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AUSSTELLUNGEN Mut zum Anfassen

Mit Herrscherbildern und Karikaturen, Geschütz- und Wasserleitungsrohren, der Uniform des Alten Fritz und der des Hauptmanns von Köpenick unternimmt die Berliner Preußen-Ausstellung den »Versuch einer Bilanz«.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Das Kornfeld vor dem Museum ist ein Ausstellungsstück und gibt dem Besucher den ersten Fingerzeig: Agrarland Preußen.

Drinnen, im zentralen Lichthof des Gebäudes, sind dann Dampfmaschinen, Webstühle und Gasmotoren zwischen noblen Skulpturen arrangiert: Industriestaat Preußen, durch Kunst verbrämt. Als Erzeugnis des Gewerbefleißes dräut auch eine (in Holz nachgebildete) Krupp-Kanone, und über allem soll, an einem Ballon, der König Wilhelm zu Pferde schweben.

Mit solchen Kontrasten und schillernden Facetten versuchen Berliner Ausstellungsmacher ein heikles, vielgesichtiges Thema anschaulich zu vermitteln: »Preußen -- Versuch einer Bilanz«, dieses seit vier Jahren heftig umstrittene Schau-Projekt stellt sich vom kommenden Wochenende an bis zum 15. November der Öffentlichkeit. Manches, was daran attraktiv und was problematisch ausfallen könnte, zeichnete sich beim Aufbau im einstigen Kunstgewerbemuseum schon vorweg ab.

Daß »Preußen«, mit ebensoviel vaterländischer Nostalgie wie demokratischem Abscheu besetztes Reizwort, ein S.133 großes Publikum auf die Beine bringen kann, ist kaum zu bezweifeln. Daß Geschichte und Tradition dieses Staates Stoff zu vielen Büchern, Reden und Diskussionen hergeben, steht fest. Daß weder Huldigung noch pauschales Verdikt dem Phänomen gerecht wird, ist eine Binsenwahrheit. Aber inwiefern läßt Preußen sich eigentlich ausstellen?

Gottfried Korff, aus dem Rheinland nach Berlin geholter Museumsmann, der mit dem wissenschaftlichen Segen des Mannheimer Geschichtsprofessors Manfred Schlenke Preußen optisch aufzubereiten hatte, sah sich vor lauter Handicaps. Daß sich »mit Historikern ja keine Ausstellung machen« läßt, ist dem Volkskundler ebenso gewiß wie der Glaubenssatz, Ausstellungen könnten keine Kenntnisse eintrichtern, sondern allenfalls »belehrend unterhalten«. Eine Kunst-Schau verbot sich wegen kultureller Dürre des Landes und aus Bedenken gegen ein verklärendes Preußen-Fernbild.

In solchen Skrupeln steckt Kritik am Vorbild der Preußen-Ausstellung: Die 1977 in Stuttgart präsentierte »Zeit der Staufer«, von der Regierung Filbinger gegen den historischen Sachverhalt als eine Art Selbstdarstellung Baden-Württembergs ausgemünzt, hatte bei anderen Landesfürsten Nachahmungstriebe geweckt -- so bei Berlins damals Regierendem Bürgermeister Dietrich Stobbe. Daß sein Preußen-(nicht etwa Hohenzollern-) Vorschlag mehr »Mut zum Anfassen von Geschichte« (Stobbe) erforderte als der Stuttgarter Ausflug ins Mittelalter, mußte ihm freilich gleich klar sein.

Greifbar oder zumindest anschaubar wird eine preußische »Bilanz« nun dort am besten, wo sich historische Aspekte fast ohne Zutun der Ausstellungsmacher bündeln.

Das gilt vor allem vom Schau-Haus und seiner Lage selbst: Preußens ehemaliges Kunstgewerbemuseum, ein bedeutender spätklassizistischer Bau, ist im Zweiten Weltkrieg gründlich zerbombt, erst für »Preußen« einigermaßen hergerichtet und zum Schinkel-Jubiläum im März dieses Jahres wieder in Gebrauch genommen worden. Es liegt unmittelbar an der Sektorengrenze, so daß der alte Haupteingang nicht zu benutzen ist.

Aus einem Schauraum, in dem Bilder und Dokumente den jungen und den alten Friedrich II., Machiavelli-Kritiker und Machtpolitiker, konfrontieren, geht der Blick -- Preußen und die Folgen -- auf aktuelle Berliner Misere: die Mauer links, dahinter Hitlers Luftfahrtministerium, jetzt DDR-»Haus der Ministerien«, geradeaus der planierte Standort des Gestapo-Hauptquartiers (und am Horizont das Verlagshaus Springer).

Auch die üppige Inszenierung im Museumslichthof, das entlarvende Zusammenspiel von Genien und Kanonen, ist keine bösartige Aussteller-Erfindung. Sie ist vielmehr der Selbstdarstellung nachempfunden, mit der sich Preußen 1867 bei der Weltausstellung in Paris sehen ließ.

Neben dem Modell eines Schulhauses war unter anderem das für die Kölner Rheinbrücke bestimmte Herrscherdenkmal nach Paris geschickt und so starkes Geschütz aufgefahren worden, daß Preußen wahrhaft als »industrielles Kriegslager« (ein Schlagwort jener Tage) dastand. Ahnungsvoll zeichnete ein französischer Karikaturist einen Pickelhaubenträger, der am Ausstellungseingang -- anscheinend vergebens -- von der Garderobenfrau bestürmt wird, doch seine Waffen abzugeben.

Ähnlich wie hier dem Pariser Witzblatt »Charivari«, so ist etwa zur 1848er Revolution den zeitgenössischen »Neuruppiner Bilderbogen« ein kritischer Kommentar zur offiziösen Preußen-Darstellung zu entnehmen. Aber gegen wilhelminische Ölgemälde, die Fridericus- und Bismarck-Mythos zelebrieren, hat Aussteller Korff kein hinlängliches Gegengift parat. Ernüchternde »Depotaufhängung« soll die Wirkung S.134 der Schinken auf allzu begeisterungsfähige Betrachter dämpfen.

So laviert die Schau wohl oder übel zwischen Exponaten-Überfülle und einem Mangel, den die Verweigerung jeder Leihgabe durch die DDR noch verschärft hat.

Pompös, wenn auch nur in innerpreußischem Vergleich, sind die Monarchen bildpräsent, aber der Fund einer kompletten »Regimentsgalerie« muß schon als Glücksfall gelten: Gerade die unbeholfene Schablonenmanier, in der Wandermaler ganze Offizierskorps konterfeiten, gibt -- für das 18. Jahrhundert -- den treffenden Augenschein eines uniformierten Standes. Die gemeinen Krieger kommen, bescheidener, nur auf Zeichnungen und Stichen vor, und das preußische Exerzierreglement muß per Trickaufnahme am Monitor demonstriert werden.

Vom preußischen Zeitalter der Aufklärung geben philosophische Schriften, medizinische Instrumente sowie ein Stück holzumkleideter Wasserleitung eine Ahnung. Daß jedoch in dieser Ära, der Parallelentwicklung von zivilisatorischem Fortschritt und Obrigkeitsstaat, ein Schwerpunkt der »Bilanz« liegen soll, liest man doch wohl zuverlässiger im Katalog nach.

Die von Rowohlt verlegte Taschenbücher-Kassette

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läßt Preußen auch als einem »Bollwerk der Republikaner« (Gustav Stresemann) in der Weimarer Republik Gerechtigkeit widerfahren. Für Korff ist das, nach der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die dritte Haupt-Epoche.

Demokratisches Bestreben in Preußen war nicht nur mühsam und riskant, es hat auch kaum sehr aufschlußreiche Schaustücke hinterlassen: Gestickte Arbeiterfahnen wirken leicht nur als gemütvolles Souvenir, bei einem Bebel-Porträt mag vor allem der Leihgeber Helmut Schmidt interessieren.

Ein Objekt, das sich mit seiner Geschichte selbständig macht und eine eigene Magie entfaltet: Das braucht allerdings nicht der schlechteste Schau-Effekt zu sein. Im Berliner Preußenprogramm von, grob geschätzt, 30 Parallelausstellungen ragt die des Künstlers Daniel Spoerri (mit Marie-Louise Plessen) im Berlin-Museum heraus.

Nach einer Pariser und einer Kölner liefert Spoerri nun die preußische Version seines »Musee sentimental« voll eigentümlicher, oft skurril faszinierender Gegenstände. Vom Offiziersrock Friedrichs des Großen und der mutmaßlichen Uniform des Hauptmanns von Köpenick in der »Bilanz« ist es nur ein Schritt zum »Musee sentimental« mit der Zigarettenkippe Wilhelms II. und dem abgelegten Nachthemd des verkrüppelten Kaisers: Bei Weitergabe an einen Leibjäger wurde der kürzere linke Ärmel angestückt.

S.134Zusammen 45 Mark; Ausstellungsführer (Autor: Winfried Ranke) einzeln15 Mark; vier Bände mit ergänzenden Aufsätzen je 10 Mark.*

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