Sir Andrew Lloyd Webber, von Kollaborationen mit den Beach Boys, Rory Gallagher, Trilok Gurtu, Jack Bruce, Albert Collins, Cozy Powell, Ginger Baker bis hin zu Beatle George Harrison, der Moore mal streng beibrachte, wie die Akkorde zu "A Hard Day's Night" korrekt zu spielen sind.

Am bekanntesten wurde Gary Moore wohl durch seine turbulenten Gastspiele bei den Rockern von Thin Lizzy, der Band seines alten Kumpels Phil Lynott. Mit Lynott begann der 1952 in Belfast geborene Moore 1969 seine professionelle Karriere in der gemeinsamen Band Skid Row (nicht zu verwechseln mit der amerikanischen Hair-Metal-Band!). Die ersten beiden Skid-Row-Alben ließen jedoch nicht die Charts erbeben, woraufhin sich Gary Moore 1972 flugs wieder verabschiedete, seine eigene Gary Moore Band startete, mangels Erfolg wieder einstellte und 1974 bei Thin Lizzy anheuerte, wo er insgesamt dreimal an Bord war, es aber auch nie lange aushielt.

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Gary Moore: Ein Leben für den Rock'n'Roll
Die Liste der Projekte, Bands und Kollaborationen, denen sich Moore in den letzten Jahrzehnten widmete, ist lang und wechselhaft. Konstant war nur sein Ruf als virtuoser Meistergitarrist. Was Gary Moore aber nur bedingt glücklich machte, da er Rockmusik auf Dauer als zu einengend empfand, wie er in diversen Interviews verkündete. Männer über fünfzig, die immer noch Rocksongs aufführten, die sie in ihren Zwanzigern schrieben, fand er "würdelos". Man sei eben ab einem gewissen Alter nicht mehr der Typ, der Mädchen vor der Tür eines Rockclubs vögelt, sagte er einmal. Auch um "erwachsen zu werden", experimentierte Moore mit allerlei Genres von Celtic Rock über Jazz Rock, Blues und später - zur völligen Irritation vieler Fans - sogar mit Techno-Beats.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten war Moore mit Blues-Alben wie "Still Got The Blues" oder "After Hours" zu Beginn der neunziger Jahre enorm erfolgreich und landete mit dem Song "Still Got The Blues (For You)" den wohl populärsten Bestseller seiner Karriere. Überraschenderweise wurde er zehn Jahre später von der obskuren Krautrockband Jud's Gallery erfolgreich wegen Urheberrechtsdifferenzen bei "Still Got The Blues" verklagt.

Ansonsten blieb der Musiker Gary Moore Zeit seines Lebens spektakulär unspektakulär. Im Gegensatz zu vielen seiner prominenten Freunde wie Phil Lynott, Ginger Baker und Konsorten schlug er gegen alle Klischees nie über die Stränge, lieferte keine wilden Geschichten über Drogen- und Sexexzesse.

Der Privatmensch Moore blieb stets im Schatten des Musikers Moore. Als er einmal von einem Kollegen gefragt wurde, über welche Frau er denn "Still Got The Blues" geschrieben habe, antwortete er nur amüsiert, dass er das im Leben nie ausplaudern würde: "Dass Musik auch mit Respekt und Würde zu tun hat, wird oft vergessen."

Am Sonntag starb Gary Moore mit 58 Jahren unter nicht geklärten Umständen in einem Hotelzimmer an der spanischen Costa del Sol.



insgesamt 62 Beiträge
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Reyno 07.02.2011
1. Guter Rock
Hatte in den 80ern selber 2 LP's von Moore - Run for Cover und Wild Frontier - beide Scheiben vollgepackt mit melodischem und teils temporeichem Rock. Die Ziehung meines Weißheitszahnes erfolgte damals an einem Freitag, und tatsächlich war mein damaliger Zahnarzt (Typ umgeschulter Maurer) wohl Gary Moore's Musik nicht abgeneigt. Jedenfalls wurde die doch hebelartige und handwerklich doch fordernde Entfernung meines Zahnes mit "I've got friday on my mind" untermalt :-) Gary Moore war einfach ein Virtuose auf seiner Gitarre. Ebenso war er durch seine eher introvertierte Art ein sympathischer Zeitgenosse. Ruhe in Frieden Gary.
richtigsteller72 07.02.2011
2. Only the good die young!
... in diesem Sinne: Gary, rock den Himmel!
loeweneule, 07.02.2011
3. nee
Zitat von sysopSeine Fans bewunderten ihn als virtuosen Rockgitarristen. Doch Gary Moore war weit vielseitiger: Er experimentierte mit Stilen, arbeitete mit zahllosen Musikern zusammen und widersprach als Privatmensch den Rock'n'Roll-Klischees. Dennoch wurde er nicht alt - mit 58 Jahren starb er in Spanien. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,744037,00.html
Hm, naja. Bezieht sich auf den Artikel, nicht auf den untadeligen Verstorbenen. Wenigstens die Zusammenarbeit mit Jon Hiseman bei Colosseum II hätte noch reingehört. Und für welche Exzesse ist denn der Schlagzeuger Ginger Baker bekannt? Habe ich da etwas versäumt in all den Jahren? Er soll ein ziemlich unleidlicher Bursche sein, aber sonst?
Haller 07.02.2011
4. Obskur ist vielleicht der Autor...
aber nicht die Band Judds Galery - Frechheit so was zu schreiben! Gary Moore war weiß Gott ein Virtuose mit tollen Aufnahmen, aber den richtigen Blues hat er nie gespielt. John Mayall nannte seine Stücke "Kaufhaustreppen-Blues".
resimmbe 07.02.2011
5. Colosseum II war...
Zitat von loeweneuleHm, naja. Bezieht sich auf den Artikel, nicht auf den untadeligen Verstorbenen. Wenigstens die Zusammenarbeit mit Jon Hiseman bei Colosseum II hätte noch reingehört. Und für welche Exzesse ist denn der Schlagzeuger Ginger Baker bekannt? Habe ich da etwas versäumt in all den Jahren? Er soll ein ziemlich unleidlicher Bursche sein, aber sonst?
noch vor Thin Lizzy.Selbst mich als Gitarristen,hat er Anfang der 70er bei einem Livekonzert in Wuppertal begeistert.In einem Soloauftritt während des Konzertes spielte er mehrere Titel Klassik. Schade um einen Supermusiker.
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