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FILM Mystischer Maulwurf

»EI Topo«. Spielfilm von Alexandro Jadorowsky. Mexiko 1970; Farbe; 125 Minuten.
aus DER SPIEGEL 14/1975

Alexandro Jodorowsky ist Russe, geboren in Chile, wohnhaft zwischen Mexiko, Paris und New York, und außerdem hat er's mit Gott. Genauer: Er weiß nicht, ob er Gott ist oder Gott nur haßt. Daher dichtete, inszenierte, komponierte und mimte er den Film »El Topo«, eine abend-überfüllende Gottsuche, als Sado-Western getarnt. Der Vorspann nennt die Methodik: »Der Maulwurf gräbt sich auf der Suche nach der Sonne durch die Erde.« Nach dieser Erkenntnis buddelte sich Jodorowsky durch den Bodensatz aller Mystik.

Immerhin wird nun in Farbe augenscheinlich, was mit dem lieben Gott los ist: Er sieht aus wie Charles Manson und Django, ist ein verklemmt schwuler Sadist und hat Freud gelesen. Manchmal spielt Gott Moses und ballert mit seinem Colt Sprudelfontänen aus Wüstenfelsen, gelegentlich bewirkt sein Erscheinen Karnickelpest. Konkurrenzgötter erledigt Gott mit List und Browning, und den Satan kastriert er. Denn Gott ist wie Jodorowsky christlich-orthodoxer Atheist. Als Altes Testament schleppt Gott einen splitternackten Messias mit sich und lehrt das Knäblein schießen. Als Neues Testament vermenschlicht sich Gott zu einem heruntergekommenen Clown mit einer inzuchtverkrüppelten Madonna. Als solcher gerät er in ein Westerndorf namens USA und hält dort per MP Jüngstes Gericht, ehe er sich als vietnamesischer Mönch selbst verbrennt. Gottes Wege sind rätselhaft: Wenn er eine Blutpfütze sieht, muß er durch, obwohl einen Fußtritt weiter trockene Wüste in Fülle liegt. Und Gottes Potenz läßt Eva -- eine heimliche Lesbierin -- kalt: Wenn Gott seinen Hosenlatz öffnet, ächzt das Weib: »Das ist das absolute Nichts.«

Davor aber hat Jodorowsky offenbar Angst, denn »El Topo« geriet ihm zum hemmungslosesten Effekthaufen der Filmgeschichte. Die Wüste ist mit sämtlichen Leichen aller Spaghetti- und Hongkong-Western gepflastert, und das lebende Personal rekrutiert sich aus den Abstellkammern allen Zelluloid-»Horrors. Dazwischen lassen Größen grüßen: Godards »Weekend«, auf vier Jahrtausende gestreckt, die bizarrsten Szenen Buñuels, Reste von Fellinis »Satyricon«, Rückstände aus der Mottenkiste Dalis und Unterhosen des Marquis de Sade, und das alles wird zu einem echten Jodorowsky gebunden durch metaphysischen Quark aus der Milch katholischer Denkart.

Die bundesrepublikanische Filmbewertungsstelle lehnte es einstimmig ab, Jodorowsky zu bewerten, und ließ in der Begründung selbst die Hosen runter: »Diese Ästhetisierung des Widerwärtigen scheint dem Bewertungsausschuß ein besonderer Hinweis auf die Fragwürdigkeit eines Films, dessen Krankhaftigkeit nur noch durch Psychoanalyse zu klären ist.« Es spricht für Jodorowsky, daß es ihm gelungen ist, bundesdeutsche Kultur-Kleingötter zu einem derartigen Offenbarungseid hinzureißen.

Hans Georg Behr

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