Zweites ESC-Halbfinale Endlich werden wieder die richtigen Fragen gestellt

Queere Cowboys, royale Haarpflegeprodukte und eine neue Marina Abramović: Das zweite Halbfinale des ESC zeigt viel semiotisches Schurliwurli – und dürfte sich stärker ins Gedächtnis einbrennen als die erste Vorrunde.
Wenn sie hinfällt, steht sie wieder auf. So einfach ist es nämlich, endlich sagt’s mal wer: Emma Muscat aus Malta

Wenn sie hinfällt, steht sie wieder auf. So einfach ist es nämlich, endlich sagt’s mal wer: Emma Muscat aus Malta

Foto: Filippo Alfero / Getty Images

Ist das ein stilisiertes Pfauenrad, ein abschwirrbereiter Riesenpropeller oder doch eine portable Messerwerferscheibe, die sich Vladana aus Montenegro da auf den Rücken geschnallt hat? Wer dreht den Western, in dem sich der Classic Cowboy Stefan aus der klassischen Cowboyheimat Estland und der Queer Cowboy Achille Lauro aus der traditionsreichen Bullenreiternation San Marino duellieren? Welche Wundercreme benutzt der Sänger der finnischen Band The Rasmus, um neben nicht wegzuleugnender frisurtechnischer Altersmauser zumindest im Gesicht noch genauso babyglatt auszusehen wie 2003 bei ihrem Hit »In the Shadows«? Und referenziert schließlich Nadir Rustamli, der (zur Abwechslung mal) bärtige Schmerzensmann aus Aserbaidschan, mit seinem hadernden, einsamen Liegepäuschen auf einem Treppenaufbau tatsächlich die ebenfalls einsame und hoch gelagerte »Durch den Monsun«-Haderszene von Judas in »Die Passion«? 

Das zweite Halbfinale des diesjährigen ESC stellt endlich wieder die Art von relevanten Fragen, für die man dieses drollige Deutungsspektakel Jahr für Jahr so gerne einschaltet. Tatsächlich dürften aus dieser Vorrunde mehr Auftritte in Erinnerung bleiben als aus der ersten, doch sehr barmelastigen Hälfte am Dienstag. Zum Beispiel der so erratische wie energische serbische Beitrag von Konstrakta, die dauerhändewaschend den Marina-Abramović-Beitrag des Abends leistete und umringt von frottiergierigen Wellnesspriestern das Gesundheitssystem ihres Landes kritisierte und dabei auch noch die Haarpflegeprodukte von Meghan, Herzogin von Sussex, erwähnte – mehr semiotisches Schurliwurli kann man nun wirklich nicht in einen dreiminütigen Auftritt pressen.

Der Marina-Abramović-Beitrag des Abends: Konstrakta aus Serbien

Der Marina-Abramović-Beitrag des Abends: Konstrakta aus Serbien

Foto:

Filippo Alfero / Getty Images

Sie darf dieses komplexe Kunstwerk im Finale am Samstag noch einmal aufführen, bitte bereiten Sie sich entsprechend darauf vor, indem Sie die »biti zdrava«-Klatsch-Klatsch-Stelle schon mal trocken einstudieren. Weiter sind auch The Rasmus, der Treppenmann aus Aserbaidschan und der Classic Cowboy aus Estland, der Ennio Morricone und Tom Astor vermählte, aber in a good way. Sein queerer Kollege aus San Marino hätte bei einem Prä-Måneskin-ESC  sicher gute Finalkarten gehabt, dieses Jahr aber wirkte sein Sexrockversuch leider doch etwas zu epigonenhaft. Vielleicht kostete ihn auch die Bildregie wertvolle Stimmen, die lieber die Bodenturnkür seines Gitarristen zeigte, während er, meist nur im Hintergrund zu sehen, auf einem rotsamtenen elektrischen Bullen ritt.

So einfach ist es nämlich, endlich sagt’s mal wer

Eine gewisse Komik gewann der ansonsten grundhumorlose Beitrag aus Malta durch die herrlich salzige Anmoderation des unverwüstlich kommentierenden Peter Urban: Er wies darauf hin, dass die Sängerin Emma Muscat aus einer der reichsten Familien des Landes stammt und über ein geschätztes Vermögen von 80 Millionen verfügt. Jedes Mal, wenn sie hinfalle, singt sie in »I am what I am«, erinnere sie sich einfach daran, wer sie sei: »And I'll get back up again, gettin’ up, gettin' up, yeah-eah«. So einfach ist es nämlich, endlich sagt’s mal wer. Das Finale bleibt ihr trotz dieses patenten Ratschlags verwehrt.

Dafür schaffte es der australische Beitrag, ein herrlich überkandidelter von Sheldon Riley in ausladendem, weißem Federschleppenkleid, der erst spät im Lied seinen Gesichtsvorhang aus Diamantenschweiß lüftet. Auch WRS aus Rumänien wird am Samstag noch einmal zu Elektro-Kastagnetten die einprägsame Zeile »Hola, mi bebébé« singen und dazu eine hübsche Neuinterpretation des »Dirty Dancing«-Tanztraining-Sandwiches aus Johnny, Baby und Penny zeigen. Schweden, Polen und Tschechien sind ebenfalls weiter. Schade ist es um den ausgeschiedenen Schräg-Indie aus Georgien, bei dem Circus Mircus die spektakulärst verballerten Bühnenoutfits trug – inklusive Microgreens-Anzucht im Musikantenbart. Vielleicht wäre das eine schöne Selfcare-Idee für all die gesichtsbehaarten traurigen Männer dieses Jahrgangs.

Interessant wird am Samstag neben der Frage, ob der ukrainische Beitrag aus politisch-empathischen Gründen wirklich schon als Gewinner gesetzt ist, auch eine vergleichsweise nebensächliche, dennoch spannende modische Frage: Sendet Moderator Mika in den zwei Halbfinalen ein Solidaritätssignal, indem er den schnittgleichen Anzug in der ersten Vorrunde in Blau und nun in Gelb trug – oder wird er mit einer sportlichen Zahl von Kostümwechseln im Finale farblich noch einen kompletten Regenbogen nachbauen?