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Politiker Mutter der Erfindung

Pop-Veteran Frank Zappa plant ein Comeback: Er will Präsident der USA werden.
aus DER SPIEGEL 33/1991

Seine Augen glühten böse unter dunklen, dicken Brauen, seine Finger würgten lustvoll den Gitarrenhals. Und seine grabestiefe Stimme sang vom Sex mit Hexen, von stinkenden Füßen und anderen schlimmen Schweinereien: Wenn Frank Zappa früher auf der Bühne stand, dann sah er wie der Teufel aus - und genauso wurde er behandelt.

Das war der Mann, vor dem besorgte Eltern ihre Kinder warnten. Das war Musik, die kaum ein Radiosender zu spielen wagte. Das waren Sätze, so gemein, wie sie Amerika von seinen Entertainern sonst selten zu hören bekam.

»Kein Akkord ist häßlich genug, um all die Scheußlichkeiten zu kommentieren, die von der Regierung in unserem Namen begangen werden.« Also sprach Zappa in den späten Sechzigern, und was damals nur wie eine Provokation klang, wie altkluges, pubertäres Geschwätz - das entpuppt sich heute, mehr als 20 Jahre später, als politisches Programm.

Francis Vincent Zappa, 50 und ein Veteran der Popgeschichte, hat das Provozieren und das Protestieren satt. Er will künftig konstruktiv werden und Verantwortung tragen - und deshalb hat er nun verkündet, daß er bereit sei, im nächsten Jahr fürs Amt des amerikanischen Präsidenten zu kandidieren.

Zur Zeit, sagt Zappa, prüfe er noch die Chancen und Bedingungen für unabhängige Bewerber, er denke über Strategie und Logistik nach - und wenn er mit dem Nachdenken fertig sei, werde seine Entscheidung offiziell bekanntgegeben.

Wer Frank Zappa kennt und das Milieu, aus dem der Meister kommt, dem drängt sich natürlich der Verdacht auf, daß es sich hier um eine radikale Satire handeln muß: Schon 1968 nominierten revoltierende Studenten das Ferkel Pigasus zu ihrem Präsidentschaftskandidaten; das Schwein durfte seine Meinungen zu allen wichtigen politischen Fragen in die Mikrofone grunzen, und der Wahlslogan der Studenten forderte die historische Versöhnung von Kannibalismus und Kapitalismus: »Wir verschlingen unseren Kandidaten, bevor er uns verschlingt.«

Frank Zappa aber ist, so scheint es, wirklich seriös geworden: Er hat die langen, wilden Haare abgeschnitten, hat keine Angst vor Anzügen mehr und trägt gelegentlich Krawatten. Er äußert sich ernst zu den drängenden Fragen der Zeit, und sein arrogantes Lachen ist ihm völlig vergangen - aus gutem Grund: Der Mann, dessen Name einst ein Synonym für Avantgarde und Innovation in der Rockmusik war, hinkt heute den musikalischen Entwicklungen nur noch hinterher.

Er war 22, als das amerikanische Fernsehen ihn als hoffnungsvollen Jungkomponisten vorstellte: Zappa spielte ein Konzert für Fahrradspeichen, Pedale und Gummireifen.

Er war 24, als er die originellste Band der amerikanischen Westküste gründete - die Mothers of Invention, deren erste LP »Freak Out!« hieß und auch so klang: sehr laut, vulgär und frech und frei von aller Flower-Power-Harmonie.

Während einer Europatournee, 1971 in London, stieß der eifersüchtige Ehemann eines weiblichen Fans den verhaßten Star von der Bühne. Zappa wurde schwer verletzt, er mußte pausieren und saß ein Jahr lang im Rollstuhl - doch als er zurückkam, war er besser denn je.

Er heuerte virtuose Jazz-Rocker an, den Pianisten George Duke beispielsweise und den Geiger Jean-Luc Ponty; er schrieb Songtexte voll von schmutziger Poesie und absurdem Humor; und selbst seine sperrigen, vertrackten Gitarrensoli bewegten sich damals auf der Höhe ihrer Zeit: »Overnite Sensation« (1973), »Apostrophe« (1974) und »One Size Fits All« (1975) hießen die LPs - das war Zappa, das Genie aus Kalifornien, in seiner mittleren Schaffensperiode, der fruchtbarsten von allen.

In den späten Siebzigern aber kam der Punk, auf den Zappa nicht gefaßt war, und dem New Wave hatte er nichts entgegenzusetzen. Und all die Rapper, Rastas, Schwermetaller, die dann den Pop der achtziger Jahre spielten, konnten Zappa weder als Vorbild noch als Feindbild gebrauchen.

Der alternde Avantgardist begann aus dem Underground heraus und nach Höherem zu streben. Er wandte sich ab von Pop und Rock, eiferte lieber Alban Berg, Igor Strawinski und Edgar Varese nach, spielte eine LP mit dem London Symphony Orchestra ein und ließ seine Komposition »The Perfect Stranger« von Pierre Boulez dirigieren - was die Kritiker nicht sonderlich aufregend fanden und die Popgemeinde überhaupt nicht interessierte.

Zum Glück für Zappa gibt es alte Fans, die den Ex-Rebellen nicht vergessen haben: Vaclav Havel beispielsweise bot seinem einstigen Idol einen Job als Kulturattache der Tschechoslowakei an, was Zappa dankend annahm. Der Fernsehsender Financial News Network hält den Musiker seither für einen Experten in allen osteuropäischen Angelegenheiten, und nun darf Zappa im Abendprogramm seine Ansichten über den Moskauer Immobilienmarkt, die Produktivkraft der sowjetischen Landwirtschaft und die potentiellen Gewinnchancen westlicher Innovatoren verbreiten.

Auch zum Krieg am Golf hat Zappa eine klare Meinung: Wenn er Präsident gewesen wäre, so verriet der Gründer der »Mütter der Erfindung« einem Interviewer, dann hätte er Saddam Hussein schon rechtzeitig vor der Invasion Kuweits gewarnt.

So wurde aus der Mutter aller Schlachten der Vater eines Gedankens: Zappa träumt von einem besseren Amerika wie alle anderen Kandidaten auch. Zappa hat Millionen, die braucht er auch als Kandidat. Und Zappa hat eine gewisse Vorstellung davon, daß das Fernsehen dumm mache, die Zensur schädlich sei und der Mensch ein Recht habe auf privates Eigentum. Das reicht fast schon - ein präziseres Programm würde potentielle Wähler nur verwirren.

Sollte er die Wahl verlieren, muß es mit seiner neuen Karriere trotzdem nicht am Ende sein. Als Bewohner von Los Angeles kann er sich erst einmal um den Gouverneursposten von Kalifornien bewerben. Der ist ja, wie Ronald Reagan bewies, ein gutes Sprungbrett für Präsidentschaftskandidaten aus dem Show-Business. o

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