Zur Ausgabe
Artikel 71 / 129
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Am Rande Mystischer Knochen

aus DER SPIEGEL 35/2000

Ausgerechnet ein Mann der Harmonie droht die Nato-Partner USA und Italien zu entfremden. Es geht um den Dirigenten Riccardo Muti, 59. Der Musikchef der Mailänder Scala verkörpert, wie Pasta und Pizza, landeseigene Kultur, naturgemäß der philharmonischen Art. Nun kam dieser Maestro jüngst in New York als künftiger Leiter der Philharmoniker ins Gespräch, angeblich für zwei Millionen Dollar bei achtwöchiger Präsenz. Doch statt zu frohlocken, zählten die Krämerseelen im Big Apple Peanuts: Auf eine zwölfmonatige Arbeitszeit hochgerechnet, käme ihnen der Italiener mit rund 28 000 000 000 Lire teuer aufs Pult zu stehen. Diese banausigen Amis! Haben nicht auch Prada und Ferrari ihren Preis? Und ist der schöne Riccardo nicht jede Summe wert? Diese biegsame Figur; diese weiche Fülle des wirbelnden Haars; schließlich das elegante Brio der oberen Extremitäten, wo jeder Kapellmeister nur krudes Handgemenge vorführt. Doch die New Yorker zögerten, der Kandidat sagte ab. Muti, »der falsche Mann«, sei »herrisch, wenn nicht gar ausgesprochen arrogant«, nörgelte die »New York Times«, er habe die Arbeit nicht erfunden und »nicht einen mystischen Knochen im Leib«. Das, schlug anderentags »La Repubblica« zurück, sei »der Dolchstoß« - für Mutis Ansehen und das der Nation. Denn der »Times«-Kritiker hatte die Scala in einem Aufwasch als Tollhaus runtergeputzt, hinter dessen Türen »Irrsinn und Chaos« herrschten. Eine weitere Eskalation wird nun nicht mehr ausgeschlossen. Italien könnte Levi's, Amerika Chianti boykottieren. Doch auch beim schlimmsten Handelskrieg würde der unerschütterliche Muti wohl weiter schöne Männchen machen.

Zur Ausgabe
Artikel 71 / 129
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.