Zum Tod Geri Allens Mit Eigensinn und Groove

Sie begleitete nie, ließ sich höchstens begleiten: Die Jazzpianistin Geri Allen spielte sich fernab des Mainstreams zu einer der Größten ihres Fachs hoch. Nun ist sie unerwartet mit 60 Jahren gestorben.

Geri Allen
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Geri Allen

Ein Nachruf von


Ein Schock ging am Dienstag durch die in den sozialen Medien gut vernetzte Jazz-Szene. Die Pianistin Geri Allen sei schwer erkrankt, hieß es in einem Statement ihrer Plattenfirma, man solle für sie beten. Am späten Abend dann kam die Todesnachricht.

Geri Allen hatte vor zwei Wochen erst ihren 60. Geburtstag gefeiert, es gab Porträts in wichtigen US-amerikanischen Zeitungen, die eine erste Quintessenz ihrer Karriere und ihres Einflusses wagten. Kaum einer der jüngeren Klavierstars der Szene sprach und spricht nicht in höchster Anerkennung von ihr, bei einigen ist ihr stilistischer Einfluss kaum zu überhören: Jason Moran, Vijay Iyer, Ethan Iverson, Craig Taborn, aber auch bei den jungen Kolleginnen wie Kris Davis oder Angelica Sanchez ist der Allen-Touch zu spüren. Der plötzliche Tod riss die Pianistin aus ihrer Lehrtätigkeit an der Universität von Pittsburgh, ihr Tourneeplan war voll bis ins nächste Jahr.

Als Allen, in den frühen Achtzigerjahren von Detroit nach New York gezogen, auf der Szene erschien, dominierten andere das pianistische Jazzfeld, allesamt Männer natürlich: Herbie Hancock, McCoy Tyner und Chick Corea waren Mainstream und hatten ihre Nachfolger. Kommerziell bekam das Genre gerade wieder gepflegten Aufwind, allzu schräg durfte die Musik aber nicht klingen.

Unter Querköpfen

Geri Allen ging einen anderen Weg, der früher ansetzte und weiter führte. Die trancehaften, repetitiven Strukturen und minimalen Verzierungen des Gospels waren deutlich hörbar, auch eine Liebe für die großen sperrigen Einzelgänger im Klavierjazz: Thelonious Monk, Herbie Nichols und - auch als Einzelkämpferin im Machoverein des Jazz ein Vorbild - die große Mystikerin Mary Lou Williams.

Zum Einsatz kam das alles aber erstmals im jungen Haufen der M-Base-Szene um Steve Coleman und Cassandra Wilson, die melodischen Eigensinn mit ungeraden, aus dem Funk und Hip-Hop geborgten Rhythmen verbanden. Wilson wurde als Sängerin sofort zum Star - Geri Allen behauptete sich erst einmal abseits der großen Bühnen unter den Querköpfen der Szene, die sich in ihr Spiel verliebten.

Sie spielte in Trios mit den Miles-Davis-Begleitern Ron Carter und Tony Williams und mit den Jarrett-Gefolgsleuten Charlie Haden und Paul Motian - und wie anders klang ihr kantiges, über Ecken und Zäsuren fließendes Spiel als die ausufernden Jarrett-Rhapsodien. In den Neunzigern schließlich holte der größte Eigenbrötler des Jazz überhaupt Geri Allen in seine Band: Ornette Coleman, der vorher fest davon überzeugt war, dass seine Musik auf Klavierbegleitung verzichten könne.

Wunderbare Komplizinnen

Geri Allens Spiel war alles andere als "lieblich", "elegant" oder was sonst einige unter "weiblichen Zugängen" zum Jazz verstehen. Dunkel rollende Arpeggien, große Gesten, kompliziert ineinanderfließende, durchaus atonale Läufe, behaupteten große Autorität vom ersten Ton an, glühten auf geheimnisvolle Weise. Aber all das floss immer wieder in Grooves, wie auch Allens von seiner ganzen Grundanlage her eigensinniges Spiel immer so gerade noch mainstreamtauglich blieb.

Als Instrumentalistin ist sie keine Kompromisse eingegangen, hat nie einfach nur begleitet, sondern sich in der Regel begleiten lassen - mit Ausnahme vielleicht der ebenso dominanten Sängerin Betty Carter, der sie wunderbar komplizinnenhaft zuspielte. Weibliches Zusammenspiel war für Allen eine politische Haltung, wie zuletzt auch im Mosaic-Projekt der Drummerin Terri Lyne Carrington, die mit der Bassistin Esperanza Spalding und diversen Sängerinnen eine der wenigen All-Women-Bands auf die Beine stellte.

Gern hätte man noch verfolgt, wie sich Geri Allen in ihrer dritten Lebensphase weiterentwickelt hätte, welchen Eigensinn sie dem Jazz noch hätte beibringen und ihn bei jungen Musikerinnen noch hätte fördern können. Ethan Iverson, der Pianist des erfolgreichen Jazztrios The Bad Plus, schrieb in einem Geburtstagsständchen, das nun zum Nachruf wurde: "Es gibt im Jazz eine Zeit vor Geri Allen und eine Zeit nach Geri Allen. So wichtig ist sie."

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