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BIOGRAFIEN »Musil ist unser Hausheiliger«

Der Journalist Karl Corino, 60, über sein obsessives Verhältnis zum österreichischen Schriftsteller Robert Musil (1880 bis 1942)
aus DER SPIEGEL 41/2003

SPIEGEL: Herr Corino, Sie haben 36 Jahre an einer Biografie über Robert Musil gearbeitet. Ihre Recherchen begannen 1966/67 mit der Katalogisierung des Nachlasses in Rom, erst im Mai dieses Jahres haben Sie Ihr 2000-Seiten-Werk abgeschlossen. Sind Sie von Musil besessen?

nCorino: Ich fürchte schon. Es war eine Faszination von Anfang an.

n n SPIEGEL: Warum musste es ausgerechnet der sperrige Klassiker Musil sein?

nCorino: Ich bin Bauernsohn aus Franken und hatte 1959 mein Schlüsselerlebnis: Da las ich eine Musil-Passage, in der er auf eine für mich verblüffend exakte Weise Rinder im Morgenlicht beschreibt: Die Rinder lagen »auf den Wiesen halb wach und halb schlafend. In mattweißen steinernen großen Formen lagen sie auf den eingezogenen Beinen, den Körper hinten etwas zur Seite hängend; sie blickten den Vorübergehenden nicht an, noch ihm nach, sondern hielten das Antlitz unbewegt dem erwarteten Licht entgegen?.

nSPIEGEL: Musil gilt inzwischen als einer der wichtigsten Repräsentanten deutschsprachiger Literatur, kann aber mit der Popularität seines Zeitgenossen Thomas Mann nicht mithalten. Wollten Sie Musil seinem Konkurrenten gegenüber aufwerten?

n Corino: Das Verhältnis zwischen Mann und Musil trägt in der Tat tragische Züge. Musil kam immer ein bisschen zu spät. Er war fünf Jahre jünger als Mann und hat sich zum Beispiel vom »Zauberberg? gehörig in seiner Arbeit verunsichern lassen. Ich habe die historische Ungerechtigkeit gegen Musil stark empfunden, das war sicherlich auch ein Impetus meiner Arbeit.

nSPIEGEL: Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat kürzlich Musils unvollendetes Hauptwerk »Der Mann ohne Eigenschaften? als misslungen bezeichnet und Musil selbst als gehässig. Wie haben Sie diesen Angriff auf das Objekt Ihrer Begierde verkraftet?

Corino: Ich habe mit Reich-Ranicki ein paarmal telefoniert, als er an dem Musil- Aufsatz saß, und ich merkte schon, dass er beratungsresistent ist. Aber ich kann ihm in seinem Urteil nicht zustimmen. Mich hat zum Beispiel Musils Bildlichkeit immer fasziniert: Wenn er Diotima mit einem »jungen Rind? vergleicht, das »die trockenen Gräser betrachtete, die es ausrupfte?, gefällt mir das - auch aus den eben genannten Gründen. Reich-Ranicki aber kann darin nur sprachliche Entgleisungen sehen. Er rügt auch das Nicht-Fertigwerden, das Sich-Verlaufen im Essayistischen, was ich immer als sehr modern empfunden habe. n

nSPIEGEL: Wenn ein Romancier eine Figur sterben lässt, kann er mitunter sehr leiden. Was empfanden Sie, als Sie Musil im vorletzten Kapitel ihrer Biografie in den Tod verabschieden mussten?

nCorino: Ich kann Ihnen sagen, dass dieses Ereignis zumindest von meiner Frau herbeigewünscht wurde. Ich arbeitete größtenteils im Souterrain an dem Buch, und meine Frau trat manchmal auf den Treppenabsatz und rief herunter: »Ist er endlich tot?? Ich musste lange sagen: »Nein, er röchelt noch.?

n SPIEGEL: Ihre Frau Elisabeth hat - wie auch Sie - Ihre Doktorarbeit über Musil geschrieben. Führen Sie eine Ehe zu dritt?

Corino: Wahrscheinlich. Ohne Musil hätten wir uns nie kennen gelernt, ohne ihn gäbe es also unsere Kinder und Enkel nicht. Er ist zu einer Art Hausheiligem geworden. Wir haben ihm jetzt in unserem Garten ein Denkmal errichtet. Musil selber hat ja kein Grab, seine Witwe verstreute seine Asche am Rande zweier Genfer Gärten. Und nun haben wir ihm eine Art Ruhestätte bereitet: einen Bronzeabguss seiner Totenmaske auf einer Steinplatte. Da ist er jetzt, zwischen Farnsträuchern, um ihn selber zu zitieren, »bescheiden zur Natur zurückgekehrt wie ein weggeworfener Schuh?. Interview: Susanne Beyer

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