Zum Tode von Joe Zawinul Virtuose in Schwarzweiß

Für solche Musik muss man "innerlich frei sein, man muss Joe Zawinul sein": So rühmte Miles Davis einmal den heute verstorbenen Pianisten aus Wien. Der stellte sich dem Vorbild auf die Schultern - und blickte in die Zukunft des Jazz.


Dass er als Musiker nach Amerika gehen würde, hat er schon als 17-Jähriger geträumt. In Filmen wie "Badende Venus" sah er "diese Villen, diese wunderbaren Swimming Pools", während es im Wien der Nachkriegszeit "nie genug zu essen gab". Und "ein wirkliches Superfrühstück" genoss er zum ersten Mal in einem Club der US-Army. Dort spielte Josef Erich Zawinul Akkordeon in einer Hillbilly-Band.



Dabei hätte der Arbeiterjunge mit Sinti-Vorfahren, der am 7. Juli 1932 geboren wurde, einen ganz anderen Weg gehen können. Zawinul war 1949 zum Pianistenwettbewerb nach Genf eingeladen, den zuvor Friedrich Gulda gewonnen hatte. Doch irgendwann hatte er keine Lust mehr "acht Stunden täglich Beethoven" zu üben. Improvisierte Musik reizte ihn mehr; folgerichtig landete der hochbegabte Jugendliche in der aufblühenden Wiener Jazz-Szene. Seine rasante Entwicklung dort erklärte Zawinul mit seinem Motto: "Du trittst als Schwächster in eine Band ein und verlässt sie als Stärkster".

Sein amerikanischer Traum erfüllte sich, als der junge Musiker im Jazzmagazin "Downbeat" eine Ausschreibung für Stipendien an der Bostoner Berklee School of Music fand. Zawinul schickte eine seiner Schallplatten dorthin und wurde genommen. Aus dem Studienbesuch wurde ein fast lebenslanger US-Aufenthalt. Denn schon nach weniger Wochen in Boston engagierte ihn der Star-Trompeter Maynard Ferguson. Der Österreicher erhielt eine Green Card.

Es folgte eine Engagement im Trio der Sängerin Dinah Washington. Die afroamerikanische Diva beschrieb ihren Pianisten als Musiker "with the touch of George Shearing and the soul of Ray Charles" – Zawinuls Spielweise glich der des weißen Pianisten George Shearing, seine Seele der des Schwarzen Ray Charles.

Afroamerikanischer Schmäh

Zu den Schwarzen fühlte sich Zawinul hingezogen, denn die spielten die Musik am besten, die er am meisten liebte. Zudem amüsierte er sich über den Humor der Afroamerikaner, der ihn an den Wiener Schmäh erinnerte. Zu vielen Freundschaften mit Schwarzen kam seine persönliche Bindung; er heiratete eine Afroamerikanerin. Im Cannonball Adderly Sextet reiste er als einziger weißer Musiker durch die USA und erlebte zuweilen noch, dass die Band im Auto übernachten musste, weil das Hotel angeblich ausgebucht war. Zawinul spielte im Adderly Sextet neben dem Piano auch das Fender-Rhodes-Keyboard und landete mit seiner Komposition "Mercy, Mercy, Mercy" einen Welthit.

"Um solche Musik schreiben zu können", notierte Miles Davis, "muss man innerlich frei sein, muss man Joe Zawinul sein mit zwei braunen Kindern, einer schwarzen Frau, zwei Klavieren; muss man aus Wien sein, ein Krebs und Klischee-frei". Davis engagierte Zawinul für die Produktion seiner Alben "In a Silent Way" und "Bitches Brew"als Komponist und Keyboarder.

Angebote, in Davis' Band einzutreten, lehnte Zawinul ab. Wahrscheinlich wären die beiden starken Persönlichkeiten auf die Dauer nicht miteinander ausgekommen, obwohl sie sich zutiefst achteten. "Miles ist der Vater", sagte Zawinul, "und wir sind seine Söhne. Aber selbst, wenn man klein ist und auf Vaters Schultern steht, kann man weiter blicken als er. So ist es auch mit uns."

Musik, wechselhaft wie das Wetter

Zawinul bestimmte die Entwicklung des Jazz mit, als er 1971 zusammen mit dem Saxofonisten Wayne Shorter die Jazzrockband Weather Report gründete. Wie das Wetter sollte sich die Musik der Gruppe ständig ändern. Dabei baute Zawinul auf die neuen Möglichkeiten durch die Elektronik. Seine Devise lautete "spiele elektrisch, klinge akustisch". Den Synthesizer verglich er mit dem Akkordeon: Beide Instrumente "verfügen über eine Anzahl verschiedener Register, mit denen man die Klangfarbe verändern kann". Weather Report faszinierte über die Jazzgemeinde hinaus die Rockfans und wurde weltweit gefeiert. Zawinul komponierte weitere Hits wie "Birdland".

In den Jahren nach Weather Report reiste der Musiker mit Wohnsitz in Los Angeles und Wien mit dem "Zawinul Syndicate" durch die Welt. Neben den elektronischen Möglichkeiten interessierten ihn nun zunehmend Perkussions-Stile aus aller Welt. In den verschiedenen Besetzungen seiner Band gab es immer wieder herausragende Perkussionisten aus Afrika. Seine Musiker hätten alle seine Söhne, wenn nicht gar Enkel sein können.

Der Jazz- und Rockmusiker Joe Zawinul hat auch symphonische Werke geschrieben, darunter 1998 ein Memorial "Mauthausen – Vom großen Sterben hören" zum 60. Jahrestag des Baubeginns am Konzentrationslager Mauthausen.

Bis zu seiner Krankheit war Joe Zawinul ein glücklicher Mensch. In einem Interview 2002 sagte er dem SPIEGEL: "Manchmal denke ich, ich träume, wenn ich von meinem Haus in Los Angeles auf die Santa Monica Bay blicke." Heute starb er im Alter von 75 Jahren in Wien.



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