Zur Ausgabe
Artikel 75 / 93

AUTOMOBILE / LUXUS WAGEN Mustang für Reiche

aus DER SPIEGEL 8/1968

Gesehen hatte ihn keiner. Hörensagen allein erweckte das Verlangen, ihn zu besitzen. Hunderte von Käufern zückten bedenkenlos ihre Scheckbücher und bestellten blindlings eine Automobil-Neuheit, von der sie nicht einmal den genauen Preis kannten. Die meisten überwiesen 10 000 Dollar (40 000 Mark).

Von Entertainer Sammy Davis bis zum Schah der Perser haben Nobilitäten jeder Couleur, aber auch Massen amerikanischer Geschäftsleute, den neuen Continental Mark III der Ford-Firma Lincoln gekauft. Er wird in dieser Woche auf einer Champagner-Party in Chicago erstmals gezeigt, soll von April an produziert werden und ohne Extras in den USA 8000 Dollar (32 000 Mark) kosten.

Die Ford-Ingenieure verliehen dem Wagen ein ungewöhnliches Gesicht. In einer Zeit, da selbst Fließband-Vorarbeiter und biedere Hausfrauen nach Antiquitäten fahnden, wenden sich die Lincoln-Stylisten erstmals nach über drei Jahrzehnten wieder einem funktionellen Bauteil zu, das amerikanische Autokäufer bisher nur an einigen Importautos wie einem Rolls-Royce oder einem Mercedes-Benz bewundern konnten. Vor dem Zweiten Weltkrieg schon hatten Amerikas Autobauer den Kühler unter die Motorhaube verbannt und hinter immer neuen Formen chromfunkelnder Grills versteckt. Lincoln holte ihn jetzt ans Tageslicht zurück und kombinierte ihn mit modernen Schlafaugen-Scheinwerfern.

Mit diesem Stil-Gemisch läßt Ford seinen 5,65 Meter langen und 220 km/h schnellen Luxuskreuzer, dem auf Wunsch fünf Stereo-Lautsprecher installiert werden, in einen rasch wachsenden, besonderen Markt einscheren. Seine Käufer verlangen zweitürige, sportliche Kolosse, die teuer sind und auch so aussehen sollen. Der Trend entwickelte sich aus dem Hang des Massenpublikums zu preiswerten Jedermann-Sportwagen wie dem Ford Mustang. »Wall Street Journal« nannte den Mark III »einen Mustang für die Reichen«.

Ford ist überzeugt, vom Continental Mark III schon im ersten Produktionsjahr mindestens 15 000 Wagen verkaufen zu können.

Detroits Größter, General Motors, verkaufte auf diesem Markt 1967 rund 20 000 Exemplare seines 26 500 Mark teuren Sondermodells Eldorado der Marke Cadillac. Konkurrent Chrysler bemüht sich, eilends einen geeigneten Typ zu entwickeln -- nach ersten Indiskretionen aus dem Styling-Studio mit einer klassischen Kühlerattrappe wie Ford.

Der Verkaufserfolg des Mark III beruht nach Ansicht von Fachleuten in Detroit nicht zuletzt auf einer Kopie: Ford habe, wie sich schon vor der Premiere herumsprach, in flacherer Form den ehrwürdigen Rolls-Royce-Kühler nachgebaut.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 75 / 93
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.