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Zweites ESC-Halbfinale Bälger machen Pop

Wo ist das Jugendamt, wenn man's braucht? Im zweiten Eurovision-Halbfinale setzten sich die favorisierten Triebstau-Tänzer von Jedward durch - und das Finale dürfte nun zum Showdown der singenden Pop-Blagen werden. Schon jetzt steht also fest, wer den ESC 2011 prägt: Kinderkarrieristen.

Oh, ein Erwachsener! Dino Merlin trägt einen schönen gestutzten grauen Bart, sieht auch sonst aus wie ein Professor für Geschichte und besitzt das im Vergleich zu allen anderen Wettbewerbsteilnehmern biblische Alter von 49 Jahren.

Schunkel-di, schunkel-da: Der Vertreter von Bosnien-Herzegowina, der am Donnerstag das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC) eröffnet, spielt mit "Love in Rewind" eine Folkpopnummer, die auch dem Grand Prix 1971 oder 1991 gut gestanden hätte. Mit einer Pianistin, die ihr Instrument bedient, als ob sie Kuchenteig knetet, und einem lustig über die Bühne torkelnden Trompeter. Zeitlos nennt man so etwas wohl im ESC-Zusammenhang.

Natürlich wird der Mann am Ende ins Finale gewählt. Schließlich dürften sich auf ihn alle geeinigt haben, die auch Musiker jenseits der 20 schätzen. Davon existieren im aktuellen ESC-Jahrgang nur wenige. Wenn es durch den haushohen deutschen Sieg im letzten Jahr so etwas wie eine Lenaisierung des Gesangswettbewerbs gegeben hat, dann schlägt sich die nicht stilistisch nieder, sondern eben im Alter. Viele der Teilnehmer des zweiten Semifinales wirkten daher, als ob sie gerade die Hochschulreife erworben hätten. Einige sahen noch jünger aus.

Schreckliche Bälger, wo man hinschaut

So zum Beispiel Getter Jaani, eine Castingshow-Gewinnerin aus Estland, die sich bewegte wie eine Aufziehpuppenversion von Miley Cyrus. 18 Jahre soll sie alt sein, sie ginge auch als 13 durch. Ihr Song "Rockefeller Street", den sie in Düsseldorf zwischen niedlicher Kinder-TV-Kulisse zur Aufführung brachte, ist eine überdrehte Mischung aus Doo Wop, Kaugummi-Techno und Europop-Trash.

Klar, es gab beim zweiten Semifinale auch einige gewollt reife Darbietungen, den Bausparer-Soul der Österreicherin Nadine Beiler etwa, oder den extrem kunstvollen, aber doch letztendlich kaum verfangenden A-capella-Jazzpop der belgischen Witloof Bay. Im Grunde genommen aber regierte am Donnerstag die Kindsköpfigkeit: Schreckliche Bälger, wo man hinschaute. Manchmal auch schrecklich abgeklärte Bälger.

Man nehme nur die dänischen Vertreter A Friend in London und ihren Internatspunk "New Tomorrow" - wie kalkuliert die jungen Männer doch im Anthrazit- und Silberlook ausrasteten, während sie, zugegeben, als Einzige die Riesenbühne in Düsseldorf für sich zu nutzen wussten. Eine Art "Starlight Express"-Version der Pogopopper Green Day.

Oder man nehme den schwedischen Vertreter Eric Saade, der mit "Popular" eine ziemlich anstrengende, aber überhaupt nicht geschmeidige Teentechno-Nummer vorlegte, die aussah, als hätte sie Detlef D! Soost von "Popstars" choreografiert. Am Ende hatte sich der junge Lackaffe - er wusste wohl selber nicht, wie - in eine Art Aquarium getanzt. Aus dem er aber leider wieder sehr schnell befreit wurde.

Wo bleibt der Mitleidsbonus?

Oder man nehme das lettische Duo Musiqq, dessen Mitglieder gerade erst vor dem ESC - ganz im Stile von Lena - das Abi gemacht hatten. Ach, wären die beiden doch gleich danach auf die Uni gegangen! Doch nun hatte sie da ein windiger Manager in die mit roten Fliegen und weißen Westen bei weitem scheußlichsten Kostüme des Abends gesteckt, auf dass sie eine ölige, aber doch überhaupt nicht fluide Folk-Rap-Nummer mit dem Titel "Angel in Disguise" vortragen. Sie hätten eigentlich den Mitleidsbonus bekommen müssen, kamen aber trotzdem nicht ins Finale.

Locker rein in die Endausscheidung am Sonnabend lümmelten sich wie erwartet die irischen Zwillinge von Jedward, von denen man nicht genau weiß, ob sie 14 oder 104 sind. Denn so manisch minderjährig sie auch auftreten, ihre Show scheint unendlich weise konzipiert. Ihr Auftritt in Düsseldorf, für den sie mit bausteinartigen roten Schulterpolstern über die Bühne sprangen, mutete an wie ein Aufstand im Legoland. Doch mit welcher Präzision diese Pubertätsmonster ihre Entfesselung betrieben: Hochleistungsunterhaltung von Halbwüchsigen.

Wo ist eigentlich das Jugendamt, wenn man es braucht?

Das ist vielleicht die interessanteste Entwicklung beim ESC 2011: Es gibt eine Infantilisierung bei gleichzeitiger absoluter Professionalisierung. So fügen sich die Triebstau-Tänze von Jedward bei aller Eigenheit bestens zu den beiden anderen Favoriten des diesjährigen Musikwettbewerbs. Denn Lena ist trotz allzeit zur Schau getragener "Ich bleib so, wie ich bin"-Schnute der zäheste und ambitionierteste hiesige Jungstar seit der frühen Caterina Valente. Und dann ist da ja noch der pausbackige finnische Überflieger Paradise Oskar, der große Hoffnungsträger aus dem ersten Halbfinale.

Der Samstag, er wird zweifellos ein Showdown der hardest working kids in showbiz: So kindisch, so karrieregeeicht wurde noch auf keinem anderen Eurovision Song Contest musiziert.

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